Brugg
«Diesem Bach geht es nicht gut» – Der Süssbach könnte bald verkümmern

Bachflohkrebse zeigen gemäss Pro Natura, ob ein Gewässer gesund ist. Im Aargau ist die Bilanz ernüchternd – auch beim Brugger Süssbach.

Maja Reznicek
Drucken
Teilen
Matthias Betsche, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau, untersucht den Süssbach stichprobenartig.

Matthias Betsche, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau, untersucht den Süssbach stichprobenartig.

Alex Spichale

Eine Binsenweisheit besagt: Die kleinen Dinge machen den Unterschied. Ähnlich scheint es beim Bachflohkrebs zu sein. Das etwa Fingernagel grosse Tierchen gehört zu den häufigsten Flohkrebsarten der Schweiz und lebt in fast allen der hiesigen Bäche. Zumindest sollte es das. «Sie sind eine dieser zahllosen unscheinbaren Tierarten, die unser Ökosystem – also unsere Lebensgrundlage – überhaupt in Bewegung halten», erklärt Matthias Betsche, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau.

Denn der Bachflohkrebs ist laut der ältesten Naturschutzorganisation der Schweiz eine wichtige Nahrungsquelle für andere Tiere. Frisst er selbst hauptsächlich totes Blattmaterial, verspeisen ihn wiederum Vögel und Fische. «In einem gesunden Bach ist der Tisch reich gedeckt, weil dort Bachflohkrebse oft in sehr grosser Zahl vorkommen.» Ein tiefer Bestand der Tierchen zeige, dass mit dem Ökosystem etwas nicht stimme. Das Fehlen von Bachflohkrebsen stellte Betsche beispielsweise im Brugger Süssbach fest. Sein Fazit: «Diesem Bach geht es nicht gut.»

Zwischen Lupfig und Hausen keine Flohkrebse

Um den Bestand der Bachflohkrebse zu prüfen, untersuchte Matthias Betsche vergangene Woche stichprobenartig verschiedene Abschnitte des Bachs. Diese verglich er mit dem Zulauf des Süssbachs, dem Scherzbach, und stellt fest: «Im oberen Teil des Scherzbachs herrscht ein Gewimmel an Flohkrebsen. Im Süssbach musste ich teilweise sehr suchen, um überhaupt ein Tierchen zu finden.» An seinem Ursprung in Scherz sei das Gewässer naturnaher und der Bachflohkrebs häufig anzutreffen. Zwischen Lupfig und Hausen wiederum hat Betsche in den Stichproben kein einziges Exemplar einfangen können. An gewissen Stellen sei der Bach zu einem Rinnsal verkümmert.

Mit diesem Ergebnis steht der Süssbach im Aargau nicht allein da: Das Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag untersuchte bereits zwischen 2006 und 2010 das Vorkommen des Bachflohkrebses im Kanton. Gemäss diesen Studien fehlten die Tiere an jeder zehnten der 613 untersuchten Stellen und tauchten bei fast jeder vierten Stelle höchstens vereinzelt auf.

Warum der Bachflohkrebs den Süssbach nur teilweise bewohnt, müsse man in diesem Fall noch herausfinden, sagt der Geschäftsführer von Pro Natura Aargau. Bekannt ist: «Die Ausbreitung des Flohkrebses hängt stark von der Qualität des einzelnen Gewässers ab.» Beim Süssbach handle es sich um ein Kleingewässer in einer stark genutzten Region, in der unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen würden. Schadstoffe wie Pestizide aus Landwirtschaft und Industrie, die intensive Besiedelung des Gebiets, fehlender Sauerstoff im Wasser durch Verschmutzung sowie eine unnatürliche Gestaltung des Bachs könnten als Ursachen in Frage kommen.

Renaturierung als Potenzial für Mensch und Tier

Wenn die Situation längerfristig bestehen bleibt, sieht Matthias Betsche keine rosige Zukunft für den Brugger Bach: «Geht es so weiter, verkümmert der Süssbach.» Damit fiele der Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten weg, die auf saubere, natürliche Gewässer angewiesen seien. Zudem beeinträchtige das, was dem Bachflohkrebs schade, wegen seiner zentralen Rolle im Ökosystem auch indirekt andere Lebewesen.

Um das zu verhindern, ist gemäss Betsche eine Renaturierung und Aufwertung des Bachs nötig. Dies würde Potenzial für Mensch und Natur bieten. «Schön wäre, wenn der Süssbach auf ganzer Länge – so gut es die Umstände erlauben – aufgewertet würde, sodass wieder Fische herumschwimmen. Damit könnte sehr viel für die Biodiversität und die ökologische Vernetzung gemacht werden. Aber auch für uns Menschen – der Bach böte sich als wunderbares Naherholungs­gebiet an.»