Brugg
Diese vier Frauen lassen das Blut spritzen und kennen keine Tabus

Die Schweizer Kultfrauenband Les Reines Prochaines lernt auf ihrer Blut-Tour ein neues Kulturlokal kennen und begeistert auch Männer mit ihrem ungehobelten Sound. In der 1987 gegründeten Band ist nur noch Muda Mathis von der Originalbesetzung dabei.

Claudia Meier
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Les Reines Prochaines zupfen, blasen und singen im Dampfschiff (v. l.): Michèle Fuchs, Muda Mathis, Sus Zwick und Fränzi Madörin,

Les Reines Prochaines zupfen, blasen und singen im Dampfschiff (v. l.): Michèle Fuchs, Muda Mathis, Sus Zwick und Fränzi Madörin,

Claudia Meier

«Zögern ist blöd»: Was für die vierköpfige Musik-Performance-Band Les Reines Prochaines aus Basel gilt, haben sich auch die beiden Brugger Kulturhäuser Odeon und Dampfschiff auf die Fahne geschrieben. Bereits zum vierten Mal organisieren sie mit Grenzgänge einen gemeinsamen Abend, an dem das Publikum eingeladen ist, über den Tellerrand zu blicken.

Beim Betreten des Foyers im Odeon macht es am Samstag zuerst den Eindruck, als ob sich nur Frauen auf dieses Experiment einlassen möchten. Der Film «Les Reines Prochaines – allein denken ist kriminell» von Claudia Wilke zeigt, wie die Kultfrauenband tickt: Die kollektive Autorenschaft passt in keine Schublade und hält nichts von Wiederholungen, neue Ideen werden – ohne zu zögern – ausprobiert und nicht stundenlang ausdiskutiert.

Kichererbsensuppe als Zwischenverpflegung

Alle vier Frauen schreiben Texte, alle treten auch als Frontsängerin in Erscheinung. Im erfolgreichen Ignorieren jeglicher Trends vermuten sie das Geheimrezept ihres – mittlerweile – 27-jährigen Bestehens.

Nach der Aufwärmrunde im Kino pilgert das Publikum auf der Brugger Kulturmeile Richtung Dampfschiff. Plötzlich sind da doch einige Männer. Zwei unterhalten sich über ihre Bartpflege – der Trend aus Zürich ist offenbar im Aargau angekommen. «Seit dem vorletzten Vollmond lasse ich den Bart wachsen. Ich sehe so männlicher aus, wurde mir gesagt», erklärt sich ein Unterwindischer. Als Zwischenverpflegung gibt es Kichererbsensuppe – ohne Fleisch. Eine Frau schlürft am Tisch im Freien ihr Süppchen. Sie habe die künftigen Königinnen schon lange mal live sehen wollen, deshalb sei sie nun von Winterthur mit der S-Bahn gekommen, sagt sie voller Vorfreude aufs Konzert.

Industriestaubsauger tätowiert

Dann betreten die vier Frauen die Bühne und fesseln das Publikum mit ihren Musik- und Textbeiträgen aus dem Album «Blut». Sie singen auf Deutsch, auf Englisch sowie auf Französisch über Liebe, Sex, Schlaf und Blut – Periodenblut, Schweineblut und Blut im Operationssaal. Fränzi Madörin stellt für einmal nicht ihr Kleid, sondern ihr Tattoo am Oberarm – die Sujetwahl fiel auf einen Industriestaubsauger mit langem Rohr, das alles ausspuckt – und ihre neuste Anschaffung vor: «Ich habe neue Zähne aus Nylon. Manchmal nehme ich sie raus und bewahre sie im Schlangenleder-Täschli auf.»

Die Frauenband trat früher jeweils auf der Odeon-Bühne auf. «Jetzt sind wir durch den eigenen Film von dort ins Dampfschiff verdrängt worden», stellt Muda Mathis zufrieden fest. «Die Energie, die diese Frauen verbreiten, wirkt irgendwie ansteckend», sagt ein Brugger nach Konzertende strahlend.

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