Ganz leise kommt sie in den Raum, ohne Gebell, ohne herumzuspringen. Freundlich schnüffelt sie an den Besuchern. Das seidige Fell lädt zum Streicheln ein, was die Mischlingshündin sichtlich geniesst. Durch sanftes Anstupsen mit der Schnauze wird zum Weitermachen aufgefordert.

Mit ihrer ruhigen und gutmütigen Art passt die zirka elfjährige Valy perfekt ins Hospiz Stationär Palliative Care in Brugg. Dort werden sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Seit Anfang Jahr gehört auch Valy zum Hospiz-Team.

Valys Besitzerin Isabelle Paolozzi arbeitet in einem 50-Prozent-Pensum in der Institution. Eines Tages erzählte ihr eine Patientin, dass sie eine grosse Hundefreundin sei. Daraufhin entschloss sich Paolozzi spontan, beim nächsten Dienstantritt ihre Hündin mitzunehmen. Die Patientin freute sich riesig, und auch Valy schien den Besuch zu geniessen. Von da an schaute sie regelmässig bei der Patientin vorbei. Nach deren Tod durften Valy und Paolozzi sogar an der Beerdigung teilnehmen. Dafür sprach die Stadt Aarau eine Spezialbewilligung aus, denn Hunde sind auf Friedhöfen und in den Abdankungshallen nicht erlaubt. An der Trauerfeier wurde Paolozzi von zahlreichen Angehörigen der Patientin angesprochen, die begeistert von Valys Einsatz waren.

Isabelle Paolozzi und Valy sind ein gutes Team.

Isabelle Paolozzi und Valy sind ein gutes Team.

Seither ist Valy dreimal wöchentlich im Hospiz unterwegs, jeden Montag, Mittwoch und Freitag am Morgen. Beim Erstbesuch ist Paolozzi jeweils dabei, um zu sehen, ob es für den Patienten und die Hündin passt. Später geht Valy selbstständig ins Zimmer, die Tür bleibt dabei offen. Valy darf so lange beim Patienten bleiben, wie sie möchte, was ein paar Minuten bis mehrere Stunden dauern kann. Hin und wieder schaut Paolozzi nach dem Rechten. Danach kommt Valy erst einmal ins Büro, wo sie sich ausruht, bevor sie zum nächsten Patienten geht. Je nach Nachfrage und Belegung des Hospizes variiert die Anzahl der Besuche. Vier pro Tag sind allerdings das Maximum, schliesslich soll sich Valy nicht überanstrengen.

Bewegende Momente bei Besuchen

Immer wieder kommt es zu rührenden Momenten, wie Paolozzi erzählt: «Einmal kam Valy sehr lange Zeit nicht aus einem Zimmer heraus, also schaute ich nach. Da sah ich, wie Valy auf dem Bett lag. Sie hatte sich an die Patientin gekuschelt, und diese hatte den Arm um Valy gelegt. Beide schliefen. Es war ein unglaublich friedlicher Anblick, und die Patientin hatte ein Lächeln im Gesicht.» Dass Tiere einen positiven Einfluss auf die Psyche haben, ist schon länger bekannt und wurde durch zahlreiche Studien bestätigt. So mindert die Anwesenheit eines Tieres Angst und Stress, wirkt stimmungsaufhellend und hilft auch gegen Gefühle der Einsamkeit.

Munter trippelt Valy durch die Gänge, sie kennt sich hier bestens aus. Die kleine Hündin biegt ins Büro ab und legt sich auf ihre Decke, gegenüber vom Schreibtisch, an dem Geschäftsführer Dieter Hermann gerade arbeitet. «Die Arbeit im Hospiz ist Valys Berufung», bemerkt er. Paolozzi pflichtet ihm bei: «Sie ist ein Naturtalent.» Doch auch Naturtalente können noch etwas lernen. Deswegen arbeitet Paolozzi gemeinsam mit einer Hundetrainerin daran, dass Valy das Zertifikat für Besuchshunde macht. Dazu lernt sie neben den Grundkommandos, die sie bereits beherrscht, weitere nützliche Dinge, wie etwa Leckerlis ganz vorsichtig zu nehmen oder erst aufs Bett zu springen, wenn sie dazu aufgefordert wird.

Grundvoraussetzung für diese Ausbildung ist ein menschenfreundlicher und geduldiger Charakter. Daneben darf der Hund nicht schreckhaft sein, unerwartete Bewegungen oder Geräusche sollten ihn nicht verstören. Wichtig ist auch ein friedliches und tolerantes Wesen. Manchmal machen Patienten eine ungeschickte Bewegung und tun dem Hund versehentlich weh, dann darf dieser nicht schnappen. Das würde der freundlichen Valy sowieso nie in den Sinn kommen, ist sich Paolozzi sicher. Dabei ist Valys Gutmütigkeit nicht selbstverständlich. Schliesslich war ihr eigenes Leben nicht immer einfach, da sie früher als Strassenhund in Italien lebte. Die Organisation SOS-Strassenhunde brachte sie dann in die Schweiz und vermittelte sie an Paolozzi, bei der sie seit nunmehr acht Jahren mit zwei weiteren Hunden lebt.

Mit ihren vierbeinigen Mitbewohnern spielt Valy gerne, aber auch den Kontakt mit Menschen mag sie sehr. Die Hündin ist aufgeschlossen und liebt Kinder. «Sie ist ein richtiger Magnet», sagt Paolozzi. «Überall, wo wir hinkommen, wollen die Leute sie streicheln.» Tatsächlich fällt es schwer, sich dem warmen und liebevollen Wesen der Hündin zu entziehen.

Dank ihrer umgänglichen Art hat Valy keine Probleme mit den Haustieren, die manche Patienten ins Hospiz mitnehmen. Auch mit Chérie, Hermanns Hündin, die ebenfalls ab und zu Patientenbesuche macht, versteht sie sich.

Valy ist Botschafterin fürs Hospiz

Valy führt ein aktives Leben und ist oft mit ihrem Frauchen unterwegs, daneben bleibt aber noch genügend Freizeit, in der sie faulenzen und ganz Hund sein darf.

Gelegentlich machen Valy und Paolozzi auch Besuche in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden. Doch Valys Engagement für andere geht noch weiter. Letztes Jahr nahm sie nämlich an einem ganz besonderen Anlass teil. Als Botschafterin für «Mensch und Tier im Glück» waren Valy und ihre Besitzerin am Rigimarsch unterwegs. Durch ihre Teilnahme konnten sie über 1700 Franken erlaufen. Diesen Oktober werden Valy und Paolozzi am Hallwilerseelauf dabei sein. Das Duo wird die Strecke walken. Als Botschafterin fürs Hospiz Aargau hat Valy eine Spezialbewilligung erhalten, denn normalerweise sind Hunde nicht gestattet. An diesem eigeninitiierten Sponsorenlauf wollen Valy und Paolozzi Geld für den Ausbau und die Begrünung der Dachterrasse des Hospizes sammeln. Dank den täglichen, zweistündigen Spaziergängen sind beide ausreichend trainiert.

Beim abschliessenden Fotografieren fühlt sich Valy nicht allzu wohl. Unsicher schaut sie zu ihrem Frauchen hoch. So viel Aufmerksamkeit scheint ihr nicht ganz geheuer zu sein. Valy will nicht im Mittelpunkt stehen, und doch ist sie der heimliche Star des Hospizes.