Brugg

Diese Grabung ist für Archäologen ein Traum

Die Arbeiten am römischen Gräberfeld beim Remigersteig müssen bis April dieses Jahres abgeschlossen sein. Im November 2012 wurden mehrere gemauerte Fundamente gefunden; als «eigentliche Sensation» gilt ein kreisrundes Grabmonument.

Wer im Auto sitzt, nimmt die Baustelle an der Baslerstrasse in Brugg entweder nicht oder nur flüchtig wahr. Aber: Hier entsteht eine grosse Terrassen-Siedlung. Kein Wunder, sieht man Baumaschinen und zwei weisse Zelte. Diese gehören allerdings nicht zur Bauerei. Wer die Blache des einen Zeltes zurückschlägt, ist verblüfft: Einige Männer buddeln in der Erde; eine Frau im Wintermantel zeichnet auf einem weissen Block alles, was sich tut, akribisch auf.

Das ist unverzichtbar, denn hier, am Remigersteig, entdeckte die Kantonsarchäologie 2012 ein bis anhin vage vermutetes Gräberfeld. Die Gräber liegen an oder sogar auf einer römischen Kiesstrasse, die einst von Vindonissa nach Augusta Raurica führte und die wegen der schwierigen Hanglage mehrfach erneuert und verlegt wurde.

Als Surprise wurden im November 2012 mehrere gemauerte Fundamente bezeichnet; als «eigentliche Sensation» jedoch ein kreisrundes Grabmonument aus dem 1. Jahrhundert. Davor befindet sich ein römischer Grabstein, der noch genau so vor dem Grabbau liegt, wie er in der Antike umgekippt war.

Anthropologin bestimmt Alter

Mittlerweile ist noch ein weiteres, gleichgeartetes Grab entdeckt worden. Das lässt die Augen des bisherigen Ausgrabungsleiters Beat Wigger und seines Nachfolgers Hermann Huber aufleuchten. Seit November hat sich viel getan: Das Team entdeckte zum Beispiel neue Körpergräber, von denen es noch nicht weiss, was sich darin verbirgt. Nicht versiegt ist auch das Auffinden Dutzender Kindergräber. Anhand von Skelettresten lässt sich das Alter der Kleinen einschätzen: «Es handelt sich meistens um Kinder, die nur wenige Monate alt geworden sind», erklärt Beat Wigger. Für das Bestimmen des Alters ist eine Anthropologin zuständig, die nach Bedarf zur Grabung kommt.

Die Kinderleichen wurden nicht verbrannt, weshalb es keine Urnengräber gibt. Kinder wurden damals in kleinen Särgen und mit Beigaben wie zauberhaften Terrakotta-Tierfigürchen beigesetzt. Weitere Funde wie etwa Öllämpchen, Münzen, Spiegel und Amphoren ergänzen das Bild einer interessanten, höchst ergiebigen Ausgrabung. Das Ausgegrabene und Geborgene wurde und wird jeweilen in die Kantonsarchäologie nach Brugg gebracht, dort restauriert und zusammengesetzt.

Abschluss der Arbeiten im April

Im Vergleich zu den eisigen Temperaturen im November 2012 sind die jetzigen im Januar mild. «Das erleichtert uns die Arbeit sehr», sagt Beat Wigger und deutet auf Heizrohre, die sich durchs Zelt schlängeln. Ohne Wärme wäre eine Grabung im Winter schlicht unmöglich. Doch diese musste sein. Die Bauherrschaft der Terrassensiedlung hatte sich zwar – dank einer neuen Etappierung – kooperativ gezeigt, aber gleichwohl: Im April müssen die Arbeiten der Archäologen am Fusse des Bruggerbergs beendet sein. Diejenigen beim grossen Feld mit inzwischen über 90, unterschiedlich erhaltenen Gräbern sind bereits abgeschlossen.

Wer das Gräberfeld vom ersten Besuch im November in Erinnerung hat, wird es nicht mehr vorfinden. Es hat – im Zuge der Bauarbeiten – eine tiefgreifende Veränderung erfahren. Heute befindet es sich unter dem Betonfundament eines noch im Bau befindlichen Hauses – welch eine Vorstellung! Automatisch fragt man sich: Was passiert mit dem schönen, kreisrunden Grabmonument? Beat Wigger überlegt kurz: «Am schönsten wäre es doch, wir könnten es abtragen und woanders hinstellen. Platz hätte es ja genügend.»

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