Sie machen das, wovon andere träumen: zeitlich unbegrenzt reisen. «Selbstbestimmt leben», nennen es der Windischer Martin Schneiter (49) und die in Wettingen aufgewachsene Claudia Bohl (44).

32 Länder in Nord- und Südamerika sowie Europa haben sie mit ihrem 27-jährigen VW-Bus in bisher 1555 Tagen bereist. Mit Lenny, wie sie den Bus nennen, sind sie 122'580 Kilometer weit, vielfach auf holprigen Naturstrassen, gefahren. 17'657 Liter Benzin wurden verbraucht. Der ehemalige Verkaufsleiter und die Verkäuferin im Aussendienst leben ihren Traum und machen das, was viele bis zur Pensionierung aufschieben. «Ja, wir sind richtig lange unterwegs», berichten die beiden.

Die meisten Gleichgesinnten, die sie unterwegs getroffen hätten, seien ein bis maximal zwei Jahre am Reisen. Martin Schneiter, früher begeisterter Fussballer und einstiger Präsident des FC Windisch, hatte auch schon andere Herausforderungen gemeistert: 1997 erkundete er Südamerika mit dem Velo – allein.

9.2.2016, Rutschpartie

9.2.2016, Rutschpartie

Um nach den heftigen Regenfällen aus dem Podocarpus NP in Ecuador wieder rauszukommen, hat es eine Schaufel, Lenny mit Vierradantrieb und etwas Mut gebraucht ...

«Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das ist unser Motto», sagen die beiden. Momentan sind sie in der Schweiz, besuchen Familie und Freunde. Ende November gehts wieder zurück nach Montevideo in Uruguay. Dort ist VW-Bus Lenny, übrigens ein ehemaliges Fahrzeug der Neuenburger Kantonspolizei, stationiert. Lenny deshalb, weil sie sich an einem Lenny-Kravitz-Konzert ineinander verliebten.

Als Martin Schneiter und Claudia Bohl 2008 zusammenkamen, war er schon fleissig am Sparen. Das Reisen hatte es ihm nach seinem Velo-Abenteuer angetan. «Doch dann dachte ich, wieso profitiere ich nicht erst mal von den beruflichen Möglichkeiten und lege mir einen Sparplan zurecht mit dem Ziel: In meiner zweiten Lebenshälfte mache ich etwas ganz Anderes.» So kam genug Geld zusammen, um sehr lange zu reisen. «Was viele nicht wissen: Wenn man 15 Jahre lang monatlich 1000 Franken auf die Seite legt, kann man während 20 Jahren reisen», sagt er und schmunzelt.

5.8.2014: Bärenhunger

5.8.2014: Bärenhunger

Am Fish Creek in Hyder, Alaska, durften wir zwei Grizzlys beim Nachtessen beobachten – fantastisch.

Im Bann von Patagonien

Doch das Reisen stand nicht von Anfang an im Vordergrund: «Ich wusste ja nicht, was bis dahin passiert. Wen lerne ich kennen, kommt eine Familie ‹dazwischen›?» Er hätte sich auch vorstellen können, sich mit einem Veloladen selbstständig zu machen. «Bikes und Mountainbikes zu verkaufen und zu reparieren, das war schon immer ein Traum von mir.»

Es kam anders: Claudia Bohl und Martin Schneiter lernten sich kennen, beide hatten Trennungen hinter sich. Sie wollte sich neu orientieren, ein Bildband über Patagonien löste Reiselust aus. «Ich fragte Martin, ob er mitkommen will.» Er wollte. Ein VW-Bus sollte ihr neues «Heim», ihr Transportmittel sein. Während dreier Jahre baute er den Kleintransporter mit Küche, Solarpanels und Bett zum Camping-Bus aus. Gestartet ist das Paar am 2. Juni 2013. Sie fuhren durch Skandinavien bis ans Nordkap. In Helsinki entschieden sie sich für die Panamericana – die Reisetraumstrasse durch die beiden Amerikas.

Sie reisten von Norden nach Süden, von den zivilisierteren Ländern in die weniger entwickelten Orte. Martin Schneiters Vorurteil – «die USA habe ich in drei Monaten gesehen» – bewahrheitete sich nicht. Er schwärmt von den verschiedenen Nationalparks in Nordamerika. Und Claudia Bohls Patagonien? «Einfach nur wunderschön. Diese raue Natur mit den Gletschern ist unbeschreiblich», schwärmt sie. «Nach vier Jahren waren wir endlich da.» Auf dem «Campo Hielo Sur», dem grossen südlichen Eisfeld Patagoniens rund um den imposanten Fitz Roy, wanderten und übernachteten sie zusammen mit zwei österreichischen Reisefreunden, die sie im Norden Kanadas kennen gelernt hatten und nun im Süden wieder trafen.

24.11.2013: Holländischer Blumenkönig

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Ein wahres Schauspiel, dieser Verkäufer am Blumenmarkt in Hamburg. Die hohe Kunst des Verkaufens ...

Rezept gegen Beziehungsstress

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Claudia Bohl und Martin Schneiter können aus dem Vollen schöpfen. Ihr gefielen die liebenswürdigen Leute in Kolumbien und dass in Südamerika jeder Zeit für einen Schwatz habe. «Man baut aber auch ein anderes Verhältnis zum Materiellen auf, kommt mit viel weniger aus», sagt sie. 2500 Franken beträgt ihr gemeinsames Budget im Monat. «Da ist die Secondhand-Jeans für drei Franken ebenso dabei wie die neuen Getriebeteile für den VW-Bus oder auch die Heimflug-Tickets.»

Eine andere Herausforderung ist die, dass sie jede Stunde gemeinsam auf engstem Raum verbringen. «Man lernt sich noch besser kennen, muss auf den Partner eingehen können. Es braucht viel Toleranz», meinen die beiden. Jeweils einmal im Jahr gehen sie für einen Monat getrennte Wege. Sie sucht sich an einem schönen Ort eine Bleibe und er drückt auf dem MP3-Player «Interpret Pink Floyd» und macht mit Lenny einen Roadtrip. Das ist ihr Rezept gegen Beziehungsstress.

Obwohl oder eben weil die beiden schon so lange unterwegs sind, ist eines klar: «Die Schweiz bleibt unsere Heimat, wir wandern nicht aus», sagen sie. Claudia Bohl denkt an drei bis vier weitere Reisejahre. Martin Schneiter überlegt und sagt: «Eher 20 bis 25 Jahre. Wir haben keinen Plan.»

Blog: Unter www.viaje.ch berichten Claudia Bohl und Martin Schneiter über ihre Reise.