Windisch
Diese Aargauer erfinden neue Sagen – und publizieren diese im Netz

Irene Wegmann und Peter Rüegg erfinden neue Aargauer und Schweizer Sagen – und veröffentlichen diese am 13. jeden Monats auf einem Blog.

Elisabeth Feller
Merken
Drucken
Teilen
Irene Wegmann und Peter Rüegg verbreiten im Internet Sagen. Alex Spichale

Irene Wegmann und Peter Rüegg verbreiten im Internet Sagen. Alex Spichale

Alex Spichale

Der Nebel wabert übers Feld und senkt sich auf die Apfelbäume. «Unheimlich», denkt die Spaziergängerin und beschleunigt ihre Schritte. «Wir sind sagenstark», hört sie plötzlich zwei völlig verfremdete Stimmen. Die Frau sieht sich erschreckt um und blickt – in zwei lachende Gesichter. Gespenstisch wirken Irene Wegmann und Peter Rüegg jedenfalls nicht. Sagenstark aber schon. Genau dieses Wort hat diese beiden sowie die Besucherin vorerst zum Fototermin auf eine Wiese mit verwitterten und herrlich verwunschenen Bäumen in Unterwindisch geführt. Den Nebel und das Gruseln hat die Besucherin dazu einfach imaginiert. Kein Wunder, schliesslich sind Irene Wegmann (45) und Peter Rüegg (47) erprobt im Erfinden subtiler Schreckmümpfeli. «Sagenstark», heisst ihr Blog, den sie im Januar dieses Jahres erstmals aufgeschaltet haben. Seither erscheint jeden Monat am 13. eine Sage: nichts für Abergläubische, wenn dieses Datum auf einen Freitag fällt (siehe Box).

Das bietet das Autoren-Duo

Der Sagenblog von Irene Wegmann und Peter Rüegg, Unterwindisch, wurde am 13. Januar dieses Jahres auf www.sagenstark.wordpress.com gestartet. Bisher sind sechs mit Schwarz-Weiss-Zeichnungen illustrierte Sagen erschienen: «Gold im Fricktal»; «Der Kentaur vom Meidpass»; «Die Unglücklichen vom Höllchöpfli»; «Der Hase am Kreisel»; «Der Fels im Wald»; «Die Biberfrau». Die nächste Sage erscheint am 13. Juli. Wer immer am 13. des Monats per Mail an die neue Sage erinnert werden will, kann sich auf dem Blog als Follower eintragen oder Irene Wegmann und Peter Rüegg ein Mail an die Adresse
sagenstark@gmx.ch schicken. (az)

Unerklärlichem auf Spur kommen

Wie in aller Welt kommt das Paar – er ein Biologe, der als Redaktor in der Unternehmenskommunikation arbeitet; sie Germanistin und Journalistin – dazu, jeden Monat moderne Aargauer und Schweizer Sagen zu schreiben und diese mittels Blog zu verbreiten? Irene Wegmann und Peter Rüegg lächeln. Sie haben das Feld mit den Apfelbäumen mittlerweile verlassen und sitzen nun in der grossen, hellen Wohnung an einem langen Tisch, auf dem Sagenbücher liegen. «Wir erfinden sehr gerne Geschichten», sagen sie wie aus einem Mund und fügen flugs hinzu: «Und wir wünschten uns schon immer, gemeinsam als Paar etwas zu gestalten.»

Peter Rüegg deutet auf den Bücherstapel: «Sagen gab es seit je. Man denke nur an jene, die sich etwa am Tell-Mythos entzündet haben oder an die berühmten griechischen.» Alle hätten stets Geheimnisvolles, Mystisches und Magisches an sich, sagt er und sie ergänzt: «Unsere heutige Welt versucht, alles zu bändigen, doch nicht alles ist erklärbar.» Diesem Unerklärlichen will das Paar auf die Spur kommen, wobei seine Suche durchaus an jene nach erlesenen Trüffeln erinnert.

Wie gehen Irene Wegmann und Peter Rüegg vor? Nun, sie beobachten hellwach ihre Umwelt; sie imaginieren, was nicht zu sehen wohl aber erahnbar ist. Bäume und Wiesen, aber auch ein Landgasthof wie er in «Gold im Fricktal» erscheint, verleiten zum Innehalten. «Da denkt man sich unwillkürlich: Hier hat doch bestimmt etwas stattgefunden», sagt er. Sie wiederum erinnert an einen Kreisel bei Schinznach-Dorf: «Da gab es immer wieder Unfälle.» Was könnte es damit auf sich haben? Die sagenhafte Antwort darauf gibt «Der Hase am Kreisel.» Noch ein Müsterchen. Irene Wegmann und Peter Rüegg erzählen von einer Bergwanderung und einer unerwarteten Begegnung, was sich in der Sage «Der Kentaur vom Meidpass» so liest: «Eine junge Frau in Shorts mit braun gebrannten Beinen überholte ihn. Sie sprang leichtfüssig über die Steine. Rolf Schnell versuchte, sich an ihre Fersen zu heften, aber das war unmöglich. Als er eine Viertelstunde nach ihr atemlos die Passhöhe erreichte, sonnte sie sich auf einem flachen Felsen. Sie sah ihn an. Ihre Augen schimmerten goldgelb. Verwirrt machte Rolf Schnell sich an den Abstieg.»

Vorbild für eine zweite Protagonistin in derselben Sage ist eine reale Geiss, die Irene Wegmann auf besagter Wanderung nicht von der Seite wich: «Als Rolf Schnell auf dem Meidpass neuerlich rastete, spürte er plötzlich ihre Nähe. Sie kam zwischen den Felsen hervor und leckte das Salz von seinen Händen. Da ging eine Verwandlung in ihm vor. Vom Rumpf her abwärts bog und streckte sich sein Körper und wuchs zu einem gedrungenen Steinbock-Leib mit kräftigen Beinen und Hufen heran. Seine Brust weitete sich und auf seinem Kopf sprossen zwei mächtige Hörner.»

Schreiben und illustrieren selber

Unheimlich, denkt die Besucherin, aber offenkundig ganz nach dem Gusto von Autorin und Autor, die einander stets ihre Ideen erzählen: «Wir sind eine richtige Fabuliergemeinschaft.» Nach dem Entwurf wird gefeilt – bis die Schlussversion vorliegt. In den Augen beider blitzt es amüsiert auf, als die Rede auf das Wie des Schreibens kommt. «Es ist nicht so, dass jeder abwechselnd einen Satz beisteuert, bis eine Geschichte zu Ende ist», winken sie ab. Die schönen Schwarz-Weiss-Illustrationen steuern übrigens ebenfalls beide abwechselnd bei.

Dass sie jeden Monat «sagenstark» auftreten, bezeichnen die Eltern dreier Kinder nicht als Stress. Ideen wälzen und diese – mit der Sprache lustvoll spielend – bloggenderweise den Lesern vermitteln: Das ist ihnen vielmehr Leidenschaft und Vergnügen. So sehr, dass sie sich freuen, wenn andere sich an ihren Sagen in modernem Gewand erfreuen. Kann sich das Duo eine Veröffentlichung seiner Sagen in Buchform vorstellen? Wegmann und Rüegg blicken sich überrascht an: «Weshalb denn? Wir wollen vielmehr die Möglichkeiten sozialer Medien ausloten. Ein kommerzielles Interesse haben wir nicht, aber wir wollen einen möglichst grossen Leserkreis erreichen.» Ja, dieses Paar ist eben nicht nur ein sagen-, sondern auch ein sackstarkes Team.