Brugg
Die Wegbegleiter haben den Sozialgedanken tief in ihrem Herzen

Im Juni startete das ökumenische Pilotprojekt Wegbegleitung für Menschen in schwierigen Situationen – erste Erfahrungen am Beispiel Brugg.

Elisabeth Feller
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Wer begleitet wird, sieht optimistischer in die Zukunft. ho

Wer begleitet wird, sieht optimistischer in die Zukunft. ho

Vor schwierigen Situationen ist kein Mensch gefeit. Bloss geht jeder anders damit um. Der eine begreift sie als Herausforderungen, der andere als Hürden. Wer kann mir helfen, diese zu überwinden? Ob nur zu sich selbst oder zu anderen gesprochen, die Frage des Hilfesuchenden verrät Verzweiflung. Verzagen müssen Menschen in scheinbar aussichtslosen Situationen jedoch nicht. Für sie gibt es die kostenlose Wegbegleitung – ein im Juni dieses Jahres gestartetes Pilotprojekt der reformierten Landeskirche Aargau und der Caritas Aargau (im Auftrag der katholischen Landeskirche). Daran beteiligt sind die Reformierten Kirchgemeinden in Mellingen und Leutwil sowie die Katholischen Kirchgemeinden in Brugg und Schöftland.

Wegbegleitung gut angenommen

Um ein Beispiel herauszugreifen: In der Römisch-katholischen Kirchgemeinde Brugg ist Sozialdiakonin Beatrice Bieri Leiterin der Vermittlungsstelle mit einem 20-Prozent-Pensum bis 2014. Bei ihr laufen die organisatorischen Fäden zusammen; sie ist Ansprechpartnerin der zehn ehrenamtlich arbeitenden Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter und sie koordiniert deren Einsätze. Nun, da bald ein halbes Jahr verstrichen ist, darf eine erste Bilanz gezogen werden. Wie ist die Wegbegleitung angenommen worden? «Mit 35 Wegbegleitungen im Aargau sehr gut», sagt die Sozialdiakonin und verweist mit Blick auf die Brugger Situation «auf eine Anfrage, die wir pro Woche erhalten.» Die Hilfesuchenden sind auf das ökumenische Angebot durch verschiedene soziale und kirchliche Institutionen aufmerksam gemacht worden. Meldet sich jemand bei Beatrice Bieri, «sitzen wir erst einmal zu dritt zusammen und besprechen, was der Hilfesuchende möchte. Schliesslich wird ein Vertrag für eine beschränkte Zeit abgeschlossen, denn: Eine Begrenzung ist auch für Hilfesuchende gut.» Die Leiterin der Vermittlungsstelle unterstreicht, dass es bei der Wegbegleitung nie um «Bemuttern, Therapien oder fachliche Beratung» geht, sondern stets um Hilfestellungen in Form von Anteilnahme, Zuhören, Gesprächen, Rat und Tat.

Zwei Beispiele verdeutlichen, was gemeint ist: Ein junger Mann hatte sich beruflich selbstständig gemacht. Aber das funktionierte nicht. Ergo stand ihm, der sich zuvor viel leisten konnte, nicht mehr so viel Geld zur Verfügung. Deswegen konnte er auch im Freundeskreis nicht mehr so mithalten, wie er das gewohnt war. «Plötzlich ging nichts mehr», sagt Beatrice Bieri. Der junge Mann empfand die Situation als bedrückend; er merkte, dass er zwingend eine Arbeit und eine günstige Wohnung suchen musste. Aber wie? «In einer solchen Situation kann ein Wegbegleiter eine Art Lotsenfunktion übernehmen. Er hilft, indem er den Betroffenen etwa fragt: Hast du dieses oder hast du jenes probiert?»

Dank unter Tränen

Zweites Beispiel: Als ein Mann im Rollstuhl eine behindertengerechte Wohnung suchte, half ihm die Wegbegleiterin, indem sie mit ihm unter anderem Zeitungen und Internet nach Angeboten durchforstete, denn vier Augen sehen mehr als zwei. Schliesslich fand sich innert Kürze eine geeignete Wohnung. Der Lohn, der den zehn aus der Grossregion Brugg stammenden Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern winkt, bemisst sich nicht in Zahlen. Sondern oft in einem keineswegs wortreich, sondern mit Tränen beschworenen Dank. Die Frauen und Männer, die ihren Schützlingen zur Seite stehen, sind von unterschiedlichster beruflicher Herkunft: «Es sind aber auf jeden Fall Menschen, die den Sozialgedanken tief in ihrem Herzen haben», sagt Beatrice Bieri und windet ihnen ein Kränzchen: «Sie alle sind ein Geschenk.»