Brugg-Windisch

Die Vergangenheit birgt immer wieder Überraschungen

Bei den Grabungen wurden auch Skelette gefunden

Bei den Grabungen wurden auch Skelette gefunden

Die Grabung in Brugg ist für Archäologen ein Traum. Die grösste Sensation ist ein kreisrundes Grabmonument aus dem ersten Jahrhundert. Derweil wird die Kantonsarchäologin Elisabeth Bleuer pensioniert – sie hält Rückblick.

Wer im Auto sitzt, nimmt die Baustelle an der Baslerstrasse in Brugg entweder nicht oder nur flüchtig wahr. Aber: Hier entsteht eine grosse Terrassen-Siedlung. Kein Wunder, sieht man Baumaschinen und zwei weisse Zelte. Diese gehören allerdings nicht zur Bauerei. Wer die Blache des einen Zeltes zurückschlägt, ist verblüfft: Einige Männer buddeln in der Erde; eine Frau im Wintermantel zeichnet auf einem weissen Block alles, was sich tut, akribisch auf.
Das ist unverzichtbar, denn hier, am Remigersteig, entdeckte die Kantonsarchäologie 2012 ein bis anhin vage vermutetes Gräberfeld. Die Gräber liegen an oder sogar auf einer römischen Kiesstrasse, die einst von Vindonissa nach Augusta Raurica führte und die wegen der schwierigen Hanglage mehrfach erneuert und verlegt wurde.
Als Surprise wurden im November 2012 mehre gemauerte Fundamente bezeichnet; als «eigentliche Sensation» jedoch ein kreisrundes Grabmonument aus dem 1. Jahrhundert. Davor befindet sich ein römischer Grabstein, der noch genau so vor dem Grabbau liegt, wie er in der Antike umgekippt war.

Anthropologin bestimmt Alter

Mittlerweile ist noch ein weiteres, gleichgeartetes Grab entdeckt worden. Das lässt die Augen des bisherigen Ausgrabungsleiters Beat Wigger und seines Nachfolgers Hermann Huber aufleuchten. Seit November hat sich viel getan: Das Team entdeckte zum Beispiel neue Körpergräber, von denen es noch nicht weiss, was sich darin verbirgt. Nicht versiegt ist auch das Auffinden Dutzender Kindergräber. Anhand von Skelettresten lässt sich das Alter der Kleinen einschätzen: «Es handelt sich meistens um Kinder, die nur wenige Monate alt geworden sind», erklärt Beat Wigger. Für das Bestimmen des Alters ist eine Anthropologin zuständig, die nach Bedarf zur Grabung kommt.
Die Kinderleichen wurden nicht verbrannt, weshalb es keine Urnengräber gibt. Kinder wurden damals in kleinen Särgen und mit Beigaben wie zauberhaften Terrakotta-Tierfigürchen beigesetzt. Weitere Funde wie etwa Öllämpchen, Münzen, Spiegel und Amphoren ergänzen das Bild einer interessanten, höchst ergiebigen Ausgrabung. Das Ausgegrabene und Geborgene wurde und wird jeweilen in die Kantonsarchäologie nach Brugg gebracht, dort restauriert und zusammengesetzt.

Abschluss der Arbeiten im April

Im Vergleich zu den eisigen Temperaturen im November 2012 sind die jetzigen im Januar mild. «Das erleichtert uns die Arbeit sehr», sagt Beat Wigger und deutet auf Heizrohre, die sich durchs Zelt schlängeln. Ohne Wärme wäre eine Grabung im Winter schlicht unmöglich. Doch diese musste sein. Die Bauherrschaft der Terrassensiedlung hatte sich zwar - dank einer neuen Etappierung - kooperativ gezeigt, aber gleichwohl: Im April müssen die Arbeiten der Archäologen am Fusse des Bruggerbergs beendet sein. Diejenigen beim grossen Feld mit inzwischen über 90, unterschiedlich erhaltenen Gräbern sind bereits abgeschlossen.
Wer das Gräberfeld vom ersten Besuch im November in Erinnerung hat, wird es nicht mehr vorfinden. Es hat - im Zuge der Bauarbeiten - eine tiefgreifende Veränderung erfahren. Heute befindet es sich unter dem Betonfundament eines noch im Bau befindlichen Hauses - welch eine Vorstellung! Automatisch fragt man sich: Was passiert mit dem schönen, kreisrunden Grabmonument? Beat Wigger überlegt kurz: «Am schönsten wäre es doch, wir könnten es abtragen und woanders hinstellen. Platz hätte es ja genügend.»

Kantonsarchäologin wird pensioniert

Derzeit arbeitet Elisabeth Bleuer ihren Nachfolger Georg Matter ein. Traditionsgemäss hat sie in einem Gespräch mit der az Rückblick gehalten auf die Tätigkeit der Kantonsarchäologie im Vorjahr - dies nun zum letzten Mal. Beginnen wir mit der aktuellsten Grabung am Remigersteig in Brugg. Die Notgrabung dauert auch im Winter an, derzeit rechnet man mit insgesamt über 100 römischen Gräbern.

Erstmals seit 1975 ist im Gebiet Vindonissa ein römischer Grabstein zum Vorschein gekommen, vollständig erhalten mit zugehörigem Grabbau, mit Inschrift und Darstellung der beiden Verstorbenen: «Eine bedeutsame Entdeckung», so Bleuer. Die inzwischen entzifferte Inschrift besagt, dass Maxsimila Cassia, Tochter des Lucius, von Bononia (Bologna), 40 Jahre alt, und Heuprosinis, 10 Jahre alt, Sklavin des Lucius Atilius, hier bestattet sind; Lucius Atilius hat (den Stein) seiner Frau gesetzt. - Die 2. Etappe der Grabung im Ostteil des Dorfzentrums Windisch ist weniger ergiebig als letztes Jahr ausgefallen, entgegen den Erwartungen war diese Fläche in römischer Zeit offenbar nicht überbaut. Spuren deuten auf einige Vorrats- und Kellergruben hin. Aufgefunden wurden aber rund 100 spätantike Münzen. Die Reinigung der römischen Wasserleitung ist 2012 zügig vorangekommen. Nach Entfernung von Wurzelwerk und Geröll fliessen täglich wieder zwischen 250 000 und 900 000 Liter Wasser durch dieses einzigartige Bauwerk.

Stollensystem in Baden

Im Limmatknie des Bäderquartieres in Baden folgte eine vorerst letzte Grabungskampagne. Dabei entdeckte man eine hervorragend erhaltene Holzkonstruktion zur Baugrundstabilisierung mit seitlicher Schalung und Tonverfüllung. Die Archäologen vermuten, dass hier Vorbereitungen getroffen worden waren für die grossen römischen Bauten.

Untersucht wurde der Boden sodann vor dem Bau eines Swimmingpools an der Römerstrasse in Baden, wo man ebenfalls römische Befunde erwartete. Stattdessen kam ein unterirdisches Stollensystem aus dem 17./18. Jahrhundert zum Vorschein. 20 Meter Länge wurden ermittelt, die genaue Ausdehnung ist nicht bekannt. Handelte es sich um einen Wassersuchstollen? Am Bündtenweg in Auenstein lassen Pfostengruben, Ofenreste und weitere Funde auf ein grosses Haus aus der mittleren Bronzezeit schliessen. Gräber aus der Bronzezeit entdeckten die Archäologen im Gebiet Strick-Dägerfeldt in Schinznach-Dorf. Vornehmlich der Bronzezeit zugeordnet wird die Grabhügelanlage im Niederholz in Seon. Diese konnte in Zusammenarbeit mit der Gemeinde für die Besucher anschaulicher inszeniert werden. Auf eine mittelbronzezeitliche wie auch frühmittelalterliche Siedlung stiess man in Gipf-Oberfrick.

Gefordert war auch die Mittelalterequipe, etwa mit Untersuchungen am Rathaus Mellingen, im Schloss Wildenstein, an einem ehemaligen Strohdachhaus mit Kern von 1547/48 in Othmarsingen. Ein Highlight war für Bleuer die 100-Jahr-Feier des sanierten und neu gestalteten Vindonissa-Museums; nach 60 Jahren konnte dabei ein neuer Museumsführer vorgestellt werden. Nicht geglückt ist der Erhalt der Aquäduktpfeiler in Windisch.

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