Gericht
«Die Sucht war stärker»

Scheibenhöämmer, Stoffbären, Zigaretten: Das ist die Beute eines vor Gericht stehenden Mannes. Bekenntnisse eines Drogenabhängigen.

Louis Probst
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Knapp, aber nicht unfreundlich gibt der junge Mann Antwort auf die Fragen von Gerichtspräsidentin Franziska Roth. Zwei Kantonspolizisten haben ihn aus Lenzburg, wo er im vorzeitigen Strafvollzug steckt, nach Brugg gebracht. Beruf hat er keinen. Konkrete Pläne für seine Zukunft auch nicht. Letztlich ins Gefängnis gebracht hat ihn seine Drogensucht. Die hat er in der Untersuchungshaft überwunden. Sagt er. Eine stationäre Therapie will er nicht. Die ihm zur Last gelegten Delikte gibt er zu.

Scheibenhämmer und ein Stoffbär

«Ja», sagt er zur langen Liste der Delikte, die ihm von der Gerichtspräsidentin vorgelesen wird. Vorgeworfen werden dem Angeklagten neben Widerhandlungen gegen die Betäubungsmittelgesetzgebung auch Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Urkundenfälschung – vor allem aber Diebstähle. Die Anklage geht davon aus, dass er mit diesen Diebstählen seinen Lebensunterhalt und seinen Drogenkonsum finanziert hat.

Gestohlen hat der Angeklagte unter anderem elf Scheibenhämmer aus einem stehenden Schnellzug der SBB. Die Dinger setzt er dann folgerichtig für den Zweck ein, für den sie bestimmt sind: zum Einschlagen von Scheiben. Nicht immer sind die Einbrüche so «lukrativ» wie im Dorfladen seines früheren Wohnortes, den er gleich zweimal heimsucht und aus dem er Zigaretten, Spirituosen und Lotterielose mitlaufen lässt. Beim Aufbruch eines Autos muss er sich mit fünf Schlüsseln, einem Feuerzeug, einer Fernbedienung und einem Stoffbären begnügen. In anderen Autos, vorzugsweise Cabrios, bei denen er die Dächer aufschlitzt, sucht er vergeblich nach Beute. Ein dritter Einbruch in den heimischen Dorfladen wird ihm schliesslich zum Verhängnis. Zusammen mit seiner Freundin wird er von einer Patrouille des Grenzwachtkorps geschnappt. Mit dabei hat das Paar eine Sporttasche und Kehrichtsäcke. Inhalt: 35 Stangen Zigaretten.

«Schlechte Prognose: Unbedingt»

Die Staatsanwältin spricht von einem «schweren Verschulden» des Angeklagten: Sie erachtet eine Freiheitsstrafe von 21⁄2 Jahren als angemessen. Sie stellt dem Angeklagten eine «schlechte Prognose» und fordert daher eine unbedingte Strafe.

Die Verteidigerin plädiert für eine Strafe von zwei Jahren. Sie weist darauf hin, dass ihr Mandant geständig sei und dass es sich bei den Diebstählen um Fälle von Beschaffungskriminalität handle. Und sie stellt fest: «Die Sucht war stärker.»

Das Gericht folgt dem Antrag der Staatsanwältin. Es verurteilt den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von 21⁄2 Jahren und zu einer Busse von 200 Franken, und es ordnet den Besuch einer ambulanten, suchtspezifischen Massnahme an. «Sie sind jetzt 32 Jahre alt», redet die Gerichtspräsidentin dem Angeklagten zu. «Zeit, das Leben in die Hand zu nehmen. Sie haben die Chance, ein neues Leben aufzubauen. Ohne Drogen. Sonst ist der Zug abgefahren.» Der junge Mann hört aufmerksam zu.