Reges Interesse am Anlass der Vereinigung Christlicher Unternehmer der Schweiz, Sektion Aargau/Solothurn: Auch eine Brugger KV-Berufsmaturaklasse wollte sich im Salzhaus über das brisante Thema Solidarität in der Schweiz informieren lassen.

Der Redner, Jean-Daniel Gerber, ist ein international erfahrener Wirtschafts- und Finanzexperte. So hatte er das Bundesamt für Migration und das Staatssekretariat für Wirtschaft geleitet und ist heute unter anderem als Präsident der Schweiz. Gemeinnützigen Gesellschaft tätig. Er äusserte sich denn auch sehr prononciert. So zeigte er auf, dass Eigennutz und Gemeinnutz vereinbar sind, ja ihre Berechtigung haben.

Mit weisser Weste?

Zum Eigennutz: Das Einkommen in unserem Land sei «weniger ungleich verteilt» als im europäischen Durchschnitt und kaufkraftbereinigt 1,3 mal höher als jenes in Deutschland und Frankreich, stellte Gerber fest. Auch die Vermögensverteilung sei relativ ausgewogen; in den Vermögensstatistiken fehlen aber die Angaben unter anderem zum Alterskapital von AHV und Pensionskassen, was Vergleiche erschwert.

Bezüglich Steuerhinterziehung stehe die Schweiz nicht mit weisser Weste da. «Ich bin mir nicht sicher, ob wir ehrlichere Steuerzahler sind als die Franzosen und Deutschen.» Schätzungen gehen von einem jährlichen Hinterziehungsbetrag von mindestens 150 Milliarden Franken aus.

Zum Gemeinnutz: Die Schweizer spenden sehr viel. 2012 wurde ein Betrag von 1,64 Milliarden ermittelt. Rund drei Viertel der Bevölkerung beteiligt sich, wobei 50 Prozent weniger als 300 Franken spenden, 12 Prozent mehr als 1000, 2 Prozent mehr als 5000 Franken jährlich.

36 Prozent gehen an Behinderte, 32 Prozent in die Entwicklungszusammenarbeit, 32 Prozent in die Inlandhilfe. Ebenso erfreulich: 47 Prozent der Bevölkerung, knapp 3 Mio. Menschen, engagieren sich im Rahmen von gemeinnütziger Arbeit. Warum? Wichtig sind primär die Freude an der Tätigkeit, etwas bewegen zu können und andern zu helfen. «Freiwillige Arbeit ist moralisch und gesellschaftspolitisch äusserst wertvoll.»

Auf dem Boden der Neutralität

Der Leiter der az-Bundeshausredaktion, Stefan Schmid, führte durch die Diskussionsrunde, stellte aber zunächst selber einige Frage, etwa: Die Schweiz ist nicht Mitglied der EU – fehlt da die Solidarität? Gerber verneinte. Die EU habe grosse Verdiente, so bezüglich Friedenssicherung. Unser Land beteiligt sich aber vielfältig im Rahmen der EU-Aktivitäten, dies auf dem Boden der Neutralität und Demokratie.

Eine andere Frage: Sind wir solidarisch mit den Flüchtlingen? Gerber bejahte. Die Schweiz bietet ihnen Unterkunft und Nahrung und wendet jährlich über 1 Milliarde auf. Aber: 95 Prozent der Flüchtlinge sind nicht «an Leib und Leben gefährdet» und gelten nicht als echte Flüchtlinge. Hier müsse man in der Beurteilung eine Mischung von «Verstand und Herz» finden.

In einer weitern Antwort bezeichnete er die Millionensaläre von Spitzenmanagern als «unangemessen und ungehörig». Ein Votant ersuchte um eine Beurteilung der Pauschalbesteuerung. Gerber: «Eine schwierige Frage: Wirtschaftlich muss man dafür sein, moralisch dagegen . . .»