Velofahrer, Jogger und Mütter mit lachenden Kindern sind im Park unterwegs. Ihnen kommt eine Patienten-Gruppe mit frisch gestriegelten Ponys entgegen. Wir befinden uns auf dem Areal der Psychiatrischen Klinik Königsfelden in Windisch. Beim Hirschen-Häuschen wartet Hans Huber gleich neben dem neuen Broteinwurf. Seit 15 Jahren ist er für die Hirsche und seit 38 Jahren für die Tiere des landwirtschaftlichen Betriebs auf dem Klinik-Areal verantwortlich. Die Wildtiere sind ihm ans Herz gewachsen: «Ich kommuniziere oft mit ihnen und spüre sofort, ob sie einen guten Tag haben oder nicht.»

Kaum hat Huber mit einem blauen Eimer voller harter Brotstückchen das Hirschgehege betreten, ruft er: «Komm, Köbeli, komm!» Der Hirsch, die fünf Hirschkühe sowie die vier letztjährigen Jungen heben den Kopf und laufen neugierig den Hang hoch. Am schnellsten ist der männliche Hirsch Köbeli mit seinem imposanten Geweih. «Bis Ende April wird er dieses verlieren. Die hausinterne Jugendgruppe hat bereits Interesse am Geweih angemeldet. Bis Herbst wächst eine neues, grösseres Geweih heran. Möglicherweise entsteht daraus Schmuck», erzählt Huber.

Der zehnjährige Köbeli weicht nicht mehr von Hubers Seite. Die Weibchen stehen geduldig hinten an, als ob sie wüssten, dass sie nicht vernachlässigt werden. Die Hirsche gehören mindestens seit 1930 zur Psychiatrischen Klinik Königsfelden – soweit geht die Dokumentation über die Wildtierhaltung zurück. Die Tiere sind dem Bereich Pflege zugeteilt. Heutzutage kommen sie offiziell in der Arbeitstherapie zum Einsatz.

Die sogenannte Tiergruppe besteht jeweils aus acht Akutpatienten, die sich am Morgen und Nachmittag an 365 Tagen im Jahr um die Pflege der Tiere kümmert. «Wir arbeiten mit Patienten aus den Bereichen Allgemeine Psychiatrie, Abhängigkeitserkrankungen und Forensik», erklärt Huber. Dabei gehe es nicht primär um die Fütterung. «Für die Patienten ist es schon ein Erlebnis, mit einem Wildtier in Kontakt zu kommen und es zu berühren. Sie können dabei Ängste abbauen und Vertrauen aufbauen.» Die Tiergruppe hilft zudem beim Zaununterhalt, der Unkrautbekämpfung und beim Unrat entfernen mit.

Neben Gras, Heu und Wasser bekommen die Hirsche gelegentlich einen Leckerbissen in Form eines mundgerechten Brotstückes oder eines Maiswürfels. «Die Fütterung kann bis zu einer Stunde dauern, wenn der Patient die Beziehung zum Tier geniessen will», räumt Huber ein.

Wer den Hirschen trockenes, altes Brot überlassen möchte, kann den neuen Broteinwurf beim Häuschen benutzen. Selber füttern ist verboten. «Die unkontrollierte Fütterung durch Besucher kann den Tieren schaden», betont Huber. Auch die Patienten leiden mit den Tieren mit, wenn es diesen schlecht geht. Auf der anderen Seite freuen sich alle, wenn sie – in der Regel im Juni – eine Geburt miterleben dürfen. Die jungen Hirsche werden nach rund eineinhalb Jahren geschlachtet. «Auch das gehört zum Lebenszyklus. Bei uns haben die Jungtiere ein schönes Leben. In der Wildnis sind die Tiere von Geburt an auf der Flucht. Dort überlebt nur etwa ein Drittel den ersten Winter», sagt Huber.