Birr

Die Pächter des «Bären» wanderten nach Frankreich aus: Nun bedroht die Coronakrise ihre Existenz in der Provence

Patrick und Natascha Hemmelmayr wanderten 2017 mit ihren drei Kindern Mayel, Amaury und Mounya (v.l.) aus.

Patrick und Natascha Hemmelmayr wanderten 2017 mit ihren drei Kindern Mayel, Amaury und Mounya (v.l.) aus.

Die Coronakrise hat den Künstler aus Birr und seine Familie schwer getroffen.

Vor vier Jahren entschied sich Patrick Hemmelmayr, den Gasthof Bären in Birr aufzugeben und sich mit seiner Familie einen langersehnten Wunsch zu erfüllen: ein eigenes Weingut im Mittelmeerraum zu bewirtschaften. Im Sommer 2017 wurde dieser Traum mit dem Kauf eines Wein- und Olivenguts in der Region Provence-Alpes-­Côte d’Azur Wirklichkeit.

Nun vermieten sie in ihrer «Domaine Hemmitage» im südfranzösischen Salernes sieben Appartements und ein Gästezimmer. Patrick Hemmelmayr gibt zudem Kurse und Seminare in seinem Kunstatelier auf dem Anwesen.

Zwei ausgebuchte Monate helfen durch den Winter

Die Coronakrise hat den Künstler und seine Familie schwer getroffen. Erst seit 2019 wurde der Verdienst der aufwendigen Vorarbeit auf dem Wein- und Olivengut sichtbar, der Frühling zeigte sich mit vielen Buchungen vielversprechend.

Nach zwei Jahren Investitionsarbeit in das Anwesen wäre die «Domaine Hemmitage» nun richtig ins Geschäft gekommen – bis die Krise kam. «Die Ernte dieser ganzen Vorarbeit wurde grösstenteils zerstört», sagt Hemmelmayr. Gearbeitet und vermietet werden konnte dieses Jahr nur im Juli und August. Diese zwei Monate waren dafür vollständig ausgebucht. «Wir hätten dreifach vermieten können, so gross war die Nachfrage. Die zwei ausgebuchten Monate helfen uns nun durch den Winter», erzählt der 52-Jährige. Mit der darauffolgenden Verschärfung der Coronaschutzmassnahmen musste die «Domaine Hemmitage» aber wieder vorübergehend schliessen, seit Ende Oktober herrscht in Frankreich erneut eine Ausgangssperre.

Homeoffice in der sonnigen Provence

Ganz nach dem Sprichwort «Not macht erfinderisch» erarbeiteten Hemmelmayrs in der Krisensituation eine neue Idee. Seit kurzem werden die Appartements für Homeoffice-Aufenthalter, Workaways und Kurzaussteiger vermietet. Das Angebot richte sich an Menschen, die ein Sabbatical machen möchten oder denen zu Hause in der Grossstadt die Decke auf den Kopf fällt, erzählt Hemmelmayr. «Diese Menschen können zu uns aufs Gut kommen und in Ruhe auf dem Anwesen ihr Homeoffice betreiben. Hier haben wir ein wunderschönes Grundstück und wunderbar sonniges Wetter, die Gäste sollen davon profitieren können», erklärt er. «Bereits vor einer Woche hat sich eine erste Interessentin aus Marseille gemeldet, sie wird wohl nächste Woche ein Appartement beziehen», freut sich Hemmelmayr. Verpflegen können sich die Gäste selbst, in jedem Appartement steht eine Küche zur Verfügung. Die 7,5 Hektar Land, die die «Domaine Hemmitage» umgeben, halten den Künstler auf Trab. Auch der Unterhalt des Anwesens gibt viel zu tun, derzeit stehen eine Renovation des Ateliers, der Ausbau des Hangars, diverse Reparaturen und Renovationen in den Appartements und die schier endlose Gartenarbeit auf dem Programm. «Uns wird auf keinen Fall langweilig», meint der Familienvater lachend. Zudem werden zwei der Kinder zurzeit nicht mehr zur Schule geschickt. Deshalb werde jeden Tag einige Stunden zu Hause unterrichtet, meist von seiner Ehefrau Natascha, berichtet er. «Es wäre wirklich toll, wenn nicht die finanzielle Situation so schlimm wäre», fasst Hemmelmayr die derzeitige Lage zusammen.

Hoffnung bringt ein eigenes Crowdfunding-Projekt

«Dieses Jahr werden wir mit den zwei Monaten, die wir während der Sommersaison geöffnet hatten, wohl nur einen Drittel des normalen Gesamtumsatzes erwirtschaften können», meint Hemmelmayr. Mit der staatlich finanzierten Hilfe während des Lockdowns und einem eigens lancierten Crowdfunding-Projekt mit Olivenbaumpatenschaften und Investitionen ins Weinkonzept konnte das Schlimmste abgewendet werden. Als Gegenleistung habe die Unterstützer dann Ferienbons, Olivenöl und Wein aus eigenem Anbau erhalten.

Für den Winter wurde der Gastro- und Tourismusbranche in Frankreich wiederum staatliche Unterstützung zugesagt. Die Hilfsgelder sollen sogar viel höher ausfallen als im Frühjahr, weiss Hemmelmayr. Den Winter kann die «Domaine Hemmitage» so überstehen. «Aber wenn im Frühling nicht wieder mehr an Geld reinkommt, wird es kritisch», kommentiert er.

«Wir haben vor drei Jahren alles auf eine Karte gesetzt. Alles spricht für unser Projekt: die Lage, das Klima, die ganze Gegend. Die Coronakrise kam absolut unerwartet und hat all dem einen Strich durch die Rechnung gemacht.» Die Familie Hemmelmayr hat in der Provence ihr Glück gefunden und dennoch muss sie nun um ihre Existenz kämpfen. Mit der Auswanderung und dem Kauf des Wein- und Olivenguts habe sich der lange Traum erfüllt. «Die Kombination aus Tourismus, Kunst und Weinbau ist genau das, was wir suchten», schildert Hemmelmayr. «Aber wenn sich die Lage im Frühling nicht normalisiert, könnte dieser Traum leider platzen.»

Meistgesehen

Artboard 1