Vatersuche
Die Mutter von Ingeborg F. hat in Restaurant in Mülligen gearbeitet

Vor drei Wochen suchte die Österreicherin Ingeborg F. im «Sonntag» ihren Schweizer Vater. Die Spur führt ins Restaurant Waldheim nach Mülligen. Der Entscheid kam von einem Sachbearbeiter der Sozialversicherung Aargau.

Sabine Kuster
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Stammgast Jakob Schneider (vorne) erinnert sich an die Österreicherin.

Stammgast Jakob Schneider (vorne) erinnert sich an die Österreicherin.

Emanuel Freudiger

Der entscheidende Hinweis kam von einem Sachbearbeiter der Sozialversicherung Aargau (SVA): Er fand nach kurzer Recherche im SVA-Verzeichnis die gesuchte Philomena Schultermandl, geboren 1928 aus Österreich.

Philomena Schultermandl ist die Mutter der 55-jährigen Ingeborg F., welche seit vergangenem November auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater ist (siehe Update und «Der Sonntag» vom 20.2.). Wie der SVA-Sachbearbeiter herausfand, hatte Philomena Schultermandel 1954 im Restaurant Waldheim in Mülligen bei Emil Schatzmann gearbeitet.

Gemeindeschreiber stieg ins Archiv

Dies war der Schlüssel zu weiteren Nachforschungen: Nun stieg der stellvertretende Gemeindeschreiber von Mülligen, Stefan Herzog, hinab ins Archiv der Gemeinde und fand in den alten Büchern genauere Informationen: Philomena Schultermandel hatte vom 19. Mai bis zum 24. August 1954 nicht nur im Restaurant Waldheim gearbeitet, sondern auch gewohnt. Danach kündigte sie dort und arbeitete 8 Tage lang im Restaurant Schützenhaus in Ennetbaden.

Bei der Gemeinde Ennetbaden oder Baden war sie aber nie angemeldet, wie die Fremdenpolizei der Gemeinde Mülligen nach einer Anfrage am 21. September 1954 mitteilte. «Ich habe erstaunlich viel Korrespondenz gefunden», sagt Stefan Herzog von der Gemeinde Mülligen, «anscheinend wollte Mülligen wissen, ob der Stellenwechsel bewilligt war. Die Fremdenpolizei hat dies bejaht.»

Nach bloss einer Woche im Restaurant Schützenhaus reiste Philomena Schultermandl ab, ohne eine Adresse zu hinterlassen - auch danach hatte sich die Gemeinde Mülligen damals erkundigt.

Im Restaurant Schützenhaus erinnert sich heute niemand mehr an die österreichische Serviertochter. Aber im Restaurant Waldheim kennt einer Philomena: Jakob Schneider, Landwirt aus Mülligen. «Ich dachte gleich, das ist sie, als mich der Wirt fragte, ob ich mich an eine Österreicherin erinnere», sagt der 80-Jährige. Er sitzt am Stammtisch im «Waldheim», wie schon so oft in den vergangenen 56 Jahren.

Heutige Serviertochter auch aus Österreich

Der Zufall will es, dass die heutige Serviertochter Johanna Perler ebenfalls aus Österreich ist. Sie kam mit 22 Jahren in die Schweiz und heiratete hier. Wirt Josef Achermann, Johanna Perler und Jakob Schneider beugen sich über das alte Foto der jungen Österreicherin. «Jäh - das ist genau die!», sagt Schneider. Trotz der vielen Jahre, die seither vergangen sind, erzählt er, als wäre es gestern gewesen. Trudi habe man sie gerufen in der Gaststube, einfach, weil auch die Wirtin so geheissen habe. «So ist immer eine gekommen, wenn wir gerufen haben», schmunzelt er. Nur der Wirt, Miggel (Emil) Schatzmann habe jeweils von der «Schultermandl» gesprochen.

Ingeborg F. erstaunt dies. Ihre Mutter habe immer davon geschwärmt, dass ihr Vorname in der Schweiz besonders schön ausgesprochen worden sei. «Man nannte sie Philomen, während sie überall sonst nur Meni gerufen wurde», schreibt die Tochter aus Graz.

«Trudi» und «Philomen» scheinen dennoch dieselbe Person gewesen zu sein. Schneider erinnert sich an vieles: Philomena sei in die Schweiz servieren gekommen, weil sie Geld verdienen musste, obwohl sie eigentlich hätte Lehrerin werden wollen. Im «Waldheim» war sie nicht nur Serviertochter, sie schaute zur kleinen Tochter des Wirtepaars und half im Haushalt. «Ein flottes Mädchen war das», sagt Schneider.

«Einmal hiess uns der Wirt ein Auge auf eine trächtige Sau zu halten, weil er selbst wegmusste. Da habe ich mich mit einem Kollegen im dunklen Stall versteckt, weil wir wussten, dass die Wirtin und Philomena bald nach der Sau schauen kommen würden. Die beiden erschienen auch wirklich, bewaffnet mit einem Messer und einem Beil, weil sich die Frauen im Dunklen fürchteten. Da liess mein Kollege ein Eisenrohr, welches er in der Hand hielt, fallen - die beiden erschraken sehr.»

Dass Philomena mit einem Gast geflirtet hätte, war Jakob Schneider nicht aufgefallen. «Ich war damals frisch verheiratet, ich habe nicht auf so etwas geachtet», sagt er. Die einzigen Ärzte, an die er sich aus dieser Zeit erinnert, sind drei Veterinäre der ehemaligen Besamungsstation in Mülligen. Diese seien oft zu Gast im «Waldheim» gewesen, «alle hatten so Jahrgang 1923 oder 24».

Ein Tierarzt - warum nicht? Könnte es sein, das einer von ihnen Ingeborgs Vater ist? Zwei von ihnen sind überraschenderweise Österreicher. Ebenberger hiess einer, aber mehr weiss Schneider nicht, er sei weggezogen. Der Zweite blieb ledig und wohnt noch immer in der Region. Nach einem Anruf ist aber klar: Er kann nicht mehr weiterhelfen. Seit einem Schlaganfall wird er zu Hause gepflegt, eine Kommunikation ist fast unmöglich. «Schade», sagt Schneider, «ich hätte getippt, dass er am ehesten noch mehr gewusst hätte.»

«Ich kenne die Frau nicht»

Der dritte Tierarzt lebt ebenfalls noch in der Region. Doch am Telefon reagiert er kurz angebunden: «Ich kann dazu nichts sagten», antwortet er, «ich kenne die Frau nicht.»
Versandet die Spur hier? Jakob Schmid sagt: «Von unserer damaligen Stammtisch-Clique lebt ausser mir niemand mehr.» Doch gibt es sonst wirklich keinen, der sich an die österreichische Serviertochter von damals erinnert? Und warum hat der gesuchte Vater seine Tochter nie kennen lernen wollen, obwohl er doch durch den Brief von ihr erfahren haben muss?

Hinweise per Brief werden ungeöffnet weitergeschickt (Aargauer Zeitung, Neumattstrasse 1, 5001 Aarau). Mails an sabine.kuster@azmedien.ch werden ebenfalls an Ingeborg F. weitergeleitet.