Brugg
Die letzte Rottenköchin im Kanton Aargau geht in Pension

Der Verpflegungswagen für SBB-Mitarbeitende ist ein Auslaufmodell. Die letzte Rottenköchin im Kanton Aargau geht im Juni mit 64 in den Ruhestand. Die «Schweiz am Sonntag» hat in Brugg bei Erika Steger zu Mittag gegessen.

Claudia Meier
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Die letzte Rottenköchin geht in Pension
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Klartext neben dem Kücheneingang.
Menage und Würfelzucker: En Guete!
Blick aus dem Rottenwagen.

Die letzte Rottenköchin geht in Pension

Emanuel Freudiger

Jammerschade sei es, dass die Rottenküche beim Bahnpark Brugg im Juni geschlossen werde, sagt uns ein Gast beim Mittagessen. «Das wird bestimmt noch Tränen geben.» Rottenköchin Erika Steger aus Kleindöttingen – die letzte im Kanton Aargau – ist im Element: Sie hantiert mit Kochtöpfen, Kelle, Geschirr und Teekrügen. Seit 7.30 Uhr ist sie beschäftigt mit Einkaufen, Rüsten, Auftischen und Kochen. Um 11.30 Uhr betreten die ersten Arbeiter den Rottenwagen zuhinterst auf dem Abstellgleis.

Im Eingangsbereich gegenüber der Garderobe steht das Salatbuffet bereit. Hier bedient sich jeder selber mit grünem Salat sowie Rüebli- und Bohnen-Mais-Salat. Sechs Vierer-Tische sind gedeckt und liebevoll mit einem Blümchen dekoriert. Die Rottenköchin grüsst herzlich und umsorgt ihre – meist männlichen – Gäste so fürsorglich wie eine Mutter ihre Kinder. Zur Vorspeise gibt es mit Gemüse angereicherte Pouletcrèmesuppe und Brot. Auf dem Tisch steht hausgemachter Tee bereit.

Im Halbstunden-Takt kommen neue Gäste. Steger schiebt den Servierwagen vorsichtig zwischen den roten Tischchen durch und schöpft Spaghetti und Piccata mit Speckwürfeli und Pilzen – dekoriert mit Spargeln. Dazu gibts Käse. Die Sauciere mit Tomatensauce wird von Tisch zu Tisch gereicht. Alles schmeckt ausgezeichnet; das Fleisch ist zart.

Am Nachbartisch steht ein Mann auf und nimmt seine Jacke. «Nein, ohne Kaffee darfst du nicht gehen», ruft Steger und füllt sofort eine Tasse mit dem braunen Getränk. Der Mann von der SBB- Betriebswehr setzt sich wieder, trinkt und isst ein kleines Stück Linzertorte dazu.

Die ehemalige Wirtin ist eine ausgezeichnete Organisatorin und aufmerksame Gastgeberin. «Wer will noch?», fragt sie in die Runde und schöpft grosszügig nach. Zum Dessert gibts frischen Fruchtsalat und Kuchen. Kaffee-Nachschub besorgen sich die Gäste selber. Steger ist von den SBB angestellt. Mit den bescheidenen Einnahmen für die Mahlzeiten kauft sie die Zutaten. Heute bekommen alle Gäste zum Abschied einen Osterhasen. «Solche kleine Geschenke zu Ostern und Weihnachten müssen einfach drinliegen», räumt die Rottenköchin ein.

Mit Leib und Seele habe sie ihre Arbeit immer ausgeübt, sagt Steger. Während 23 Jahren arbeitete die bald 64-Jährige in der Rottenküche. Angefangen habe sie in Turgi, später kochte sie oft nachts und an den Wochenenden auf Baustellen. Seit 6 Jahren ist der Rottenwagen nun in Brugg stationiert. «Hier kann man auch über Probleme sprechen und Beziehungen pflegen. Das ist mindestens so wichtig wie die Verpflegung.» Das bestätigen auch die SBB-Mitarbeitenden.

Was sie künftig am Mittag essen werden, wenn keine warme Mahlzeit mehr serviert wird, wissen die meisten noch nicht. Aktuell seien in der Schweiz noch 23 Rottenköche im Einsatz, so Lea Meyer von der SBB Medienstelle. Die Rottenküche werde aber immer weniger genutzt, sodass es sich unter anderem aus finanziellen Gründen nicht mehr lohne, sie weiter zu betreiben, teilen die SBB mit. Dazu kommen auch erhöhte Hygieneansprüche, die mit einem Bahnwagen schlicht nicht erfüllt werden können.

Ob und wie der Brugger Rottenwagen weiterverwendet wird, ist noch nicht klar. Den SBB-Mitarbeitenden in Brugg stehen an der Unterwerkstrasse Aufenthaltsräume inklusive Küche und Mikrowelle zur Verfügung. «Es hat auch einen Grill. Den werde ich sicher ab und zu benutzen», sagt ein Gast. Wehmütig ist Erika Steger noch nicht. Für ihre Buben wird sie ein Fest organisieren und ihnen die Abschiedstränen abtrocknen.

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