Montagsporträt

Die Herzen dieser Fislisbacherinnen brennen gleich doppelt fürs Ballett

Im neuen Brugger Ballettsaal der Ballettschule Graf Weissbarth treffen sich Katharina Wettstein Graf (in Grün gekleidet) und Sara Fisler Weissbarth: Beide können ohne Tanz nicht leben. Sandra Ardizzone

Im neuen Brugger Ballettsaal der Ballettschule Graf Weissbarth treffen sich Katharina Wettstein Graf (in Grün gekleidet) und Sara Fisler Weissbarth: Beide können ohne Tanz nicht leben. Sandra Ardizzone

Katharina Wettstein Graf und Sara Fisler Weissbarth sind Inhaberinnen einer Ballettschule in Brugg und Hausen. Tausende Kinder haben sie schon besucht.

Diese beiden haben es gut miteinander. Wer sie im Ballettsaal im Dachgeschoss eines Hauses am Brugger Neumarkt besucht und dort sieht, wie sie sich vor den Spiegeln – an der Ballettstange lehnend – vergnügt zuzwinkern, kommt nicht umhin, an einen hellen Tag zu glauben, selbst wenn dieser dunkel ist.

Sie: Das sind Katharina Wettstein Graf aus Auenstein und Sara Fisler Weissbarth aus Fislisbach, Inhaberinnen der Ballettschule Graf Weissbarth. Das mutet förmlich an, dabei sind die beiden einfach das, was einer beliebten deutschen TV-Krimireihe den Namen gegeben hat: ein starkes Team. Eines, das weiss: Jede ist ohne die andere nicht denkbar.

Die beiden teilen viele Gemeinsamkeiten, aber sie haben unterschiedliche Charaktere und weisen unterschiedliche berufliche Laufbahnen auf. Genau das ist es, was ihre Leidenschaft für das Ballett immer wieder befeuert. Die eine, Sara Fisler, tanzte lange auf der Bühne, bevor sie Ballettpädagogin wurde; die andere, Katharina Wettstein, unterrichtet lieber. «Ich stehe gerne vorne und gebe Kommandos», bekennt sie lachend. «Auf jeden Fall ergänzen wir uns wunderbar», sagt Sara Fisler an und fügt sogleich hinzu: «Katharina hat die pädagogische Ausbildung von der Pike auf gelernt; ich begann diese erst, nachdem ich meine Tänzerinnen-Laufbahn beendet hatte.»

Ihre Liebe zum Ballett müssen die beiden Frauen nicht bereden; die ist einfach da und gehört zu beider Leben wie die Nahrung. «Erzähl du zuerst.» «Nein, du». Sie werfen sich die Worte wie Pingpong-Bälle zu. Wer macht den Anfang? Katharina Wettstein Graf. Als sie sechs ist, tritt sie in die renommierte, mittlerweile über 50-jährige Ballettschule von Germaine Karrer in Brugg ein. Später schliessen sich weitere Ausbildungen in Zürich, vor allem aber an der Staatlichen Hochschule für Musik (Institut für Bühnentanz) in Köln an. Dort absolviert sie ein ballettpädagogisches Studium. Sie ist ihrer Mutter heute noch dankbar, denn diese schickt ihre AHV der Tochter, damit diese gut über die Runden kommt.

Die Kinder machen lassen

Der Weg scheint vorgezeichnet, denn nach ihrer Rückkehr in die Schweiz beginnt Katharina Wettstein Graf in Germaine Karrers Ballettschule Kinder zu unterrichten. Macht sie ihnen alles vor? «O nein», sagt sie, «ich spreche sehr viel. Das heisst: Ich erkläre, weshalb eine Fussstellung oder eine Handbewegung so und nicht anders sein muss. Aber ich lasse die Kinder machen. Man muss indessen genau wissen, was in einem Kind vor sich geht, wie es denkt; man muss sich einfühlen können.» Eine schwierige, verantwortungsvolle Aufgabe, die Katharina Wettstein vollkommen erfüllt – gerade, weil sie nach einem Abstecher an die Schweizerische Ballettberufsschule als Pädagogin zu Germaine Karrer zurückkehrt und diese sie eines Tages fragt: «Kannst du dir vorstellen, meine Partnerin zu werden?» Ob Katharina Wettstein zu dieser Frage bloss genickt oder dazu eine Menge gesagt hat, verrät sie uns nicht. Jedenfalls ist sie ab 1991 Teilhaberin der Ballettschule Germaine Karrer, die nicht nur in Brugg, sondern auch in Hausen beheimatet ist. Seit 2006 trägt das renommierte Institut, das vor kurzem neue Räume in Brugg bezogen hat, den Namen Ballettschule Graf Weissbarth. Wie das? Sara Fisler Weissbarth blickt ihre Kollegin an – «Weisst du noch?» – und erzählt.

Mit zehneinhalb Jahren sucht das vom Tanz «angefressene» Mädchen die Ballettschule von Germaine Karrer auf, steht in Turnschuhen da. Doch irgendwie, sagt sie, «fanden mich Germaine Karrer und Katharina Graf okay. Und man riet mir, mehrmals in der Woche die Ballettschule zu besuchen.» Auch Sara Fislers Weg ist vorgezeichnet. Sie will auf der Bühne tanzen «und dazu braucht es dreierlei: Köpfchen, Physis und Wille – und das zu über 100 Prozent». Die beiden Frauen nicken einander zu. Sie wissen aus reicher Erfahrung, «dass es nicht reicht, nur mit Talent ausgestattet zu sein. Man muss ein herausragendes Talent haben». Wer darüber nicht verfügt, kann in der beinharten Welt des Balletts nicht bestehen.

Beide bestätigen: Es brauche sehr viel Fingerspitzengefühl, um einem Kind beizubringen, dass es wohl nie zu einer Karriere reichen wird, «aber tanzen: Das kannst du immer. Auch wenn du erwachsen bist». Hochbegabte wiederum müssen wissen, dass sie «auf ganz vieles verzichten müssen. Zum Beispiel auf ihre Kindheit».

Der Wunsch nach Veränderung

Sara Fisler macht ihre Ausbildung zur diplomierten Bühnentänzerin an der Heinz Bosl Stiftung in München und bekommt danach sofort ein Engagement beim Bayerischen Staatsballett München: eine Top-Company. Sie tanzt dort schöne Rollen, unter anderem die Myrta, Königin der Wilis, im Klassiker «Giselle»; sie macht internationale Tourneen, doch nach acht Jahren kommt der Wunsch nach einer Veränderung auf. Sie wechselt ins moderne Fach, geht nach Holland zum Scapino Ballett, bleibt vier Jahre. «Aber dann habe ich mich zunehmend gefragt: Was willst du eigentlich später machen?»

Jetzt ist Katharina Wettstein Graf erneut am Zug. «Der Kontakt zu meiner einstigen Schülerin ist nie abgerissen.» Weshalb sollte diese, so Katharina Wettsteins Überlegung, nicht Ballettpädagogin werden? Etwa in der Ballettschule Germaine Karrer/Katharina Graf? Doch lässt sich das einfach so bewerkstelligen? Nein. Deshalb macht Sara Fisler Weissbarth eine Ausbildung zur Ballettpädagogin (Ursula Bormann in Köln und Schweizerischer Ballettverband) – und wird 2006 Mitinhaberin der neu benannten Ballettschule.

Schritt nie bereut

Bereut hat sie diesen Schritt noch nie. Das Einzige, was sie ab und zu vermisst, ist eine Tournee. Aber: Eine solche wird sie schon bald mit Katharina Wettstein absolvieren. Die führt zwar nicht an die New Yorker Met, sondern ins Kurtheater Baden. Dort läuft die private Ballettschule alle zwei Jahre vor brechend vollen Zuschauerrängen zu Hochform auf. Dann zeigt sie mit 270 kleinen und grossen Schülerinnen und Schülern eine eigene Choreografie, die alles aufweist, was das Herz begehrt: eine schöne Geschichte (diesmal «Aschenbrödel») und selbst genähte, zauberhafte Kostüme.

Ja, das starke Team arbeitet – zusammen mit seiner Kollegin Patricia Hirschi – hart. Wie schafft es das Duo bloss, dreimal in der Woche zu unterrichten und erst noch das Familienleben zu pflegen? Katharina Wettstein Graf und Sara Weissbarth Fisler lachen einander an: «Wir haben halt zwei wirklich gute Männer.»

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