Obdachlosigkeit hat viele Gesichter. Heruntergekommene Menschen, die auf der Strasse schlafen, sehen wir in dieser Region selten. Doch es gibt auch andere, die von Obdachlosigkeit betroffen sind.

In einem Studio der Heilsarmee an der Baslerstrasse in Umiken beispielsweise wohnt seit gestern ein Mann. Er musste vor einiger Zeit aus seiner Wohnung ausziehen, meldete sich bei der Gemeinde ab, dann aber in keiner mehr an. Zwischendurch lebte er bei Freunden, vielleicht auch auf der Strasse.

Eine Arbeit hat er zwar, aber weil er in keiner Gemeinde registriert ist, findet er keine Wohnung. Hier hilft die Heilsarmee Aargau Ost in Umiken mit ihren Studios. Doch davon später.

Die Stadt Brugg zählt zurzeit genau einen Obdachlosen, die Gemeinde Windisch führt niemanden in der Statistik. Das heisst aber nicht, dass es keine randständigen Menschen oder solche ohne eigene Unterkunft gibt.

Die Gemeinde Windisch definiert «obdachlos» mit «Menschen, die über keine zumutbare Unterkunft verfügen». Eine Person befindet sich in einer Notunterkunft, drei weitere Personen befinden sich zur Stabilisierung in einem begleiteten Wohnen.

Einzelfälle sind bekannt

Die Zahlen verändern sich in den beiden Gemeinden kaum. «Es gibt hin und wieder Einzelfälle von Obdachlosigkeit», sagt Jürg Schönenberger, Leiter Soziale Dienste Brugg.

Ähnlich klingt es von Windischer Seite: «Den klassischen ‹Landstreicher› wie früher gibts fast nicht mehr. Die Obdachlosenprobleme sind einem steten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel unterworfen», ergänzt der Windischer Gemeinderat Christoph Häfeli. «Entsprechend wechseln auch die von Obdachlosigkeit betroffenen oder bedrohten Personengruppen.»

Zu den Risikogruppen gehören Suchtmittelabhängige, psychisch Beeinträchtigte, Menschen ohne Tagesstruktur und junge Menschen, die «herumhängen», wie es Häfeli formuliert. Brugg und Windisch bieten Nothilfe an.

So gibt es Einzelfallberatungen, die Gemeinde Brugg «sucht nach Möglichkeiten, die stets unterschiedlichen Situationen der Betroffenen zu verbessern», erklärt Schönenberger.

«Wir versuchen, Obdachlosigkeit wenn immer möglich zu verhindern. Sei dies in der Kontaktaufnahme mit Direktbetroffenen oder im Sinne von präventiven Kontakten und Beratungen mit den Vermietern», sagt Häfeli. «Im Notfall vermittelt die Gemeinde Windisch eine Notunterkunft. Solche Notunterkünfte gibt es im «Hope» in Baden oder bei der Heilsarmee in Umiken. Diese hat gerade erst am 1. November zwei weitere Studios eröffnet, wo Obdachlose ein Bett finden.

Insgesamt bietet die Heilsarmee zwei Studios an, in denen je ein bis zwei Personen unterkommen. Dazu kommt neu ein Studio «Mutter-Kind», wo eine Frau mit höchstens zwei Kindern Unterschlupf findet.

Eine Person kann maximal drei Monate in einem Studio verbringen, die Mutter mit Kindern darf sechs Monate bleiben. In dieser Zeit werden die Betroffenen darin unterstützt, wieder eine eigene Wohnung zu finden.

Markus Kunz, Leiter der Heilsarmee Aargau Ost in Umiken, gibt zu bedenken, dass es auch die versteckte Obdachlosigkeit gibt. «Das sind Menschen, die nicht direkt auf der Strasse leben, aber auch keine eigene Wohnung haben.»

Diese Leute sind oft arbeitslos oder sogenannte «working poor». Diese haben zwar eine Arbeit, der Lohn reicht aber nicht zum Leben. «Entsprechend sind unsere Studios über Monate ausgebucht», sagt Markus Kunz. «Egal ob Sommer oder Winter, die Nachfrage ist immer gleich gross.» Er bemängelt, dass es in der Region Brugg zu wenig günstigen Wohnraum gibt. «Es braucht auch Wohnungen, die nicht zum höchsten Standard ausgebaut sind oder frisch renoviert sind», sagt er. «Wohnungen, die alt sind, dafür aber bezahlbar.»

Probleme tauchen selten auf

Die bekanntesten Treffpunkte für Menschen, die einen eher unstrukturierten Tagesablauf haben, sind der Brunnen beim Neumarkt oder beim Bahnhof auf Windischer Seite.

«Der Gemeinde Windisch sind diese Personen bekannt», sagt Gemeinderat Christoph Häfeli. «Sie verfügen über eine Wohnung oder ein Zimmer und arbeiten teilweise auch.»

Beide Gemeindevertreter betonen, dass es selten zu Problemen komme. «In den letzten zehn Jahren gab es viermal eine echte Problemsituation, bei deren auch die Polizei miteinbezogen werden musste», beschreibt Jürg Schönenberger die Situation.

Akzeptieren müsse man letztlich auch, dass es Menschen gibt, die sich bewusst für ein Leben auf der Strasse entscheiden und autonom bleiben wollen, ergänzt Häfeli. «Problematisch werden kann es im Winter bei einer Mehrfachproblematik in Zusammenhang mit Alkoholkonsum.»