Bözberg

«Die heile Welt gibt es nicht mehr» – warum es die Landfrauen trotzdem braucht

Die Landfrauen Bözberg feierten am Sonntag ihr Jubiläum in der Turnhalle in Linn – und diskutierten über gestern, heute und morgen.

Die Sonne tat am Sonntagnachmittag das, was die Bözberger Landfrauen seit 90 Jahren ganz selbstverständlich tun: Wärme verbreiten. Beide machen es ohne grosses Aufsehen. In der Turnhalle Linn stehen Tannen, Trachten und liebevoll dekorierte Tische bereit und moderne Frauen in Jeans und weissen T-Shirts begrüssen ihre etwa 60 Gäste. Bisher haben sie noch nie gefeiert, aber jetzt, nach 90 Jahren, ist es so weit.

Drei «Bözberg Buebe» eröffnen musikalisch den Nachmittag und Präsidentin Elisabeth Meer begrüsst alle Anwesenden. Der Wandel der Frauen auf dem Dorf ist enorm. In der Jubiläumsschrift 1929–2019 über die Landfrauen Bözberg hat sie deren Geschichte zusammengestellt.

Die Präsidentin der Landfrauenvereinigung Bezirk Brugg, Monika Streit, überbringt Glückwünsche und einen Geschenkkorb. Lotti Baumann, Präsidentin des Aargauischen Landfrauenverbands fragt in die Runde: «Ist denn Liebe, Freude und Herzlichkeit heute nicht mehr attraktiv?» So manche Frau in ihrem Umfeld würde auf das Wort «Landfrau» eher zurückhaltend, gar abweisend reagieren. «Die Landfrauen von heute müssen einen Spagat zwischen Moderne und Tradition schaffen», meint sie selbstbewusst in ihrer auffallenden Tracht. Colette Basler, ehemalige Co-Leiterin des Verbands der Schweizer Bäuerinnen und Landfrauen stellt das innovative Vorgehen der Landfrauen Bözberg heraus. Sie haben sogar schon Zumba angeboten, um das Vereinsleben zu bereichern.

Den Bäuerinnen Würde verschaffen

Im Anschluss formiert sich eine illustre Gesprächsrunde rund um Moderator Jörg Meier, AZ-Kolumnist und bekennender Landfrauenfan. Heidi Kistler, Cily Weber, Erika Stöckli, Karin Hediger, Käthy Meyer und Colette Basler reden mit ihm über gestern, heute und morgen.

Im Jahr 1929 initiierte Lili Kohler, eine Linner Landfrau, den Aargauischen Landfrauenverband und vier Jahre später die Schweizerische Landfrauenvereinigung. Sie hat unzählige Kurse gegeben und organisiert. Sie hat sich für ein besseres Leben der Bäuerinnen starkgemacht und wollte den Frauen des Bauernstands Würde verschaffen.

Kistler, Weber und Stöckli kennen sie noch. In Linn pflegte sie keine Freundschaften und konzentrierte sich ausschliesslich auf ihre Arbeit und ihre eigene Familie. Schweizweit hat sie Enormes für die Landfrauen geleistet.

Meier will es genauer wissen. Kistler erinnert sich zu Kohlers Zeit an einen besonderen Nähkurs von Frau Suess. Sie habe es mit wenigen Mustern und Massband geschafft, dass ein Kleid immer passte – egal ob man dick, dünn, gross oder klein war. Weber erzählt von einer Vereinsreise, bei der es für die Bäuerinnen eine Selbstverständlichkeit war, früh zu Hause zu sein, um das Milchgeschirr zu waschen. Wenn sie dagegen telefonisch etwas organisieren wollten, hiess es nur abschätzend: «Habt ihr denn keine Männer?»

Frauenstreik und Lehrplan 21

Die Landfrauen sind grosszügig, denn Männer dürfen heute mitfeiern und auch an ihren ausgeschriebenen Kursen teilnehmen. Einhellig bestätigen die Älteren: «Das war damals der einzige Verein, in dem wir mitmachen durften.» Heute kaum vorstellbar. Die Welt hat sich verändert. Es gibt die Landfrauenküche, Magazine wie «LandLiebe» und die Sendung «Bauer, ledig, sucht…». Colette Basler erklärt: «Dies ist aber die heile Welt der Medien, an der sich Menschen gerne festhalten.» Die gibt es so nicht mehr.»

«Warum braucht es dann noch die Landfrauen?», will Jörg Meier wissen. «In diesem Verein bestimmen wir. Wir leben auf dem Land, schätzen die Natur und pflegen Kontakte», so Hediger. Käthy Meyer ergänzt: «Wir machen absolut nichts, was mit dem Bauern zu tun hat.» Die Landfrauen arbeiten in ganz unterschiedlichen Berufen. Sie waren auch beim Frauenstreik, haben sich konkret zum Lehrplan 21 geäussert und sind dank der Agrarpolitik ins Licht der Medien gerückt.

Im Aargau gibt es momentan rund 7000 Landfrauen. Viele ihrer Aktivitäten sind ehrenamtlich. Aber ihre Einsätze sollten nicht selbstverständlich sein, sondern eine angemessene Wertschätzung geniessen. Ob sie in Zukunft noch den Namen «Landfrauen» haben werden, wissen sie nicht. Sie hoffen aber, dass sie in zehn Jahren das 100-Jahr-Jubläum feiern können.

Am Ende der Gesprächsrunde stehen ausnahmslos alle Gäste auf und applaudieren lang anhaltend. Abschliessend wartet auf sie ein Apéro-Buffet, das seinesgleichen sucht. Die Sonne dringt durch die Fenster und erhellt das Fest und die Landfrauen schauen mit Liebe drauf.

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