Jubiläum

Die Gründung der AIHK war eine direkte Folge des Landesstreiks

Historiker Titus J. Meier. jam

Historiker Titus J. Meier. jam

Nicht per Zufall wird die AIHK Region Brugg in diesem Jahr 100-jährig. 1918 führte die schwierige Lage dazu, dass sich die Unternehmer zusammentaten.

«Wir schreiben das Jahr 1918. Seit dem Kriegsausbruch haben sich die Lebensbedingungen breiter Massen verschlechtert. Die wachsende soziale Unrast führt in der zweiten Kriegshälfte zu einer Zunahme von Streiks. In verschiedenen Städten finden Hungermärsche von Frauen statt, mit dem Ziel, die Behörden zum Handeln aufzurütteln. Der 11. November 1918 – Tag des Landesstreiks – ist nicht nur in der Schweiz ein dramatischer Tag. In zwei Nachbarstaaten spielen sich zeitgleich revolutionäre Ereignisse ab. Einen Tag später sind 95 000 Mann für die Ordnungstruppen aufgeboten. Die Truppen zeigen grosse Präsenz auf den Strassen, bewachen strategisch wichtige Gebäude sowie den Eisenbahnverkehr.»

Arbeitswillige wurden geschützt

Mit diesen eindrücklichen Ausführungen begrüsste Andreas Heinemann, Präsident der AIHK Region Brugg, die Gäste der 100-Jahr-Feier. Die AIHK Region Brugg ist ein eigenständiger Verein, der grössere, aber auch mittlere und kleinere Industrie- und Dienstleistungsunternehmen der Region Brugg umfasst.

Gegründet wurde die AIHK Region Brugg am 14. November 1918. Damals unter dem Namen «Verband der Industriellen von Brugg». «Der Zusammenschluss der Brugger Industriellen ist eine direkte Folge des Landesstreiks. Unter dem Druck der Verhältnisse während dieses Streiks sind die Arbeitgeber täglich im ‹Füchslin›, dort wo heute der Neumarkt II steht, zusammengekommen, um gemeinsam über die Vorkehrungen zu beraten und zu beschliessen», führte Heinemann weiter aus. Die Arbeitgeber der Region Brugg trafen Vorkehrungen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten und die Arbeitswilligen zu schützen. «In Lupfig war ein Schwadron Dragoner, berittene Infanterie, zum Eingreifen stationiert. In Brugg war es eine Landsturmkompanie. Das muss man sich mal vorstellen», so Heinemann.

Brugger Bähnler streikten länger

Historiker und FDP-Grossrat Titus J. Meier ging in seinem unterhaltsamen Referat noch etwas genauer auf die damaligen Umstände ein, die zur Gründung der AIHK Region Brugg führten: «Die Lage in Brugg war nicht einfach, da hier viele Bahnarbeiter wohnten, die sehr gut organisiert waren. Der Bahnverkehr brach zusammen. Die Einwohner stellten aus Furcht vor Plünderungen eine Bürgerwehr auf die Beine, um die Armee und Polizei notfalls zu unterstützen.» Von den Industriellen sei ein Patrouillendienst gebildet worden, der die Arbeitswilligen an Sammelplätzen abgeholt, sie zu den Betrieben geführt und abends wieder heimgeführt habe.

«In Brugg streikten die Bahnarbeiter länger als in der übrigen Schweiz, da sie nicht glauben konnten, dass der Streik abgebrochen wurde. Erst als ein Kollege aus Basel mit der Bahn anreiste und es ihnen erklärte, nahmen sie die Arbeit wieder auf», führte Meier aus. «Nach dem Streikabbruch beschlossen die Brugger Industriellen, den gewonnenen Kontakt unter den Arbeitgebern nicht fallen zu lassen, sondern einen Verband zu gründen. Fortan trafen sie sich regelmässig und besprachen anstehende Probleme.»

Brugg als Eisenbahnknotenpunkt

Die Hintergründe, warum sich ausgerechnet in Brugg viele Industrielle niederliessen, sind vielfältig. Bauland war für Betriebe verfügbar, Vorhaben von Unternehmern konnten rasch und unkompliziert realisiert werden. Dazu kam die Eisenbahnlinie, die 1856 von Baden nach Brugg und später nach Bern verlängert wurde. 1875 wurde die Bözberglinie eröffnet, 1882 die Spur nach Wohlen. «Brugg war nun ein Eisenbahnknotenpunkt und aus allen Richtungen mit den modernsten Transportmitteln erreichbar», führte Meier aus.

Zudem nahm am 12. November 1892 das erste gemeindeeigene Elektrizitätswerk im Aargau seinen Betrieb auf. «Die Stadt, die sich lange gegen den Aufbruch gewehrt hatte, leistete Pionierarbeit», sagte Meier. «Die Investitionen zahlten sich aus: Innerhalb weniger Jahre kamen verschiedene Industriebetriebe nach Brugg. Damit setzte die Stadt gezielt auf zukunftsträchtige Branchen. Mit anderen Worten: Die Stadt war investitions- und unternehmerfreundlich.»

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