Windisch
«Die Griechen lachen nur, wenn ich erzähle, dass wir hier um 7 Uhr aufstehen»

1961 kam der Bauernsohn aus Thrakien in die Schweiz, stapelte Beton-Röhren, reinigte Kernreaktoren und verkaufte 35 Jahre lang elegante Mode: Christos Sterkoudis aus Windisch ist Grieche geblieben und Fan der Schweiz geworden.

Erik Schwickardi
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«Mein Herz schlägt für Griechenland!» – Christos Sterkoudis ist und bleibt stolzer Grieche.

«Mein Herz schlägt für Griechenland!» – Christos Sterkoudis ist und bleibt stolzer Grieche.

Solothurner Zeitung

«Kalimera – guten Morgen!», lacht Christos Sterkoudis (75). Der sympathische Grieche sitzt beim Morgenkaffee im «Cappucchino Club» auf dem Parkplatz des Lupfiger Seebli-Centers und studiert die Lottozahlen.

«225 Millionen sind im Jackpot: Das gäbe eine schöne Jacht in der Ägäis, aber Griechenland retten könnte ich damit nicht», zwinkert Sterkoudis. Jeden Tag wandert er von hier aus übers Birrfeld nach Mellingen. «Manchmal gehe ich auch weiter bis nach Bremgarten oder Baden.»

Der bescheidene Bauernsohn aus Thrakien, der es in der Schweiz zu einigem Wohlstand gebracht hat, ist agil und flink wie eine griechische Bergziege: «Bewegung ist gesund. Zum Leben brauche ich nicht viel: Ein Teller Spaghetti und ein Glas Wasser genügen mir.»

Fünf bis sieben Stunden Arbeit pro Tag

Vor wenigen Wochen ist Christos Sterkoudis aus Griechenland zurückgekehrt. «Die Griechen sind wütend auf ihre Politiker. Aber in Tat und Wahrheit sind alle selber schuld: Alle haben mitgemacht bei der grassierenden Korruption und Vetternwirtschaft.

Jeden Tag kommen via Medien neue, schier unglaubliche Fakten ans Tageslicht», schüttelt Sterkoudis den Kopf. So haben die griechischen Gemeindeschreiber 60000 Verstorbene gar nicht nach Athen weitergemeldet und deren monatliche Altersrente in die eigenen Taschen fliessen lassen.

Griechische Staatsangestellte wie Beamte, Flughafen-Angestellte, Militärs oder Polizisten werden mit 45 bis 50 Jahren pensioniert. «Die Schlimmsten sind die Sprengstoffexperten der griechischen Armee», wettert Sterkoudis: «Die werden bereits mit 42 pensioniert!» Gearbeitet wird fünf bis sieben Stunden im Tag. «Wenn einer 2000 Euro im Monat verdient, bekommt er an Ostern und Weihnachten den 13. und 14. Monatslohn.»

«Die Griechen lachen nur, wenn ich erzähle, dass wir hier um 7 Uhr aufstehen»

Steuerbetrug ist ein Volkssport. Sterkoudis weiss von Erzählungen seiner Bekannten in Griechenland: «Müsste einer 20000 Euro Steuern bezahlen, sagt der Steuerbeamte: ‹Komm, wir machen 5000 Euro und fifty-fifty!› Und dann stossen sie mit einem Glas Ouzo an!»

Die faulen und korrupten Griechen sind also kein Klischee? «Nein! Steuerbetrug und Korruption sind Alltag. Die Griechen betrügen ihren eigenen Staat nach Strich und Faden. Und keiner hat ein schlechtes Gewissen.»

Zu Hause in Griechenland erzählt Sterkoudis seinen Bekannten oft von der Schweiz: «Doch die Griechen lachen nur, wenn ich ihnen erzähle, dass wir hier um 7 Uhr aufstehen und pünktlich Steuern zahlen.»

«Geboren bin ich 1936 in Zoni, einem Dorf in Thrakien», erzählt Christos. «Mein Vater war Landwirt. Wir hatten Gemüse, Melonen und Schafe.» Mit 15 lernte er das Schneiderhandwerk, mit 20 gings für drei Jahre zum Militär: «Am Schluss war ich Leutnant der griechischen Armee», sagt Sterkoudis stolz.

1961 kam er nach Brugg: «Mein Schwager hatte bereits Arbeit hier. Ich wohnte 14 Tage lang im Hotel Gotthard, konnte kein Wort Deutsch und fand beim Röhren-Hunziker Arbeit», erinnert sich Sterkoudis: «Von den Leuten wurde ich sehr freundlich aufgenommen.» 1962 kam seine heute 70-jährige Frau Mina nach.

Später arbeitete der Schneider beim Herrenmode-Geschäft Rykart in Wettingen, änderte bei von Daeniken in Brugg Herrenanzüge. Nach einer kurzen Phase als Reaktor-Reiniger im Kernkraftwerk Beznau gründete Sterkoudis 1974 in der Bahnhof-Unterführung die Boutique Elégance: «Alle zwei Wochen fuhr ich nach Mailand oder Paris und holte die neuesten Kleider-Kollektionen – mit meinem Ford Thunderbird.»

Das Geschäft lief sehr gut, später kam jedoch immer mehr Konkurrenz. Ende 2006 gab Sterkoudis das Kleidergeschäft auf, übernahm im Brugger Zentrum einen Grillstand und brutzelte Gyros und St. Galler Bratwürste.

«Am Anfang machten die Leute blöde Sprüche: ‹Der Sterkoudis von der Boutique Elégance grillt jetzt Würste!›.» Ihm war es egal – und er gehörte bald als Grillchef zum Brugger Stadtbild. Seine Söhne Stelios (vertreibt die Trendmarke Scotch & Soda sowie Leonardo-Lederjacken) und Seigi («Pöschtli-Club», Davos) sind ebenfalls erfolgreiche Geschäftsleute und in der Schweizer Club-Szene bekannte Party-Könige («Mykonos-Party»).

«Ich sehe nicht, dass sich in Griechenland etwas bessert – ein Mentalitätswandel wäre nötig.» Keiner weiss, wem was gehört. Ein Grundbuchamt gibt es nicht. «Niemand verlangt eine Quittung. Wenn nur jeder 10 Prozent Steuern zahlen würde, wären wir nicht pleite.»

Polizisten, die 600 Euro im Monat verdienen, schauen für ein Bestechungsgeld gerne weg, wenn ein Schlepper Afghanen oder Somalier über den Grenzfluss Evros lotst.

«Sogar hohe Polizei-Offiziere mischen im Rauschgifthandel mit», erfuhr Sterkoudis via TV. «Schuld an der Griechen-Pleite ist auch die EU. Früher lebten die Griechen einfach und bescheiden, plötzlich gabs alles auf Pump. Ich habe gesehen, wie griechische Bauern auf den Feldern Melonen verfaulen lassen – die EU-Subventionen genügen ihnen zum Leben.»

Ohne EU und Euro hätten die Griechen nie so Schulden anhäufen können, ist Sterkoudis überzeugt und gibt dem Euro höchstens noch fünf bis zehn Jahre Überlebensdauer. «Ich habe Angst vor einem Staatsbankrott und einem Bürgerkrieg.» Seinen Schweizer Freunden aber empfiehlt er: «Besuchen Sie Griechenland – die Griechen sind freundlich und auf den Inseln ist es wunderschön und sicher!»

Der thrakische Bauernsohn ist ein grosser Fan der Schweiz geworden: «Die Schweizer sind ehrlich und fleissig. Die Griechen müssen lernen zu arbeiten und Steuern zu zahlen – wie die Schweizer!»

Christos nimmt einen Schluck Kaffee: «Die Griechen müssen sich selbst aus dem Schlamassel ziehen. Ich sage deshalb: Gebt den Griechen keinen Rappen! Wie sollen die Griechen diese Schulden zurückzahlen? Mit der EU-Milliardenhilfe werden die Schulden immer noch höher.» Das könne Griechenland nie zurückzahlen: «Wir haben doch nur Feta und Oliven.»

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