Das Bild ist eindrücklich: Nur wenige Dutzend Meter unterhalb der Kantonsstrasse, die von Villigen nach Mandach führt, äst am Waldrand ein grosses Rudel Gämsen. Die Tiere lassen sich durch die Autos, die weiter oben auf der Strasse durchfahren, nicht stören. Auch das Anhalten eines Autos und das Zuschlagen der Autotüre scheint sie nicht zu beunruhigen. Einzelne Tiere heben zwar den Kopf und äugen interessiert zur Strasse hinauf. Die übrigen tun sich aber ungerührt am Gras gütlich . . .

Die Gämse gehört zum Geissberg

Begegnungen mit Gämsen sind am und rund um den Geissberg längst nichts Aussergewöhnliches mehr. Die Tiere – die man für gewöhnlich mit der Alpenwelt in Verbindung bringt – fühlen sich im Aargauer Jura offensichtlich wohl. Zu wohl könnte man beinahe sagen.

Aus den einzelnen Gämsen, die vor rund 50 Jahren am Geissberg ausgesetzt worden sind, ist jedenfalls eine beachtliche Population entstanden. Bestandeserhebungen, die in den Jahren 2002 bis 2010 durch die Jagdgesellschaften Wessenberg und Remigen am Geissberg durchgeführt worden sind, haben ergeben, dass im Kerngebiet gut 150 Gämsen leben. Seit 2002 hat sich, wie aus der Zwischenbilanz des kantonalen Gamsmanagements hervorgeht, der Bestand verdreifacht.

Starker Druck auf den Wald

«Lokal hat der Bestand die Kapazität des Lebensraums überschritten», wird denn auch im Bericht zum Gamsmanagement festgehalten.

«Die Einstände der Gämsen am Geissberg konzentrieren sich auf Gebiete, die relativ ruhig sind, in denen es wenig Strassen hat, und die von Bikern nicht befahren werden», erklärt der Villiger Förster Oliver Frey. «In diesen Einstandsgebieten sind die Wildschäden sehr hoch. Teilweise sind sie nicht mehr tragbar. Man trifft beispielsweise Fichten an, die wie Bonsaibäumchen aussehen, weil die Seitentriebe immer weder abgefressen werden. Im Gegensatz zum Reh, das bei seiner Nahrung sehr selektiv ist, verhält sich die Gämse eher wie eine Ziege. Es gibt praktisch keine Baumart, die sie verschmäht. Der Gamsbestand ist zudem so hoch, dass praktisch keine Naturverjüngung des Waldes mehr möglich ist.» Die Gämsen sollen sich zudem auch schon in den Rebbergen «bemerkbar» gemacht haben.

«Es geht nicht darum, dass wir die Gämse weghaben wollen», betont Oliver Frey und erzählt von einer spannenden Begegnung mit einem dieser gar nicht so scheuen Tiere. «Die Gämse gehört zu Villigen und zum Geissberg. Wir haben Freude an diesem Tier und sind stolz darauf, dass es hier lebt. Aber der Bestand muss eine tragbare Grösse haben.»

Gamsjagd am Geissberg

«Regional soll der hohe Gamsbestand am Villiger Geissberg reduziert werden», empfiehlt denn auch das Gamsmanagement. «Das kann nur mit einem entsprechenden Eingriff bei den weiblichen Tieren erreicht werden.»

Damit sind die Jäger gefragt. Denn die Gründe für das starke Anwachsen des Gamsbestandes am Geissberg sind nicht bloss in den guten Lebensbedingungen zu suchen, welche die Tiere vorfinden, sondern auch im Schutz der Gämsen. Bis 2009 galt die Gämse im Aargau gemäss Jagdverordnung als geschützt. Die Abschüsse, die bis dahin vorgenommen worden sind, haben sich auf Ausnahmebewilligungen durch den Regierungsrat gestützt. Der Schutz der Gämse ist jetzt aber aufgehoben worden. Sie kann in Übereinstimmung mit der eidgenössischen Jagdgesetzgebung auch im Aargau vom 1. August bis zum 31. Dezember gejagt werden. «Die Bejagung der Gämse ist aber nicht so frei wie etwa diejenige des Rehs», erklärt Dominik Thiel von der Sektion Jagd und Fischerei des Kantons. Die Abteilung Jagd und Fischerei legt denn auch fest, wie viele Gämsen und welche Kategorien geschossen werden sollen.

«Die Gämsen stellen eine Bereicherung unserer Landschaft dar, und sie finden am Geissberg genau jenes Biotop, das sie brauchen», betont Josef Sieber, der Leiter der Gamswild-Jagdgemeinschaft Geissberg/Villigen, die von den Jagdgesellschaften Wessenberg und Remigen gebildet wird. «Wir haben aber ein Interesse daran, dass der Bestand reguliert wird. Bis Ende Jahr müssen jetzt am Geissberg insgesamt 35 Gämsen geschossen werden.»