Windisch
«Die Fusion ist leider auf dem Parkfeld»

Gemeinderat Heinz Wipfli tritt zurück; er sagt, wann er am Anschlag war und wo er die Gemeinde künftig sieht

Claudia Meier
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Gemeinderat Heinz Wipfli in seiner Stube vor dem Schrank seiner Mutter: Er freut sich auf mehr Zeit mit seiner Familie.Mario Heller

Gemeinderat Heinz Wipfli in seiner Stube vor dem Schrank seiner Mutter: Er freut sich auf mehr Zeit mit seiner Familie.Mario Heller

Mario Heller

Herr Wipfli, vor zwei Jahren wollten Sie noch Ammann werden. Nun treten Sie per 31. Oktober aus dem Gemeinderat Windisch zurück. Warum?

Heinz Wipfli: Die Arbeit zusammen mit dem Gemeinderatsamt wurde mehr und mehr zu einer Belastung. Neben meinem 100-Prozent-Pensum als Projektleiter bei den SBB entspricht die Gemeinderatsarbeit – eng gefasst – einem 25-Prozent-Pensum. Dazu kommen freiwillige Einsätze mit repräsentativem Charakter. In dieser Kombination ist es zu viel.

Eigentlich müssten Gemeinderäte beim Haupterwerb das Pensum
reduzieren.

Ja, das ist aber in den meisten Fällen nicht möglich. In den letzten beiden Amtsperioden gingen wir von einem 15-Prozent-Pensum aus. Das wurde zusammen mit dem Einwohnerrat vor zwei Jahren geändert und das Referenzpensum nach oben angepasst.

Die Löhne wurden erhöht, nachdem Sie als Vizeammann fast ein Jahr lang Gemeindeammann Hanspeter Scheiwiler, der krankheitshalber ausfiel, vertreten mussten. Hat Sie das nicht geärgert?

Nein, überhaupt nicht. Ich arbeite im Rat mit, weil es mir Spass macht. Meine Motivation ist, das Wissen von meinem Beruf in meiner Gemeinde einzubringen.

Was war die grösste Herausforderung als Ammann-Stellvertreter?

Gefordert hat mich der Umstand, dass Hanspeter Scheiwiler so viel Erholungszeit brauchte. Die Situation musste von Monat zu Monat neu beurteilt werden. Dieser Prozess war sehr schwierig.

Kamen Sie da auch an Ihre Grenzen? Kostete Sie diese mehrfache Belastung gar den früheren Job?

Ich kam völlig an den Anschlag. Ich brachte das Privatleben, den Beruf und die Gemeindearbeit nicht mehr unter einen Hut. Meine Söhne und meine Frau rieten mir, eine Grenze zu ziehen. In der Folge gab ich den Job ab und schaffte mir dadurch die nötige Zeit für die Gemeindearbeit. Das war eine sehr intensive und tolle Zeit mit Campus-Eröffnung, Grossprojekten wie Kunzareal, ARA-Sanierung etc.

In diese Zeit fiel auch der Wahlkampf für die Gesamterneuerungswahlen.
Ihnen ging es nicht gut. Trotzdem meldeten Sie sich kurzfristig noch als Ammann-Kandidat an und unterlagen am Schluss mit 590 Stimmen gegen Heidi Ammon (SVP, 866 Stimmen). Hätten Sie die Wahl nicht gewonnen, wenn Sie ehrlicher kommuniziert hätten?

Ich hätte sicher höhere Chancen gehabt, wenn ich von Anfang an bei den Wahlen mitgemacht hätte. Die Kandidatur bereue ich nicht. Grundsätzlich ist es immer ein Vorteil, wenn die Stimmbürger zwischen zwei Personen wählen können.

Angenommen, Sie wären 2013 zum Ammann gewählt worden, würden Sie trotzdem jetzt zurücktreten?

Nein, dann wäre die Situation ganz anders. Das Ammann-Amt ist dann der Hauptberuf und ergänzend würde ich einer Nebenbeschäftigung nachgehen.

Auf welche Leistungen und Ziele,
die Sie in Windisch erreicht haben, sind Sie besonders stolz?

Zu Beginn meiner Amtszeit hat die Windischer Bevölkerung zweimal das Budget mit einer Steuerfusserhöhung abgelehnt. Als Massnahme durfte ich im Gemeinderat die Sanierung der Gemeindefinanzen führen und es ist uns gelungen, die finanzielle Situation zu stabilisieren. Das ist die erste tolle gemeinsame Leistung. Gleichzeitig haben wir die enorme Entwicklung in der Gemeinde Windisch mitgetragen und finanziert. Es ging dabei nicht nur um eine Sanierung, sondern um aufwendige Erschliessungen von Baugebieten und den Unterhalt der Infrastruktur. Denken Sie nur an die gewaltige Baustelle auf dem Kunzareal in Unterwindisch! Entstanden ist ein neues, trendiges Quartier.

Wasserstrom Schweiz ist seit 2014 das Basisprodukt für alle privaten Strombezüger in Windisch. Was bedeutet
Ihnen dieser Atomausstieg?

Als Energiestadt haben wir einen tollen Stand erreicht. Ich persönlich hätte das heutige Angebot mit Wasserstrom als Basis und Ökostrom als Wahlprodukt gerne noch weiter entwickelt.

Wie konkret?

In Windisch gibt es ein grosses Potenzial für Alternativenergie wie Photovoltaik-Anlagen. Bewohner, die selber Solarstrom produzieren, können ihn im Gemeindewerk abgeben und bekommen einen sehr guten Preis dafür. Die Rahmenbedingungen stimmen. Das Angebot wird aber zu wenig genutzt. Als Energiestadt müssten wir noch besser vorleben und vermarkten.

Wie steht es um die Gemeindewerke für Wasser, Strom und Abwasser?

Als ich mein Amt antrat, hatten alle Werke betriebswirtschaftliche Probleme. Sie waren verschuldet und hatten Nachholbedarf im Unterhalt. Heute steht jedes Gemeindewerk auf einem gesunden Fundament. Dies ist nicht direkt eine Frage von Stolz, sondern ich erachte es als eine Selbstverständlichkeit.

Was würden Sie anders machen, wenn Sie im Gemeinderat nochmals neu anfangen könnten?

Ich würde der regionalen Zusammenarbeit mehr Aufmerksamkeit schenken. Wir hätten die vielen Chancen in den letzten Jahren für die Pflege und den weiteren Aufbau der Zusammenarbeit besser nutzen können.

Sprechen Sie damit auch Fusionsabklärungen an? Schinznach-Bad bändelt ja derzeit mit der Stadt Brugg an.

Das Fusionsthema ist für mich eine natürliche Weiterentwicklung. Selber empfinde ich dieses Thema auf dem Parkfeld, was ich nicht gut finde.

Windisch gilt finanziell als krank
und scheint deshalb als Braut nicht begehrt zu sein.

Das ist ein Image. Wenn wir dahinter die Werte betrachten, sieht es schon anders aus. Wir machen einen gewaltigen Umbruch durch – und haben noch Potenzial für weitere Entwicklungen. Was wir bei den IBB mit unseren technischen Betrieben einbringen könnten, würde unsere Schulden mehr als begleichen. Gesamthaft gesehen wäre Windisch eine attraktive Fusionspartnerin.

Bei der Verwaltung liessen sich viele Synergien nutzen.

Ja, auf jeden Fall, würde sich hier eine noch engere Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden lohnen. Vieles wäre weniger aufwendig und kostengünstiger.

Wo klemmt es denn?

Wichtig sind die Pflege der Beziehung und das gegenseitige Vertrauen. Um das zu ändern, braucht es eine wachsende Zusammenarbeit, welche über die Tagesprobleme und Rosinenpickerei hinausgeht.

Ist da keine Besserung in Sicht?

Mit der Vision Mitte und dem Campus-Neubau hatten wir ein gemeinsames Ziel und zogen am gleichen Strick. Dort ansetzend könnte zum Beispiel in Sache Bildungsstandort Brugg-Windisch eine breit abgestützte Nachfolgeorganisation mit neu definierten Zielen entstehen.

Und nun will der Kanton das Berufs- und Weiterbildungszentrum (BWZ) Brugg schliessen.

Das BWZ ist ein regionales Thema und über Brugg hinaus von Bedeutung. Wir müssen gemeinsam aktiv werden. Eigentlich hätten wir das vor Jahren aufnehmen müssen und nicht erst jetzt.

Ist es schon zu spät?

Das würde ich nicht sagen. Aber grundsätzlich ist es nie gut, wenn wir erst kurz vor der Entscheidung aktiv werden. Auf jeden Fall ist die Situation sehr kritisch und es braucht einen geschlossenen, starken Auftritt.

Welche Probleme muss Windisch als Nächstes anpacken?

Neben der regionalen Zusammenarbeit sind für mich die Steuern ein Thema. In der Tendenz soll der Steuerfuss gesenkt werden. Weiter benötigt der Verkehrsfluss – inklusive Langsamverkehr – und die Sicherheit auf den Strassen unsere grosse Aufmerksamkeit.

Die Suche nach Ihrer Nachfolge gestaltete sich schwierig. Die Ersatzwahl musste auf den 22. November verschoben werden. Haben Sie das erwartet?

Ich habe dies vermutet. Das 25-Prozent-Pensum für dieses Amt ist eine Hürde, die es Interessierten schwierig macht, Beruf und Politik unter einen Hut zu bringen.

Die CVP soll nächste Woche eine Kandidatin nominieren, die bald in Pension geht. Auch in Villnachern wurde eine längere Vakanz mit einer Neu-Rentnerin besetzt. Ist das ein Trend?

Da müssen wir wirklich aufpassen. Ich würde einen solchen Trend bedauern. Personen, die mit beiden Beinen im Berufsleben stehen und ihre Erfahrung im Gemeinderat einbringen, sind für mich ideale Kandidaten.

Was kann man dagegen machen?

Würde sich der Rat auf die strategische Führung einer Gemeinde fokussieren und sich operativ nur nach Bedarf einbringen, liesse sich das Pensum für die Gemeinderäte auf ein vertretbares Mass reduzieren. Beruf und Politik könnten besser kombiniert werden.

Wird in Windisch das Operative und das Strategische gemischt?

Ja, das geschieht immer wieder. Bei der Betriebsführung in der Verwaltung sollte sich der Gemeinderat meiner Ansicht nach in der Regel nicht einmischen.

Werden Sie sich mit dem Rücktritt aus der Politik verabschieden?

Ich werde sicher pausieren, bleibe aber Mitglied der CVP und werde die politischen Themen mit Interesse weiterverfolgen. In der Zukunft kann ich mir durchaus wieder ein stärkeres Engagement vorstellen.

Worauf freuen Sie sich am meisten ab November?

Dass ich wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringen kann. Ferien und Reisen waren in den letzten Jahren immer eine richtige Spagatübung.

Noch ein Blick in die Zukunft: Werden Windisch und Brugg bis 2030 fusioniert haben?

Ja. Die Windischer Bevölkerung erwartet, dass Brugg und Windisch zusammenwachsen. Meine Vision ist, dass es in 15 Jahren eine Gemeinde Brugg-Windisch-Hausen möglicherweise mit Mülligen und Habsburg gibt, ohne dass die Ortsteile ihre Eigenheiten aufgeben müssen.

Welchen konkreten Wunsch haben Sie noch an die Gemeinde?

Ich habe mich während zehn Jahren dafür eingesetzt, dass an den Sitzungen Windischer Hahnenwasser statt Mineralwasser in PET-Flaschen ausgeschenkt wird. Im Gemeinderat war ich erfolgreich. Beim Einwohnerratsbüro klappte es leider bisher nicht. Ich wünsche mir, dass sich das noch ändern wird und auch die Einwohnerräte unser ausgezeichnetes Windischer Hahnenwasser trinken dürfen.