Birrfeld
Die Faszination Fliegerei lässt sie auch nach 75 Jahren nicht los

Werner Neuhaus sen. und Max Salm haben als Gründungsmitglieder der Fliegerschule viel erlebt. Nun erzählen sie von ihren zahlreichen Abenteuern.

Michael Hunziker
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Wen sie einmal gepackt hat, den lässt die Faszination Fliegerei nicht mehr los. Werner Neuhaus sen. und Max Salm gehören bei der Fliegerschule Birrfeld, die ihr 75-Jahr-Jubiläum feiern kann, zu den Männern, respektive Piloten, der ersten Stunde.

Tag der offenen Türe

Am 21. und 22. August öffnet der Flugplatz Birrfeld zum 75-Jahr-Jubiläum der Fliegerschule Birrfeld seine Türen.

Gut können sich die beiden 93-jährigen Gründungsmitglieder an die Anfänge erinnern, als das Trinkwasser für den Flugplatz noch beim benachbarten Bauernhof geholt werden musste, als lediglich drei Segelflugzeuge des Typs «Zögling» zur Verfügung standen, die mit zwei Autowinden gestartet wurden.

Werner Neuhaus war über 60 Jahre Mitglied der Fliegerschule, amtete drei Jahrzehnte lang als Präsident des Aero-Clubs Aargau. Gepackt hat ihn der Flugvirus schon als kleiner Knirps, als er die damalige Segelfluggruppe Brugg beobachtete.

In der Schule baute er zusammen mit dem Nachbarknaben einen Hängegleiter. Zum Glück habe ein anderer diesen zerstört, erinnert sich Neuhaus mit einem Schmunzeln. «Wir kannten die Gefahren nicht.»

Als Buben hätten sie bei jedem Wetter ihre Kastendrachen steigen lassen, fährt er fort. «Wir investierten jeden Batzen in Schnur. Die Drachen erreichten eine fantastische Höhe.» An einem Silvester aber habe sich ein Kastendrachen zwischen Windisch und Hausen bei starkem Wind fortgerissen.

«Wir fanden ihn bei der reformierten Kirche – zwei oder drei Tage später. Jemand kam zu uns und sagte, wir kämen noch an die Kasse, müssten einige Wochenenden absitzen im Schulhaus.

Wir wussten erst nicht warum.» Folgendes war passiert: Zwischen der Scheune von Königsfelden und dem Restaurant Waage wickelte sich die Schnur, die am Drachen hing, um die Stromleitungen.

Mit dem Resultat, dass es zu einem Kurzschluss kam und Unterwindisch während einiger Stunden keinen Strom hatte. Es sei glimpflich ausgegangen, fügt Neuhaus an, und der Schalk schaut ihm aus den Augen. «Der Vater meines Freunds war Gemeindeammann – und wir hörten in der Folge nichts mehr in dieser Sache.»

Ausbildung von bis 40 Piloten pro Jahr

Der Flugplatz Birrfeld wurde im Jahr 1937 gegründet. Er hat sich zu einem eidgenössisch konzessionierten Regionalflugplatz und damit zu einem bedeutenden Flugsport- und Ausbildungszentrum sowie zu einem beliebten Treffpunkt für Piloten undBesucher entwickelt. Die moderne Infrastruktur mit Betriebsgebäude, Schulungs- und Tagungslokalen, Hangars, Werkstatt sowie die Hartbelagpiste ermöglichen einen ganzjährigen Flugbetrieb. Rund 230 Motor- und Segelflugzeuge jeden Alters haben ihre Basis im Birrfeld in der Gemeinde Lupfig.

Drei Jahre nach der Eröffnung des Flugbetriebs wurde die Fliegerschule Birrfeld ins Leben gerufen – von Mitgliedern der Segelfluggruppen Aarau, Gränichen, Lenzburg, Brugg und Baden. Die Fliegerschule ist eine Tochtergesellschaft des Regionalverbands Aargau des Aero-Clubs der Schweiz. 1972 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Die Aufgaben haben sich in den vergangenen 75 Jahren nur unwesentlich verändert. Auch heute noch wird vor allem die fliegerische Aus- und Weiterbildung in den Sparten Motor- und Segelflug vermittelt. Im Einsatz stehen 27 Voll- und Teilzeitangestellte sowie rund 100 ehrenamtlich tätige Funktionäre. Aktuell ausgebildet werden im Birrfeld pro Jahr 30 bis 40 Piloten.

Die Flotte der Fliegerschule Birrfeld setzt sich heute aus 22 eigenen Motorflugzeugen zusammen. Ebenfalls besitzt sie zwei doppelsitzige Motorsegler und zwei Segelflugzeuge. Für dieses Jahr wird mit über 7300 Flugstunden gerechnet. Der Anteil der Schulungsstunden beläuft sich auf etwa 3100. Zum Angebot der Fliegerschule Birrfeld gehören neben der Ausbildung von Motor- und Segeflugpiloten auch die Vermietung von Flugzeugen, die Durchführung von Passagierflügen, die Organisation des Schleppbetriebs für die Segelflieger sowie die Führung der Flugzeugwerkstatt. In dieser gewartet werden können sämtliche Flugzeugtypen, die im Birrfeld starten und landen. (az)

«Ein frecher Cheib»

Die praktische Flugausbildung genoss Neuhaus 1944 auf einem Segelflugzeug des Typs «Zögling». In diesem sei man wie auf einem Melkstuhl gesessen. Während des Kriegs sei die Flughöhe beschränkt gewesen, erzählt der Ehrenpräsident eine weitere Anekdote.

«Einmal aber wollte es nicht mehr sinken. Ich stieg und stieg und kam als Neuling auf fast 3000 Meter.» Nach der Landung hätten all die anwesenden Koryphäen gesagt, er sei «auch noch ein frecher Cheib».

Später konnte sich Neuhaus an verschiedenen Flugzeugen beteiligen, unter anderem an einem Modell der Marke Klemm. Er absolvierte Flüge in Samedan, kam bis nach Kopenhagen oder Spanien.

So präsentierte sich der Flugplatz Birrfeld Mitte der 60er-Jahre. Noch bestand die heutige Hartbelagpiste nicht.
3 Bilder
Startvorbereitungen anlässlich des Regionalen Ausscheidungstags am 13. Mai 1973.
1974 sorgt der Besuch des Goodyear-Luftschiffs für Aufsehen.

So präsentierte sich der Flugplatz Birrfeld Mitte der 60er-Jahre. Noch bestand die heutige Hartbelagpiste nicht.

ZVG/Aero-Club Aargau

«Ich erlebte sehr schöne Momente in der Luft.» Er gab aber auch die eine oder andere brenzlige Situation, beispielsweise, als einmal der Motor ausfiel und er notlanden musste. Das Fahrgestell des Flugzeugs sei zwar in Mitleidenschaft gezogen worden, seinem Kollegen und ihm sei zum Glück aber nichts passiert, sagt Neuhaus und muss wieder schmunzeln.

«Grauenhafte» Bürokratie

Für Max Salm, ehemaliger Verwaltungsratspräsident, besteht der Reiz der Fliegerei in der Auseinandersetzung mit der Natur. Es gelte, sich mit den Bedingungen zu arrangieren und auch einmal zu kämpfen. Wichtig sei die Eigenverantwortung. Im Flugzeug sei der Pilot auf sich alleine gestellt, müsse sämtliche Probleme selber lösen.

Positiv verändert hat sich laut Salm im Laufe der Zeit die Technik. Diese sei zuverlässiger geworden, dazu gekommen seien Hilfsmittel wie Funk und Navigation. Als weniger erfreulich bezeichnet er dagegen die überbordende Bürokratie.

«Grauenhaft», stellt er mit einem Lachen fest. Den Verleider habe er deshalb aber nie bekommen, schiebt er nach. Vielmehr sehe er es als eine Aufgabe, gegen diese zunehmende Regulierung zu kämpfen. «Ich wehre mich auch heute noch.»

Mit der Fliegerei habe er aber altershalber – aus freien Stücken wohlverstanden – aufgehört, führt Salm aus. Als Ersatz habe er in der Folge das Hochsee-Segeln für sich entdeckt. Dieses sei zwar zehnmal langsamer – «da hat man Zeit» –, aber die Herausforderungen seien die gleichen.

Mit einem Schmunzeln nennt er die Stichworte Auseinandersetzung mit der Natur sowie Eigenverantwortung.

Noch immer ist Salm gerne Gast auf dem Flugplatz Birrfeld. «Ich komme mit meinem Kollegen her und frische Erinnerungen auf.» Schön ist, sagt er, dass die Fliegerschule auch nach 75 Jahren Erfolg habe, dass sich das Milizsystem bewähre, gerade in der heutigen Zeit, in der viele beruflich stark eingespannt seien. «Das waren wir zwar auch», erklärt er. «Aber wir konnten uns in unserer Freizeit klar abgrenzen und mussten nicht immer an das Geschäft denken.»