Barbara Horlacher
Die erste Frau Stadtammann von Brugg im grossen Interview: «Die zentrale Verwaltung ist ein Schlüsselprojekt»

Über vier Monate steht Barbara Horlacher (Grüne) an der Spitze des Stadtrats Brugg. Sie sagt, wie die Beziehung zu Windisch ist, wo sie neue Sichtweisen einbringen kann und was ihr Amt mit Botanik zu tun hat.

Michael Hunziker, Claudia Meier
Drucken
Teilen
Barbara Horlacher fühlt sich wohl im Stadtammann-Büro. Die Maiglöckchen auf dem Tisch stammen aus ihrem eigenen Garten.

Barbara Horlacher fühlt sich wohl im Stadtammann-Büro. Die Maiglöckchen auf dem Tisch stammen aus ihrem eigenen Garten.

Michael Hunziker

Frischen Wind haben sich viele gewünscht in Brugg – und Barbara Horlacher (Grüne) die Stimme gegeben als erste Frau Stadtammann. Anfang Jahr hat sie die Nachfolge angetreten von Daniel Moser (FDP). Und der Wind war nicht nur frisch, sondern sogar kräftig: Denn just zu Beginn ihrer Amtszeit fegte Sturmtief Burglind über das Land. Mittlerweile ist Barbara Horlacher über vier Monate im Amt. Zeit für ein Gespräch im Stadthaus.

Barbara Horlacher, Anfang Jahr haben Sie das Büro bezogen im Stadthaus. Was haben Sie hier verändert als Nachfolgerin von Daniel Moser?

Barbara Horlacher: Ich durfte ein aufgeräumtes, geordnetes Büro übernehmen. Mein Vorgänger Daniel Moser hat vorgespurt und alles sehr gut für mich vorbereitet. Es ist mir wohl in diesem Raum, es ist luftig und geräumig. Noch fehlt ein Bild für die Wand.

Mussten Sie Daniel Moser in den ersten vier Monaten im Amt auch schon einmal um Rat fragen?

Das nicht. Wir hatten eine reibungslose Übergabe. Daniel Moser gab mir einen Einblick in die offenen Dossiers sowie in die Tätigkeitsgebiete in den verschiedenen Gremien. Wir haben uns in diversen Bereichen ausgetauscht. Überdies darf ich ja auf die Unterstützung der Verwaltung und der Kollegen im Stadtrat zählen. Die ersten Wochen waren geprägt davon, das Umfeld kennenzulernen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Ansprechpersonen, die einzelnen Geschäfte. Es ist eine grosse Vielfalt.

Vor Amtsantritt leiteten Sie die Umweltabteilung am Flughafen Basel-Mulhouse. Wie gross war die Umstellung?

Die Themen, mit denen ich mich beschäftige, sind zwar andere. Aber die Art der Arbeit unterscheidet sich gar nicht so stark von meiner früheren Tätigkeit. Auch am Flughaben pflegte ich Kontakte zu Mitarbeitenden, Öffentlichkeit, Amtsstellen und Behörden, hatte Vorgesetzte, denen ich Rechenschaft über meine Arbeit ablegen musste.

Repräsentationspflichten hatten Sie aber nicht im gleichen Mass?

Die vielen öffentlichen Auftritte sind sicher neu. Bei den Leuten, das spüre ich, ist das Bedürfnis vorhanden, mich als Frau Stadtammann zu erleben oder persönlich kennenzulernen.

Sie haben sich also schon bestens in Ihrem Amt eingelebt?

Ich denke, ich bin gut angekommen. Man hat es mir aber auch recht einfach gemacht. Ich wurde eigentlich überall mit Goodwill empfangen, sei es in der Bevölkerung oder auf der Verwaltung.

Apropos Goodwill: Was war besonders erfreulich in der Anfangszeit?

Positiv war, dass ich mit offenen Armen aufgenommen worden bin.

Gab es – böse – Überraschungen?

Nein. Ich war mir bewusst, dass dieses Amt fordernd sein wird in allen Bereichen: fachlich, zeitlich und persönlich. Was ich etwas bedaure, ist, dass die räumliche Verzettelung unserer Verwaltung den direkten Kontakt zu den städtischen Mitarbeitenden, die ihre Arbeitsplätze nicht im Stadthaus haben, erschwert.

Was hat Sie am stärksten beschäftigt?

Wir haben intensive vier Monate mit gewichtigen Geschäften hinter uns – beispielsweise die Abstimmung über die Fusion mit Schinznach-Bad, die öffentliche Auflage der Bau- und Nutzungsordnung, die Mitwirkungsverfahren für die Gestaltungspläne «Alte Post» sowie «Anner-strasse» oder die Verabschiedung des Jugendleitbilds. Auch die Revision der Musikschul-Reglemente kam in den Einwohnerrat. Viele Geschäfte wurden bereits in der letzten Legislaturperiode aufgegleist. Ich musste mir in recht kurzer Zeit einen Überblick verschaffen, um dann Entscheide fällen zu können.

Was haben Sie bereits verändert?

(überlegt kurz) Es wäre etwas vermessen zu behaupten, man habe in nur vier Monaten neue Schwerpunkte gesetzt. Ich bin eher jemand, der sich zuerst einen Überblick verschafft und eine Meinung bildet, bevor er eingreift. Veränderungen werden in einer nächsten Phase kommen – nicht nur von mir, sondern vom ganzen Stadtrat.

In diesem war ja bis Mitte März ein Sitz vakant . . .

Nach der Wahl von Jürg Baur ist das Gremium nun komplett und kann sich so richtig formieren und finden. Ende Mai haben wir eine erste Klausur, in der wir uns über die Legislaturziele 2019–22 Gedanken machen.

Barbara Horlacher

Barbara Horlacher (Grüne) wurde im letzten Herbst zuerst in den Stadtrat und im zweiten Wahlgang zur ersten Frau Stadtammann von Brugg (Vollamt)
gewählt. Zuvor war sie während zweier Jahre Einwohnerratspräsidentin und somit höchste Bruggerin. Die 47-jährige wuchs auf dem Bözberg auf. Seit 2008 wohnt sie im Brugger Stadtteil Umiken. An der ETH in Zürich
hatte sie Umweltnaturwissenschaften studiert. Vor der Wahl in den Stadtrat war Horlacher während vier Jahren als Leiterin Abteilung Umwelt am Flughafen
Basel-Mulhouse tätig. Von 2007 bis 2014 war sie Projektleiterin der Umweltfachstelle der Stadt Aarau. Barbara Horlacher lebt in einer Partnerschaft. (cm)

Das Klima in der Verwaltung scheint angenehm. Welche Erklärung gibt es dafür?

Das freut mich zu hören (schmunzelt). Ich habe die Verwaltung mir gegenüber von Anfang an als sehr wohlwollend erlebt. Der Neubeginn mit meinem Eintritt motiviert und beflügelt vielleicht, regt an. Es gibt neue Ideen.

Oder hängt die positive Grundstimmung auch mit Ihrem Führungsstil zusammen?

Ich pflege, hoffe ich, gegenüber dem Stadtrat einen kollegialen, gegenüber der Verwaltung einen partizipativen Führungsstil.

Geht der direkte Draht zur Bevölkerung nicht etwas verloren als Stadtammann?

Ich bin viel unterwegs an verschiedenen Veranstaltungen. Es ist immer spannend, im persönlichen Gespräch zu erfahren, was bewegt und beschäftigt.

Werden Sie nun häufiger angesprochen auf der Strasse?

Ja, das ist zu spüren. Viele Wünsche und Fragen wurden allerdings schon an mich herangetragen in dem Moment, als klar war, dass ich mir eine Kandidatur überlege. Das ist verständlich. Die meisten akzeptieren auch, dass der Stadtammann nicht allmächtig ist und auf alle Anliegen eingehen kann.

Die Entschädigung des Stadtammanns, die bei rund 220 000 Franken pro Jahr liegt, gab in der Vergangenheit dann und wann Anlass zu Kritik. Ist dieser Lohn gerechtfertigt?

Das müssen andere beurteilen und ist auch abhängig von der Leistung. Ich selber kann sagen, dass dieses Amt anspruchsvoll ist, inhaltlich und auch im menschlichen und zeitlichen Bereich. Aber das Amt ist ebenfalls sehr befriedigend und anregend.

Über den Umgang mit der Verwaltung und dem Stadtrat haben wir schon gesprochen. Wie steht es um die Kommunikation nach aussen? Das geplante Konzept wurde bisher nicht umgesetzt.

Die Kommunikation ist ein wichtiges Thema, das zu meinen Ressorts gehört. Der Stadtrat muss lesbar sein für die Öffentlichkeit, für die Mitarbeitenden und auch für die Behörden der Nachbargemeinden.

Das heisst, Sie werden sich persönlich darum kümmern, dass das vorhandene Kommunikationskonzept zum Fliegen kommt?

Ja, ich hoffe, dass im Spätsommer, also noch vor Bekanntgabe der Legislaturziele, erste Massnahmen umgesetzt und sichtbar werden. Im Moment bin ich am Sammeln der verschiedenen Bedürfnisse und der Erfahrungen in anderen Städten. Mein Ziel ist es, den Stadtratskollegen im Sommer einen entsprechenden Antrag zu unterbreiten.

Wo besteht in der Kommunikation der grösste Handlungsbedarf?

Auf dem Weg zur Realisierung eines Projektes braucht es viele Zwischenschritte und Entscheidungen. Wichtig ist, dass die Öffentlichkeit diese Zwischenschritte erfährt, nachvollziehen kann und weiss, in welche Richtung die Stadt gehen will. Hier sehe ich Handlungsbedarf. Wenn die Leute über Projekte Bescheid wissen, ist die Akzeptanz oft besser.

Eine andere Schnittstelle gibt es mit dem Gewerbeverein. Im Wahlkampf wurden Sie vom Zentrum Brugg nicht unterstützt. Wie ist das Verhältnis?

Gut, wir tauschen uns regelmässig aus. Der bestehende Roundtable zwischen Stadtrat und Gewerbeverein wird weitergeführt. Ein erster Austausch fand Ende März statt und war konstruktiv. Vor den Sommerferien ist ein zweiter geplant.

Das Nettovermögen der Stadt Brugg nahm im vergangenen Jahr um über 4,7 Millionen Franken zu und beträgt 83,8 Millionen Franken. Mit dem Geldberg scheinen auch die Erwartungen in der Bevölkerung zu wachsen. Einige Projekte stecken in der Pipeline. Wie geht es weiter?

Zu den einzelnen Prioritäten kann ich mich nicht im Detail äussern. Das ist Thema unserer Klausur Ende Mai mit externer Begleitung. Ziel wird sein, dass wir uns innerhalb des Gremiums einigen können, welche Schwerpunkte wir in den kommenden vier Jahren setzen wollen.

Werden die Aufwertung Bahnhof- und Neumarktplatz sowie die zentrale Verwaltung dazugehören?

Das sind für mich absolute Schlüsselprojekte für die Stadt Brugg. Beim Bahnhofplatz spüren wir auch von unseren Partnern Kanton und SBB, dass hier grosser Handlungsbedarf besteht. Bei der Festlegung der Legislaturziele wird es darum gehen, realistische Ziele zu definieren, wie weit wir in den nächsten Jahren kommen können und wie viele finanzielle und personelle Ressourcen wir dafür einsetzen wollen.

Historische Bauten erhalten oder Verdichten lauten die Themen bei der «Alten Post».

Ja, ich bin froh, dass wir mit der Auflage der Gestaltungspläne die Diskussion rund um das Projekt zentrale Verwaltung lancieren konnten. Persönlich bin ich überzeugt, dass es aus planerischer Sicht der richtige Ort ist, um verdichtet zu bauen. Die Kombination von Wohnungen und publikumsorientierter Nutzung wird zu einer Belebung des Areals zwischen Neumarkt und Altstadt führen. Im Moment sind wir daran, das Raumbedürfnis für die zentrale Verwaltung zu überprüfen. Durch die räumliche Zusammenlegung der verschiedenen Abteilungen könnten wir Abläufe optimieren und die Zusammenarbeit der verschiedenen Verwaltungsabteilungen vereinfachen. Die Bevölkerung würde davon profitieren. Bis zur Realisierung des Projekts haben wir aber noch einen langen Weg mit einigen Risiken vor uns.

Schon lange diskutiert werden kleinere und grössere Verkehrsprojekte wie Süssbachunterführung, Umikersteg, Südwestumfahrung und Ostaargauer Strassenentwicklung (Oase).

Bei all diesen Projekten arbeiten wir eng mit dem Kanton zusammen. Bei der Süssbachunterführung warten wir auf das Gutachten zum Hochwasserschutz. Der Umikersteg wäre eine wichtige Verbindung für den Langsamverkehr. Vorbehalte äussert der Kanton aufgrund des Auenschutzes. Der Stadtrat hingegen ist von der Wichtigkeit dieses Projekt nach wie vor überzeugt. Vorwärts geht es jetzt mit dem Bau der Südwestumfahrung.

Komplizierter ist es bei der Oase.

Dieses Thema hat den Stadtrat in den ersten vier Monaten dieses Jahres intensiv beschäftigt. In den Gesprächen mit den Planern setzt sich der Stadtrat einerseits für eine möglichst siedlungs- und naturverträgliche Linienführung ein. Andererseits spüren wir in der Bevölkerung ein starkes Informationsbedürfnis. Wir machen uns deshalb bei den Verantwortlichen seitens Kanton dafür stark, dass die Bevölkerung der betroffenen Gemeinden schon vor der öffentlichen Anhörung über den Projektstand informiert wird.

Brugg ist eine reiche Stadt und es stehen teure Investitionen an. Ist es da nicht kleinlich, wenn die Betreiber des neuen Pumptracks den Abfall privat entsorgen müssen?

Ich glaube, da ging in der Kommunikation etwas unter. Wir hatten den Verantwortlichen nämlich noch vor der offiziellen Eröffnung mitgeteilt, dass die Stadt den Abfall aufgrund der guten Erfahrungen entsorgen wird.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden?

Ich persönlich glaube mittel- bis langfristig an die Vorteile einer fusionierten Zentrumsgemeinde. Bevor wir aber in ein weiteres konkretes Fusionsprojekt gehen, sollten wir uns mit der Frage auseinandersetzen, was wir von einer solchen Zentrumsgemeinde erwarten, und zugunsten von was wir bereit sind, gewisse Kompromisse einzugehen. Deshalb wird es kein Legislaturziel geben, das «Fusion mit Windisch» heisst.

Braucht es eine breitere Diskussion?

Ja, damit sollten sich nicht nur die Politik befassen, sondern auch die Bevölkerung. Deshalb begrüsse ich Initiativen wie das grenzüberschreitende Theaterprojekt «Zufall regiert» sehr, das im Hinblick auf das Stadtfest 2019 realisiert wird.

Für dieses Projekt waren Sie schon für ein «Persönlich»-Gespräch mit SVP-Gemeindepräsidentin Heidi Ammon aus Windisch auf der Bühne. Pflegen Sie regelmässig Kontakt mit ihr?

Ja, wir treffen uns etwa einmal pro Monat in einem lockeren Rahmen und tauschen uns einerseits über anstehende Themen aus, andererseits über unsere Arbeit als Vorsteherin einer Exekutive. Wir pflegen auf persönlicher Ebene einen sehr guten, respektvollen und herzlichen Kontakt zueinander. Ich kann von ihrer Erfahrung profitieren und vielleicht auch neue Sichtweisen einbringen. Zudem treffen Heidi Ammon und ich uns jeweils im Vorfeld der Brugg-Regio-Vorstandsitzungen mit den Gemeindeammännern von Hausen und Gebenstorf.

Im Wahlkampf sagten Sie, Sie würden sich für eine bessere Lebensqualität in Brugg einsetzen. Wie läuft es damit?

Ich wünsche mir, dass die Leute hier gerne wohnen, arbeiten und sich engagieren, weil Vorhaben und Projekte möglich sind. Dafür braucht es einerseits eine Exekutive, die spürt, welche Bedürfnisse die Bevölkerung hat, und einen gewissen Lead übernimmt, Projekte definiert und deren Umsetzung vorantreibt. Andererseits erfordert es eine Legislative und eine Bevölkerung, die bereit sind, sich in den Meinungsbildungsprozess einzubringen und gemeinsam getroffene Entscheide verbindlich mitzutragen. Dadurch wird die Stadt hoffentlich noch lebenswerter.

Lebenswerter könnte sie auch mit einem Altstadtentwicklungskonzept werden, das zeitnah umgesetzt wird. Wird sich Brugg zusammen mit Zofingen als Pilotgemeinde bei der IG Aargauer Altstädte einbringen?

Dafür interessieren wir uns sehr. Wir wollen diesen Prozess zusammen mit der IG aufgleisen und mit unserer Bevölkerung durchführen. Bedingung ist, dass wir über genügend finanzielle und personelle Ressourcen verfügen. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt. Die neue Stadtplanerin wird Ende Mai ihre Stelle antreten.

Vor einem Jahr wurde bekannt, dass Sie kandidieren. Nun sind Sie als erste Frau Ammann von Brugg. Sehen Sie Stadt anders als vor der Wahl?

Ich komme von der Umweltnaturwissenschaft und vergleiche die Erfahrung mit derjenigen, die ich als Studentin mit der Botanik machte. Am Anfang muss man jede Pflanzenart mühsam lernen. Je mehr man sich aber mit der Thematik beschäftigt und darüber weiss, desto grösser und schöner wird die Vielfalt, die man entdeckt. Mit der Stadt geht es mir jetzt auch so. Ich hatte sie schon immer gerne. Seit ich im Amt bin, sehe ich in viele Themen tiefer hinein. Das schärft mein Bewusstsein und verstärkt meine Bindung zur Stadt und ihrer Bevölkerung. Das ist eine tolle Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte.

Aktuelle Nachrichten