Morgen ist es fünf Jahre her seit dem grossen Erdbeben in Haiti, das viel Leid mit sich brachte. Noch heute ist die Zahl der Toten nicht bekannt, man spricht von 200 000 bis 300 000 Menschen, die ihr Leben liessen.

Die Umikerin Maja Loncarevic (46) war selber vor Ort, als das Beben losging. Sie arbeitet beim Hilfswerk Iamaneh Schweiz, das damals in Port-au-Prince ein Projekt für Strassenmädchen unterstützte. Heute ist die Ethnologin dankbar dafür, dass sie «das Glück hatte, zu überleben». Doch sie erinnert sich auch an die Ohnmacht, die sie damals fühlte. Nicht wirklich helfen zu können, da sie weder Katastrophenhelferin noch Ärztin ist.

Für Iamaneh reist Loncarevic am 11. Januar 2010 nach Port-au-Prince, um das Projekt zu besuchen und mit den lokalen Projektleitern weitere Schritte zu planen. Am 12. Januar besucht sie eine Schule in einem Aussenquartier. Gemeinsam mit Kettely Marseille, der lokalen Projektleiterin, hat sie einen Termin mit der Schulleiterin.

Draussen ziehen Regenwolken auf, ein Unwetter liegt in der Luft. Die Lehrerinnen wollen die Schüler deshalb früh nach Hause schicken. Doch es ist nicht der Himmel, der Unheil bringt. Maja Loncarevic und Kettely sitzen kaum auf ihren Stühlen, als die Hölle losbricht. Zuerst ein tiefes Stöhnen aus der Erde, dann bewegt sich der Boden. «Es war nicht nur ein Rütteln», beschreibt es Loncarevic. «Die Erde verschob sich richtig.» Ein Mädchen schreit, lässt sich kaum beruhigen. Eine Frau wimmert nur noch: «Jesus, Jesus.»

Maja Loncarevic erzählt, wie sie das Erdbeben erlebt hat

Besonders in Erinnerung geblieben ist Maja Loncarevic, was die Lehrerinnen taten: «Sie setzten sich mit den Kindern in einen Kreis, fassten sich an den Händen und dann sangen sie einfach», sagt Loncarevic. «Das hat mich tief berührt.» Kaum ist das Beben vorbei, schickt man die Kinder nach Hause. Niemandem ist das Ausmass der Katastrophe bewusst.

Erst als Maja Loncarevic mit Kettely Richtung Stadtzentrum zu kommen versucht, wird ihr klar, wie schlimm es ist. Sie will zurück in ihr Hotel, damit Kettely und die anderen frei sind, um ihre Familien zu suchen. «Ich brauchte Kettely aber, damit sie mir den Weg zeigt», sagt Maja Loncarevic. «Ich nahm sie an der Hand und sagte: ‹Lass mich nicht los, ich bin ohne dich verloren.›»

Auf dem Weg zum Hotel sieht sie Tote, Verletzte, das Elend. Sie sieht Menschen, die in den Trümmern nach ihren Verwandten suchen. Am Strassenrand liegt ein toter Knabe, notdürftig mit Karton bedeckt, alleine. Ein Bild, das Maja Loncarevic, die selber zwei Töchter hat, nicht mehr aus dem Kopf geht. «Die Einsamkeit dieses Jungen, das hat mich sehr erschüttert.»

Zurück im Hotel, welches das Beben praktisch unbeschadet überstanden hat, versucht sie verzweifelt, mit ihrer Familie zu Hause Kontakt aufzunehmen. Über ein Tag vergeht, bevor sie sich melden kann: «Ich lebe, mir ist nichts passiert.» Sie weint viel in dieser Zeit, verarbeitet das Trauma, indem sie auf ein haitianisches Mädchen im Hotel aufpasst, dessen Mutter Familienangehörige suchen geht. Sie bastelt mit der Achtjährigen Häuser aus Papier.

Maja Loncarevic versucht, mit ihrer Familie Kontakt aufzunehmen.

Dann organisiert das EDA die Rückreise. Zu Hause angekommen, verfällt sie in «totalen Aktivismus». Für sie gilt jetzt, die Nothilfe für das Projekt zu organisieren. Es zeigt sich, dass in der Vernetzung mit anderen Hilfsorganisationen von der Schweiz aus mehr möglich ist, als wenn sie selber vor Ort geblieben wäre. Maja Loncarevic ist froh, dass sie zu Hause etwas Sinnvolles tun kann. Nach vier Monaten reist sie zurück nach Port-au-Prince.

Die Unterkunft des Strassenmädchen-Projekts ist zerstört. Viele Mitarbeitende haben Angehörige verloren, müssen ihre Trauer bewältigen. «Wir sahen, dass wir den Menschen diese Zeit lassen mussten, bevor sie die noch Bedürftigeren betreuen konnten.» Zu diesem Zeitpunkt wird klar, dass es nicht mehr «nur» ein Strassenmädchen-Projekt sein soll.

Iamaneh weitet die Arbeit auf die Kinder im ganzen Quartier aus, plant nachhaltig. «Das ist auch der Grund, warum viele Organisationen und Projekte nicht sofort Resultate vorweisen konnten», sagt Maja Loncarevic. Dies hält sie dem Unmut der Geldspender und der negativen Presse über die Hilfsaktionen in Haiti entgegen.

«Es ist einfacher, ein paar Häuser aus dem Boden zu stampfen und nach einem halben Jahr wieder zu gehen», erklärt sie. Bei den nachhaltigen Projekten aber versuche man, die Bevölkerung einzubeziehen. Und bei den Projekten von Iamaneh geht es oft um psychosoziale Fragestellungen und nicht «nur» um technische Hilfe. Das dauere nun mal länger. Erst recht, wenn die Menschen trauern und täglich ums Überleben kämpfen müssen. Vor einem Jahr übergab Iamaneh das Projekt an Terre des hommes. Dieses Hilfswerk hat ständig Leute vor Ort und kann das Projekt direkter begleiten. Das sei wichtig für dessen Weiterentwicklung und Qualität.

Für Maja Loncarevic ging damit eine bewegende Zeit zu Ende. Für ihren persönlichen Abschied plant sie noch in diesem Jahr eine Reise zurück nach Port-au-Prince. Sie wird sich mit dem Projektpersonal und mit Kettely treffen, und vielleicht auch das Mädchen aus dem Hotel suchen. Ganz sicher aber wird sie morgen mit all diesen Leuten telefonieren. So, wie sie es seit dem 12. Januar 2010 jedes Jahr getan hat.