Wer in Brugg ein Haustier hält, ist mit seinem Vierbeiner wahrscheinlich schon mal an diesem Ort gewesen: die Kleintierpraxis an der Laurstrasse gegenüber dem Bauernverband, die einzige in Brugg.

Vor bald 28 Jahren baute Bernhard Pabst dort sein tiermedizinisches Revier auf und behandelte so manche Spezies auf vier Beinen: Die grosse Mehrheit davon Hunde und Katzen, dazu Kaninchen, Ratten oder Meerschweinchen, hin und da auch mal eine Echse, zunehmend auch Minipigs oder Hühner – Nutztiere, die heute Haustiere geworden sind. Viele treue Kunden habe er dabei erlebt, darunter auch solche, die früher als Kind mit ihren Eltern gekommen waren und nun als Erwachsene ihre eigenen Haustiere vorbeibringen.

Dabei standen zu Beginn seiner Laufbahn als Tierarzt vor allen die Pferde im Vordergrund. Die ersten rund zehn Jahre verbrachte er noch im Tierspital in der Pferdechirurgie. Nachdem er die Praxis in Brugg eröffnete, ging er oft auch in die Ställe der Bauernhöfe der Region. «Damals waren über 60 Prozent meiner Kunden Bauern», erzählt er.

Führte er zu der Zeit rund 120 Landwirtschaftsbetriebe in seiner Kundenkartei, seien es heute nur noch um die 40. «Wir hatten früher auch mal Vögel und Schlangen hier», sagt Bernhard Pabst, der auch als Tierarzt im Zoo Hasel in Remigen tätig war, als dieser noch Tiger und Pumas beherbergte. In seiner Praxis in Brugg hängt heute noch ein Foto von dieser Zeit, das den jungen Tierarzt mit einem Pumababy zeigt.

Spezialisten wie bei den Menschen

Inzwischen habe sich die Tiermedizin aber weitgehend spezialisiert. Wie für die Menschen gibt es heute auch für Tiere allerlei Fachleute wie etwa Haut- oder Augenärzte. Tiere mit Hauttransplantationen, Herzschrittmachern oder künstlichen Hüftgelenken – oft sind es Katzen – gäbe es immer öfter.

Eine Entwicklung, die Bernhard Pabst nicht unbedingt positiv stimmt: «Für mich gibt es immer noch einen Unterschied zwischen Mensch und Tier.» Gewisse Operationen oder Studien würden schnell mal teuer. Ohne entsprechendes Budget könnten sich dies nicht alle leisten. Gewissensbisse bei den Tierhaltern seien dann vorprogrammiert – was manchmal auch von anderen ausgenützt würde. So gäbe es inzwischen auch schon Tierkrankenkassen.

Bernhard Pabst wiederholt stets: Die Hälfte des Jobs als Tierarzt hat mit Menschen zu tun. Nicht nur berufliche Fähigkeiten, sondern auch Sozialkompetenz machen einen guten Tierarzt oder eine gute Tierärztin aus.

Nadine Theis bringt dies auf den Punkt mit dem Satz: «Zu jedem Vierbeiner gehört auch ein Zweibeiner.» Schon rein praktisch gesehen sei es ja so, dass die Tierärzte ihre Fragen jeweils an den menschlichen Halter ihrer tierlichen Patienten stellen – die Tiere selber können sie ja nicht befragen. Für eine erfolgreiche Behandlung des Vierbeiners seien sie deshalb sehr auf eine gute Mitarbeit des Zweibeiners angewiesen, auf dessen Beobachtungen sowie dessen Einsatz.

«Wir müssen dem Menschen jeweils viel Aufmerksamkeit und Verständnis geben», sagt Bernhard Pabst. Es käme aber auch viel zurück: Gute Gespräche, Grusskarten aus den Ferien oder zu Ostern jeweils haufenweise Schokolade. Den Satz «Ich habe Tiere lieber als Menschen», habe er oft gehört. Dazu sagt er: «Einerseits ist das traurig, andererseits wäre Königsfelden etwa dreimal so gross, gäbe es keine Tiere.»

Auch Tiere werden immer älter

Doch nun zu Nadine Theis, der neuen Brugger Tierärztin, die die Kleintierpraxis übernimmt: Ihren Beruf erachtet sie klar auch als Berufung, auch wenn sie, wie ihr Vorgänger, ursprünglich mehr mit Pferden zu tun haben wollte.

Die 32-Jährige zog 2005 von der Region Köln in die Schweiz, studierte an der Universität Zürich und arbeitete drei Jahre lang in der Tierklinik Aarau. In der Zeit war sie bereits als Aushilfsärztin in der Praxis in Brugg tätig.

«Anfangs des Studiums wollte ich in die grossen Kliniken. Nun schätze ich den persönlichen Kontakt mit den Kunden», sagt sie. «Brugg ist eine ‹herzige› Stadt, ich bin gerne hier.»

Im Praxisalltag führt sie meistens Jahreskontrollen durch, sowie Impfungen, Parasitenprofilaxe oder Kastration bei jungen Tieren. Vermehrt habe sie es aber mit älteren Patienten zu tun. «Tiere werden, wie die Menschen, immer älter», sagt sie. Und auch immer dicker – eine Entwicklung, die offenbar aber wieder besser werde. Im Wartezimmer der Kleintierpraxis jedenfalls steht schon länger eine Waage, damit Tierhalter spontan vorbeigehen und das Gewicht ihrer Lieblinge selber kontrollieren können.

Ernährungsberatung sei auch bei Tieren ein Thema. Bei ihr nie vorgekommen, aber offenbar bereits bei Berufskollegen, seien sogar Fragen zu tierischer Veganernährung. Bei dem Thema ziehe sie aber klar den Strich: «Das geht für mich bei Tieren nicht.» Katzen etwa seien schlicht Fleischfresser, allgemein sollten Tiere ein qualitativ gutes Futter erhalten können.

Ausgleich zum Beruf findet die freundliche und aufgestellte Tierärztin unter anderem im Kampfsport Krav Maga oder beim Reiten, das sie auch unterrichtet. «Tiermedizinerin ist ein harter Beruf, aber ich mache ihn äusserst gerne. Man gibt viel, bekommt aber auch viel zurück.»

Bei den Kunden in Brugg kommt sie offenbar bereits gut an. Vorgänger Bernhard Pabst ist voll des Lobes: «Sie hat die Füsse auf dem Boden, ist realistisch, kann Entscheidungen treffen und scheut sich nicht, unangenehme Dinge anzusprechen.»

In der Praxis in Brugg – die nun ihre ist –, hat Nadine Theis bereits ihre ersten Spuren hinterlassen. So hängen etwa neue Bilder an den Wänden, und im Wartesaal steht nun eine Kaffeemaschine: Kleine Veränderungen, die Bernhard Pabst dabei helfen, schrittweise sein Revier zu räumen, wie er sagt. «Dank ihnen spüre ich, dass es jetzt nicht mehr meine, sondern ihre Praxis ist», sagt der 65-Jährige.

Zwei Tage pro Woche käme er noch zum Arbeiten vorbei, «damit ich keine Entzugserscheinungen kriege», wie er humorvoll sagt. So gibt es einen sanften Übergang für beide. Praxisassistentin Sonja Lösel bleibt.

Keine 16-Stunden-Arbeitstage mehr

Bernhard Pabst kann sich nun den Dingen widmen, die er jahrelang «auf später» verschoben hat. «Später ist jetzt», sagt er, der etwa sein Hobby Motocross-Fahren wieder aufnehmen will. Mehr Zeit für seine Ehefrau und seine Enkelkinder steht auch auf dem Programm.

«Früher habe ich 14, teils 16 Stunden am Tag gearbeitet, dazu Abende und Wochenenden im Notfalldienst», erzählt er. Die Familie kam zu kurz, seine Ehefrau habe dennoch alles mitgemacht. «Ich bin froh, dass sie mir nicht davongelaufen ist.»

In seiner Generation habe jeder ständig nur gearbeitet. Erst heute schauen die Menschen mehr auf eine gesunde Balance. Mit 65 hat es der arbeitsame Bernhard Pabst zwar noch nicht zur vollen Pensionierung geschafft – aber immerhin zum Teilzeitpensum.