Rüfenach/Argentinien
Die einst stolze Seele des argentinischen Volkes ist verletzt

Wie lebt und studiert es sich im Land von Messi, Maradona, Tango und im Schatten der Geschichte der Militärdiktatur der 70er-Jahre? Der 24. März, Tag des Militärputsches 1976, ist seit 2006 ein «Anti-Feiertag». Die az war 2012 ganz nah dabei.

Aline von Atzigen
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In Argentinien wirbelt der Konflikt um die Falklandinseln immer noch viele Emotionen auf.

In Argentinien wirbelt der Konflikt um die Falklandinseln immer noch viele Emotionen auf.

Aline von Atzigen

Die letzte argentinische Militärdiktatur (1976–1983) ist nicht ein Gespenst aus der fernen Vergangenheit, wie ich bei meiner Abreise dachte. Sie ist bis heute täglich spürbar. Die berühmten Grossmütter sind auch heute noch jeden Donnerstag auf der Plaza de Mayo vor dem Präsidentenpalast anzutreffen.

Unermüdlich setzen sie ihren Kampf für Gerechtigkeit und die Suche nach ihren verschwundenen Enkelkindern fort. Und auch sonst in der Stadt sind die Zeichen der Geschichte präsent. So habe ich bei meinen Streifzügen durch die Gassen schon oft Gedenkplatten gesehen vor den Häusern, in denen die von der Diktatur Verschleppten gewohnt hatten. Einige dieser Opfer von Staatsgewalt waren Geschwister und Mitstudenten meiner Universitätsprofessoren, Eltern meiner Studienkollegen oder Freunde der Menschen, neben denen ich täglich im Bus sitze.

Diktatur tötete 30000 Menschen

Am 24. März 1976 putschte in Argentinien das Militär und regierte bis zum 10. Dezember 1983. Damit begann das dunkelste Kapitel der argentinischen Geschichte, denn unter der Führung der Militärjunta wurden gemäss Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen 30000 Menschen vom Staat entführt und ermordet. Kinder von schwangeren Inhaftierten wurden systematisch entwendet und meistens von Militärangehörigen adoptiert. Mehr als 500 Kinder sollen es gewesen sein, 400 werden immer noch gesucht.

2006 wurde der 24. März zum nationalen Feiertag ernannt. Man wählte dabei bewusst den Tag des Putsches und nicht den Tag der Rückkehr zur Demokratie. In Argentinien ist dieser Tag deshalb eine Art «Anti-Feiertag», der unter dem Motto Gedenken, Wahrheit und Gerechtigkeit steht.

Auch dieses Jahr versammelte sich eine grosse Menschenmasse im Zentrum von Buenos Aires. Vom Kongresshaus bis zum Präsidentenpalast wimmelte es von Menschen, die am Gedenkmarsch durch die Stadt teilnahmen. Mit Trommeln, Sprechchören, Fahnen, Spruchbändern, Bildern von Verschwundenen, Zeichnungen, Theatern, Zeitungen, Flugblättern, Büchern und T-Shirts gedachten sie der blutigen Militärdiktatur. Das Zentrum war mit Aktivisten überfüllt und doch war die Stimmung friedlich. Die traurige Geschichte eint die Menschen. Mir war klar, dass ich es mir nicht entgehen lassen konnte, diesen Tag hautnah mitzuerleben. So stürzte ich mich mit ins Getümmel.

«Politik ist hier hochkomplex»

Im Gespräch mit Teilnehmern des Gedenkmarsches zeigte sich mir, dass dieser Tag, wie so vieles in der argentinischen Geschichte und Politik, hochkomplex und für mich auch nach sechs Monaten im Land teilweise nur schwer fassbar ist. So geht es bei diesem Gedenktag nicht nur um Folter, Todesflüge oder Kindesentführungen – den Teil der argentinischen Geschichte, den ich als verletzte Seele des argentinischen Volkes bezeichne. Es geht an diesem Tag ganz allgemein um Menschenrechte und um Freiheit.

Sie hoffen auf eine bessere Zukunft

Von den verschiedenen politischen Gruppierungen, die am Gedenkmarsch teilnahmen, wurden auch aktuelle Themen zur Debatte gebracht. Der Konflikt mit England um die Falklandinseln etwa, das umstrittene argentinische Antiterrorismusgesetz, das «Massaker von Once», wie das Zugunglück vom vergangenen Februar hier genannt wird, oder das geplante Minenprojekt im Nordwesten des Landes.

Die Kundgebungen am 24. März reflektierten die Hoffnungen und Bestrebungen der Argentinier für eine bessere und gerechtere Zukunft in ihrem Land. Der Weg dorthin scheint allerdings noch lang und steinig. Zudem läuft die Zeit, um Recht zu schaffen, langsam davon. Die verantwortlichen Protagonisten der Militärdiktatur sterben sozusagen aus, bevor sie vor Gericht zitiert werden.

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