Nun ist er da. Der Buchvorabdruck mit dem Titel «Aufbau, Wandel + Wirken» liegt vor Astrid Baldinger auf dem Tisch im Kirchenzentrum Paulus im Birrfeld. Die 48-Jährige ist Projektleiterin. Sie bildet zusammen mit den beiden Historikern Max Baumann (75 Jahre alt) und Titus J. Meier (35) das Autorenteam. Doch was macht dieses Werk, für das die katholische Kirchgemeinde Brugg vor zwei Jahren einen Gesamtkredit von 211 000 Franken gutgeheissen hat, aus? «Dieses Buch kann man auf drei Arten lesen», sagt Baldinger begeistert.

Zehn Zeitzeugen kommen zu Wort

Interessant seien einerseits die thematischen Kapitel, andererseits erhalte der Leser über die Schilderungen von zehn Zeitzeugen einen persönlichen Einblick in das Leben der katholischen Minderheit im reformiert geprägten Bezirk Brugg. Und als dritte Ebene erwähnt die Autorin die vielen Illustrationen mit den ausführlichen Bildlegenden, die das Buch auch für Schnellleser attraktiv machen.

Überhaupt habe sich das Autorentrio im Vorfeld sehr genau überlegt, für wen es dieses Buch schreibe, betont Baldinger. Ziel war seit dem Vorprojekt von 2013, vor allem an der Lokalgeschichte interessierte Laien anzusprechen – auch Kirchendistanzierte. An geeignete Quellen zu kommen, war nicht immer einfach. Nach einem Aufruf meldeten sich etwa 15 Personen, um den Autoren Material zur Verfügung zu stellen.

Verschiedene Leute habe man zudem direkt kontaktiert. «Wir hatten beispielsweise grosse Mühe, altes Bildmaterial vom Kirchenzentrum Lee in Riniken oder dem Centro in Lauffohr zu finden», sagt Baldinger rückblickend. Da das Projekt unabhängig von einem Jubiläum und ohne grossen Zeitdruck aufgegleist war, hatten die Autoren Zeit für sorgfältige Recherche.

Katholiken fehlte das Netzwerk

Astrid Baldinger führte die Interviews mit den Zeitzeugen und entdeckte dabei die Region neu. «Was die Katholiken hier eint, ist, dass sie alle Zuzüger sind», sagt sie. Mit anderen Worten: Sie hatten hier keine soziale Absicherung, kein Netzwerk und keine Verwandten. Zudem waren sie nicht Ortsbürger. «Vor diesem Hintergrund ist das Leben der Katholiken auch eine Integrationsgeschichte», sagt die in Umiken und Brugg aufgewachsene Autorin.

Jeder Autor betreute im Rahmen dieses Projekts seine Spezialgebiete. Max Baumann aus Stilli widmete sich dem 19. Jahrhundert und der Entwicklung zur ersten katholischen Missionsstation im Bezirk Brugg 1899. Im bekannten Laubsägelihuus in Brugg wohnte der erste Pfarrer. Gleich daneben wurde 1907 die Kirche St. Nikolaus eingeweiht. Es war der erste neubarocke Sakralbau im Aargau. Die Katholiken organisierten sich in einem Kirchenverein und einer Kirchengenossenschaft. In Windisch wurde später mit der modernen St.-Marien-Kirche ebenfalls Architekturgeschichte geschrieben.

Kampf um Kaderstellen

Titus J. Meier aus Brugg beschrieb das Leben in der Pfarrei und legte den Fokus auf das 20. Jahrhundert. Als Quellen dienten unzählige Protokolle, Jahresberichte und Vereinsbücher von Männer- und Frauenvereinen. Auch Jungwacht und Blauring nahm Meier unter die Lupe. Der Ökumene und der Integration widmete der Historiker ein weiteres Kapitel. Darin geht es unter anderem um den Kampf der Katholiken für Kaderstellen und um die Anerkennung in Bildung, Politik und Wirtschaft. «Wenn man will, kann man gewisse Parallelen zur Situation der Ausländer ziehen», sagt Baldinger.

Aufbruchstimmung herrschte dann in den 1960er-Jahren vor. Rund drei Viertel des Bevölkerungswachstums in Brugg ging in den 1950er-Jahren auf das Konto der Katholiken. Das führte ausserhalb der Stadt Brugg zu weiteren Kirchenzentren: in Windisch, in Schinznach-Dorf, im Birrfeld und in Riniken. Die Kirche habe sich stets verantwortlich gefühlt, Seelsorge vor Ort anzubieten, betont Astrid Baldinger. Die Zentren haben sich laut der Projektleiterin teilweise völlig unterschiedlich entwickelt und trotzdem Geschichte geschrieben.

Per Bus in den ersten Kinderhort

In Riniken wurde etwa die Ökumene von Anfang an gross geschrieben. Die Reformierten bauten zusammen mit den Katholiken das Kirchenzentrum Lee. Dieses Beispiel zeige, was alles möglich ist, wenn die richtigen Leute zusammenkommen, so die Autorin. In Schinznach-Dorf wurde 1976 mit Willi Zuber zum ersten Mal in der Schweiz ein Laie zum ständigen Diakon geweiht und durfte Wortgottesdienste halten. Im Kirchenzentrum Paulus im Birrfeld übernahm – ebenfalls als schweizweite Besonderheit – mit Rita Bausch die erste Frau die Leitung einer Seelsorgestelle und feierte Gottesdienste.

Den ersten Kinderhort eröffneten die Katholiken 1966 in der Villa Knoblauch in Schinznach-Bad. Per Bus seien die Kinder der arbeitenden Italienerinnen jeweils von Windisch und Birr hin und her chauffiert worden, so Baldinger. Sieben Jahre später wurde der Kinderhort ins Centro nach Lauffohr verlegt. Aufgrund der Erdölkrise gingen viele Saisonniers nach Italien zurück und im Kinderhort wurde fortan deutsch gesprochen.

Quellen werden veröffentlicht

Ein unabhängiger Kirchenhistoriker habe den Buchentwurf gelesen und sei begeistert gewesen, so Baldinger weiter und strahlt. «Ich habe grosse Freude daran.» Gerade weil diese Diaspora-Geschichte so einzigartig ist, soll das Buch später auch im Internet zugänglich gemacht werden. Dafür wurde der Projektkredit vor zwei Jahren extra um 30 000 Franken aufgestockt. Eine Arbeitsgruppe wird sich demnächst darum kümmern, neben dem Buch auch das Filmmaterial, den Quellentext sowie eine Chronologie ins Internet zu stellen.

Für Astrid Baldinger ist klar, das ganze Buchprojekt hat auch der Quellensicherung gedient: «Diesen Fundus wollen wir öffentlich zugänglich machen. Eines Tages wird mit grosser Wahrscheinlichkeit die Geschichte über die katholischen Frauen in der Schweiz geschrieben werden und dann wird man dankbar auf dieses Material zurückgreifen.» Bevor es fürs Fotoshooting mit einem alten Jungwachtfilm auf der Rolle in die Pauluskirche geht, sagt Baldinger mit einem Augenzwinkern: «Ich bin gespannt, wann die Reformierten im Bezirk Brugg ihre Geschichte aufschreiben.»