Königsfelden
Die Aussage des Kindes bei Misshandlungen ist für ihn zentral

Das Thema Kinderschutz brennt dem Psychiater Jürg Unger, der in Königsfelden wirkt, seit Jahren unter den Nägeln. Er hat Themen aus dem Kinderschutz für ein Werk zusammengetragen. Neuestes Kapitel: Elternschutz.

Elisabeth Feller
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Für Jürg Unger ist «die Aussage des Kindes zentral».

Für Jürg Unger ist «die Aussage des Kindes zentral».

Emanuel Freudiger

«Ich könnte zwei Tage über Fälle reden», sagt Jürg Unger. Das Lächeln des in Königsfelden wirkenden Psychiaters verunsichert die Besucherin kurz, da sie nur einen Notizblock zur Hand hat (siehe Box). Doch sie merkt rasch, dass dieser reicht – obgleich die Blätter in Windeseile vollgeschrieben sind.

Das hat Gründe, denn Jürg Unger spricht über ein Thema, das ihm unter den Nägeln brennt: Kinderschutz. Tatsächlich vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über konkrete Vorfälle von Kindesmisshandlungen und entsprechende Gerichtsprozesse berichten.

Zur Person

Jürg Unger ist Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst (KJPD) der Psychiatrischen Dienste Aargau AG. Er war zuvor unter anderem Oberarzt am Universitätskinderspital Zürich und erster CEO der Psychiatrischen Dienste Aargau AG. Sein Papier «Kinderschutz - Praktische Ideen» ist zu finden unter: www.pdag.ch/kinderschutz (AZ)

Weshalb werden sie zunehmend thematisiert? Hängt das mit einer wachsenden Anzahl von Misshandlungen zusammen? «Nein», sagt Unger, «das hat mit dem veränderten Bewusstsein und einer erhöhten Sensibilität für Kinderschutz in der Gesellschaft, bei Fachpersonen und bei Behörden zu tun.»

Keine Schrift gefunden

Jürg Unger weiss, wovon er spricht. Als er 1988 den Auftrag bekam, als kinderpsychiatrischer Oberarzt am Kinderspital Zürich in der Kinderschutzgruppe mitzuarbeiten, hatte er von seiner Ausbildung her keine Ahnung von Kinderschutz. Er habe auch keine Schrift gefunden, die ihm erklärt hätte, was zu tun sei, sagt Unger.

Aber mit der Zeit und dem steten Versuch, sich wiederholende Prinzipien in den bis zu 180 gesehenen Fällen pro Jahr zu erkennen, sei vieles an Wissen und Verständnis zusammengekommen: Das habe sich in Vorträgen, Vorlesungen und schliesslich in einem mehrere Dutzend Seiten umfassenden Werk niedergeschlagen.

Was der Besucherin als umfangreich erscheint, bezeichnet Unger als «knapp und bündig». Das Kompendium richtet sich primär an Fachleute und soll Mitgliedern der Kindes- und der Erwachsenenschutzbehörde als Unterstützung dienen. Dann fällt ein Satz, der – variiert – noch einige Male im Gespräch fallen wird. «Das Kind muss etwas davon haben» – das körperlich, sexuell oder psychisch misshandelte Kind, das selbst nicht lobbyieren kann und zwingend auf fachkundige Hilfe angewiesen ist.

Arten der Misshandlungen

Die ersten vier Kapitel von Ungers Schrift erläutern, um welche Misshandlungen es sich handelt: allgemeine, körperliche und sexuelle sowie die Misshandlung in Institutionen. Unger spricht von einem breiten Spektrum von Schlägen, Verbrennungen oder Verbrühungen, Quetschungen, Stichen oder Schütteln des Kindes.

Traurige Berühmtheit erlangte diesbezüglich ein Vorfall, der sich an Weihnachten 2001 ereignet hatte. Damals hatte das Weinen seines kleinen Sohnes einen Vater derart überfordert, dass er ihn zu Tode schüttelte. Der Vater war nicht irgendwer, sondern der Extrembergsteiger Erhard Loretan. Der Fall löste in der Folge ausführliche, mediale Debatten aus und hallt bis heute nach.

Geht es um Misshandlungen, ist für Unger eines zentral: «Die Aussage des Kindes». Kann man ihr vertrauen? «Nicht immer, aber Abklärungen, ärztliche Erfahrung und das Wahrnehmen der kindlichen Persönlichkeit lassen sehr wohl eine genaue Einschätzung zu.»

Noch etwas ist für Unger zentral: «Never walk alone.» Dass es sich nicht um einen Songtitel von Johnny Cash handelt, liegt bei einem Thema wie Kinderschutz auf der Hand. Was meint die Aussage? Nur mit einer guten Zusammenarbeit von Familie, Vormundschafts- und Strafbehörde könne man Erfolg haben, betont der Psychiater.

Neues Kapitel: Elternschutz

Wenngleich Jürg Unger von einem knappen Kompendium spricht, wird beim Lesen deutlich, wie unerschöpflich das Thema Kinderschutz und die damit verbundenen menschlichen Fallhöhen und Tragödien sind. Jetzt hat der Psychiater seinem Text ein neues, wichtiges Kapitel hinzugefügt: «Elternschutz bei psychisch kranken Eltern.»

Wer eintaucht in den fünften Teil des Kompendiums, vollzieht einen Perspektivenwechsel. Ging es zuvor um Kinderschutz und das misshandelte Kind; geht es nun um Elternschutz – respektive kranke Eltern und die Auswirkung ihrer psychischen Krankheit auf das Kind.

Bis anhin, so Unger, bestünden wenige Konzepte über eine sinnvolle Zusammenarbeit von Kinderschutz und Erwachsenenpsychiatrie. Dabei vermute man in Kinderspitälern, Heimen und Schulen bei Problemen oft psychische Erkrankungen der Eltern. «Konkretes zu erfahren, ist allerdings aus Datenschutzgründen meistens schwierig. Erwachsenenfachleute sollten sich noch mehr um das Wohlergehen und die Sorgen der Kinder ihrer Patienten kümmern.»

Psychisch kranke Patienten, sagt Unger, seien häufig wenig kooperationsbereit, was oft Teil ihrer Erkrankung sei. «Fragt man in solchen Situationen nach ihren Kindern, befürchten sie Vorwürfe oder sogar, dass ihnen die Kinder weggenommen werden.»

Primäres Ziel des Kinder-, vielmehr in diesem Zusammenhang des Familien-Schutzes ist dies: Die Kinder sollen im Kontakt mit beiden Elternteilen aufwachsen. «Wollen wir das erreichen», führt Unger aus, «muss die Elternrolle geschützt werden, denn psychische Krankheiten wie Psychose, Depression oder etwa Sucht können die Elternrolle wesentlich beeinträchtigen.»

Welche Vorgehensweisen dann angebracht sind und welche Fachstellen gemeinsam für Lösungen sorgen, wird im neuen Kapitel beschrieben. Naturgemäss seien die Ausführungen darin weniger ausgereift als in den vorgängigen Kapiteln, sagt Psychiater Jürg Unger und betont: «Ein solcher Text muss sich ständig weiterentwickeln, um nicht zu versteinern.»

In diesem Sinne ist auch die Aufforderung des Autors zu verstehen, Fragen, Kommentare und Anregungen per Mail an ihn zu richten: juerg.unger@pdag.ch.

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