Nur ein Fass vor dem Haus erinnert noch daran, was früher der Sinn und Zweck der einstigen Küferei in Schinznach-Dorf war. Doch statt Werkbänken zieren heute kleine Holztische und eine Bühne die ehemalige Fassbinderei. Sybel Stadelmann und Marco Hagenbuch haben die ehemalige Küfereiwerkstatt in das Kulturlokal «Kueferei» verwandelt.

Wo einst Maschinen ratterten, erklingt jetzt Musik. «Das Leben im Dorf wird immer ruhiger, immer mehr Läden und Restaurants schliessen. Wir wollen dem entgegenwirken», sagt Sybel Stadelmann, 36. Sie setzt sich neben Marco Hagenbuch an einen der Holztische. Die beiden sind seit sieben Jahren ein Paar, fünf davon leben sie gemeinsam im Dorf am Eingang des Schenkenbergertals.

Sybel Stadelmann und Marco Hagenbuch in ihrer «Küferei» in Schinznach-Dorf

Sybel Stadelmann und Marco Hagenbuch in ihrer «Küferei» in Schinznach-Dorf

Marco Hagenbuch hat einen ganz besonderen Bezug zur alten Fassbinderei: Sein Grossvater Jakob mit dem Übernamen «Chüefer-Köbi» war der letzte Küfer in Schinznach-Dorf. «Ich erinnere mich noch, wie ich als kleiner Junge hier drin meinem Opa beim Arbeiten zugesehen habe», sagt der 43-Jährige und lächelt. Sein Blick schweift durch den Raum. Hätte ihm damals jemand gesagt, dass die Küferei eines Tages ein Kulturlokal wird, hätte er es nicht geglaubt.

Der Blick auf die leere Strasse

Mit dem Projekt hat sich der gebürtige Schinznacher einen Traum erfüllt. Nach einer KV-Lehre führte es Marco Hagenbuch über Umwege in die Jugendarbeit, wo er heute noch tätig ist. Da er bereits als Jugendlicher gerne Partys und Anlässe organisierte, hat es ihn zudem in die Projektleitung des Nachwuchsbandfestivals «BandX Nordwest» verschlagen.

Trotz seines bestehenden Engagements im Kulturbereich wollte er immer auch sein eigenes Projekt auf die Beine stellen. «Die Idee, etwas aus der Küferei zu machen, existiert eigentlich schon länger», sagt Hagenbuch und verschränkt die tätowierten Arme vor der Brust. Doch seine Grossmutter, die nach dem Tod des «Chüefer-Köbis» im oberen Stock wohnte, war von der Idee nicht überzeugt. Lange blieb die ehemalige Fassbinderei unbelebt und wurde als Lagerraum vermietet.

Der Traum vom eigenen Kulturlokal blieb bestehen. Mit seiner Idee überzeugte Marco Hagenbuch schliesslich auch Sybel Stadelmann. «Ich war lange Zeit skeptisch, ob das funktionieren kann», sagt Stadelmann. Als gelernte Damenschneiderin sei sie die Handwerkerin, die Pragmatikerin in der Beziehung, er sei eher der Träumer. Trotzdem liess sich die gebürtige Innerschweizerin überzeugen. Das Dorf sei ihr ans Herz gewachsen. «Wir sassen auf einer Bank vor dem Haus und blickten auf die leeren Strassen. Da wurde mir klar, wir müssen etwas machen.» Sybel Stadelmann lächelt und faltet die Hände vor sich auf dem Tisch. Das kulturelle Leben im Dorf bereichern wurde zum gemeinsamen Ziel.

Bevölkerung unterstützt Projekt

Nachdem die Grossmutter verstorben war, zog das Paar in den oberen Stock der Küferei. Die Idee des eigenen Lokals erhielt neuen Aufschwung und sie gründeten den Verein «Kulturkueferei». Dann konnten die Planungsarbeiten beginnen. Eine anstrengende Zeit: Formulare ausfüllen, Bewilligungen einholen und die Räumlichkeiten auf Vordermann bringen. Nebenbei arbeiten beide weiterhin. «Hätten wir gewusst, wie viel Arbeit auf uns zukommen wird, hätten wir es uns vielleicht nochmals überlegt», sagt Marco Hagenbuch. Er rückt seine Kappe zurecht und lehnt sich nachdenklich zurück. Gelohnt habe es sich trotzdem: Das Kulturprojekt stösst auf grossen Rückhalt in der Bevölkerung. «Es ist ein Herzensprojekt», sagt Sybel Stadelmann. 

So wirklich angekommen in der neuen Realität sind die beiden aber noch nicht: Die Eröffnung liegt erst kurze Zeit zurück und alles läuft langsam an, denn in der «Kueferei« findet nur alle ein bis zwei Monate eine Veranstaltung statt. «Ich realisiere es erst langsam, dass wir es geschafft haben», sagt Hagenbuch. Stadelmann blickt ihn an, lächelt und fügt an: «Bei mir wird es sicher noch eine Weile dauern. Ich denke, wenn das Programm richtig angelaufen ist und alles funktioniert, komme auch ich an.» Doch Zeit zum Durchatmen bleibt im Moment noch nicht: Es geht weiter, die Lokalität muss für den ersten privaten Anlass hergerichtet werden.