Habsburg

Der Vater dichtet, die Töchter weben

Die Weberinnen Marianne Wolleb und Esther Hubeli stellen ihre Textilkunst in Habsburg aus – Basis ist ein Gedicht des Vaters.

Vor fünf Jahren verbrachten Heidi und Rudolf Hubeli ihre Ferien in Adelboden. Für den die tägliche strenge Arbeit gewohnten Bauern aus Habsburg, war es in Adelboden ruhiger, Rudolf Hubeli brauchte weniger Schlaf. «In einer Nacht habe ich das Gedicht geschrieben», erinnert sich Rudolf Hubeli. Nach den Ferien brachte er das Gedicht seinen Töchtern Marianne und Esther und erfüllte ihnen einen schon oft geäusserten Wunsch.

Vergangenen Freitag standen Rudolf Hubeli, der an diesem Tag seinen 90. Geburtstag feierte, sein Gedicht sowie dessen gewobene Interpretationen im Zentrum der Vernissage im Schulhaus Habsburg. Rudolf Hubelis Kommentar: «Ich bin erstaunt, was alles aus dem Gedicht geworden ist.»

Das Gedicht des Vaters bildet den roten Faden der Ausstellung und des Schaffens der beiden Schwestern. «Als erstes haben wir überlegt, wie wir das Gedicht umsetzen können», erinnert sich Marianne Wolleb. «Es hat einige Zeit gedauert, aber dann beschlossen wir, dass die Vernissage am Geburtstag unseres Vaters stattfinden soll.» Eine besondere Bedeutung erhielt dabei das Wort «mängisch», immerhin kommt es im Gedicht fünfmal vor. «Für uns war sofort klar, dass ‹mängisch› orange ist», sagt Esther Hubeli.

Das Schwarz der isländischen Vulkane

«Mängisch» zieht sich durch die ganze Ausstellung und prägt insbesondere die beiden Tische im Zentrum. Sie sind als Esstische konzipiert auf denen das Geschirr auf verschiedenen – selbstverständlich gewobenen – Tischläufern stehen.

Die erste Zeile des Gedichts lautet: «Ds Island hets viel Iis und Schnee, und bi öis deheime hets ir Nöchi no e See.» Damit waren Blau und Weiss als Grundfarbe für die Schals und Saunatücher gegeben: Sie sind hell und in Blau gehalten. Die ebenfalls hier gezeigten dunklen Stoffe sind in diesem Bereich nicht fehlplatziert, sondern zeigen eine modische Interpretation der Inspiration aus dem Gedicht. «In Island existieren viele Vulkane, deren Asche ist Schwarz, gehört also dazu», sagt Wolleb.

Weil sie auch Garn in Baden kauften und der Vater dies im Gedicht erwähnt, haben sie Sujets dieser Stadt künstlerisch reflektiert. «Bei einem Rundgang habe ich gesehen, dass es dort viele Türme und Zick-Zack-Muster gibt.» Konsequent tragen die in jenem Bereich gezeigten Tücher und Schals verschiedene Zick-Zack-Muster. «Entworfen habe ich diese Muster am Computer», sagt Hubeli.

Die aufwendige Arbeit ist es dann, die Fäden in den Webstuhl einzuziehen. Vater Hubeli dichtete dazu: «Dr Zettel z spane für ne Schorz, git sicher mängisch de e Chnorz.» Fehler sind dabei keine erlaubt; sie würden für immer sichtbar sein.
Eine Spezialität von Marianne Wolleb sind Trachtenstoffe. Für diese verwendet sie sehr feine Fäden. Bei einer Schürze sind es 16 Fäden pro Zentimeter, bei einem Herrengilet sogar 24. Beim Weben muss sie Vorgaben der Fachleute halten, sowohl was die Muster, aber auch die Garnfarben anbelangt.

Eine Jacke aus der Wolle der Schlittenhunde

Bei den Farben kann es jedoch kritisch werden: «Wegen der geringer werdenden Nachfrage werden bestimmte Farbtöne nicht mehr fabriziert.» Die Beschaffung von Garnen wird für die beiden Webrinnen immer mehr zum Problem. Während bei den Trachten Vorgaben bestehen, sind die Weberinnen bei allen anderen Stoffen bei der Musterwahl absolut frei. «Welches Muster ich wähle, hängt oft vom Tag und dem Gefühl ab», sagt Esther Hubeli.

Die weisse Jacke in der Ausstellung verbirgt eine Besonderheit, die ihr nicht anzusehen ist: «Sie ist aus Hundewolle», sagt Esther Hubeli. Die Wolle stammt von ihren Samojeden, sibirischen Schlittenhunden. «Pro Haarwechsel kann ich ihnen etwa 800 Gramm Wolle auskämmen», sagt sie. Für den Jackenstoff wurde die Hundewolle mit 25 Prozent Merinowolle gemischt.

In einem Buch hat Esther Hubeli alle Arbeitsschritte dokumentiert, die nötig waren, um aus den Wollknäueln schliesslich eine Jacke zu schneidern. Eine nicht ganz einfache und aufwendige Arbeit, die sich im Preis niederschlägt, wie die beigelegte Kalkulation zeigt.

Ausstellung
Die gewebten Kunstwerke sind nochmals vom 11. bis 13. Oktober im Mehrzweckraum des Schulhauses in Habsburg zu sehen. Mehr Infos finden Sie hier.

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