Brugg
Der Traum vom Schweizer Pass wurde für diese Familie zum Albtraum

Seit über 20 Jahren wohnt eine isländische Familie in der Schweiz. Dann entschliesst sie sich, sich einbürgern zu lassen – doch aus dem Traum vom Schweizer Pass wird bald ein Albtraum.

Janine Müller
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Familie Jonsson
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Positiver Entscheid vom 16.9.14
Negativer Entscheid vom 28.10.14

Familie Jonsson

Janine Müller

Auf einmal war Jökull Jónsson (21) nur noch Tourist. In der Schweiz. In dem Land, in dem er aufgewachsen war. Auf einmal war er auf dem Papier nirgends so richtig daheim. Weder in der Schweiz noch in Island, dem Heimatland seiner Eltern. Statt eingebürgert, wie geplant, war er plötzlich seinen C-Ausweis los. Aus heiterem Himmel.

Dabei hat alles so gut angefangen. Drei Wochen alt ist Jökull Jónsson, als er mit seiner Mutter Hilma Sveinsdottir und seinem Vater Jón Adalsteinsson in die Schweiz einreist. Bald kommen Jökulls Geschwister zur Welt. Adalsteinn (18) und Sölvi (10). Zuerst lebt die Familie in Rheinfelden, später zieht sie nach Brugg. Die Eltern bauen sich ein Geschäft auf. Mittlerweile importieren sie das isländische Wikingerkraftfutter Skyr (eine Art Quark) und isländischen Fisch in die Schweiz. Zudem haben sie ein Informatikprogramm für Schulen entwickelt.

Die drei Knaben verbringen ihre Schul- und Freizeit in Brugg. Island kennen sie nur aus den Ferien. Sie reden akzentfreies Schweizerdeutsch, wachsen perfekt zweisprachig auf. Jökull entscheidet sich nach der Bezirksschule für einen Auslandaufenthalt in Island. «Ich wollte wissen, wo meine Wurzeln sind», erklärt er. In Island besucht er eine Schule, die vergleichbar mit der Kantonsschule ist. Er wohnt in einem Studentenwohnheim, findet neue Freunde. Dann entschliesst er sich dazu, die Matur in Island zu absolvieren.

Während dieser Zeit, Ende 2012, entscheidet die Familie, sich einbürgern zu lassen. Schon längst wollten sie das tun, irgendwie kam aber immer etwas dazwischen. Die Papiere sind rasch ausgefüllt. Im Oktober 2013 bürgert der Einwohnerrat Brugg die isländische Familie ein. «Die Gesuchssteller sind integriert und geniessen einen einwandfreien Leumund», heisst es im Einbürgerungs-Antrag. Applaus gibt es von den Einwohnerräten, der damalige Präsident Urs Holliger sagt nach der Sitzung zur Familie: «So, jetzt habt ihr es überstanden.» Er sollte nicht recht behalten.

Dicke Post vom Migrationsamt

Denn bald bekommt Jökull ganz dicke Post vom Migrationsamt des Kantons. Statt der erhofften Einbürgerung wird ihm der C-Ausweis entzogen. Ab sofort ist er nur noch als Tourist in der Schweiz zugelassen. Die Familie versteht die Welt nicht mehr. Die Begründung des Migrationsamtes: Jökull habe seinen Lebensmittelpunkt nicht mehr in der Schweiz, weil er in Island zur Schule gehe. Gemäss Efta-Übereinkommen wird der C-Ausweis entzogen, sobald jemand unabgemeldet länger als sechs Monate im Ausland weilt. Blosse Kurzbesuche in der Schweiz reichen nicht, um die Sechsmonatefrist zu unterbrechen. Nur: Im Ausländergesetz steht auch Folgendes: «Jugendliche Personen sollen, wenn sie während einiger Jahre im Ausland eine Grund- oder weitergehende Schule besuchen, ihre Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung behalten können, sofern sich der tatsächliche Lebensmittelpunkt der Familie weiterhin in der Schweiz befindet und keine ununterbrochene Auslandsabwesenheit von mehr als sechs Monaten vorliegt.»

Den zweiten Punkt kann Jökull problemlos erfüllen. Er war jeweils höchstens drei Monate am Stück in Island. In den langen Sommerferien, die in Island rund drei Monate dauern, kam er zurück in die Schweiz. Und auch die Weihnachtszeit verbrachte er hier.

Das Migrationsamt bemängelt trotzdem, dass sein Lebensmittelpunkt nicht mehr in der Schweiz sei. Doch der Begriff Lebensmittelpunkt ist im Ausländerrecht gar nicht definiert. «Gemäss Praxis ist es der Ort, wo sich das Zentrum des häuslichen Lebens – Schwerpunkt der familiären, sozialen und privaten Beziehungen – befindet», schreibt Daniel Küttel vom Amt für Migration des Kantons Aargau. Zum Fall selber darf er sich aus Datenschutzgründen nicht äussern.

Eine Anwältin eingeschaltet

Vater Jón schaltet eine Anwältin ein und reicht eine Verfügung gegen den Entzug des C-Ausweises ein. Jökull muss einen Brief schreiben, was ihn mit der Schweiz und Brugg verbindet. Diesen verfasst er auf seiner fünfmonatigen Weltreise, die er nach Abschluss der Matur macht. Zuvor hat er sich bei einem Bauunternehmen in der Schweiz das Geld dafür verdient. Im Brief schreibt er: «Brugg ist meine Heimat, hier bin ich aufgewachsen und habe meine Freunde. Alle meine Erinnerungen, was ich kann, erlebt und gelernt habe, habe ich der Schweiz zu verdanken. So ist die Schweiz meine physische und geistige Heimat.»

Er schreibt davon, wie er im Sommer gerne an die Aare geht oder mit seinem Mountainbike den Bruggerberg hinunterfährt. Er schreibt vom Jugendfest, das er so mag, weil da alle seine Schulfreunde wieder zusammentreffen. Und er schreibt auch, dass er in der Schweiz studieren möchte, zuvor aber noch die Rekrutenschule absolvieren will.

Und tatsächlich: Nach einigen Wochen bekommt er den C-Ausweis zurück. Die Sache ist durchgestanden. Vorerst. Dieselbe Tortur musste übrigens auch Adalsteinn über sich ergehen lassen, da er sich ebenfalls für die isländische Schule entschieden hat. Er allerdings absolviert diese im Fernstudium. Die Familie geht davon aus, dass es jetzt mit der Einbürgerung vorwärtsgeht. Denn nur die Einbürgerungskommission des Grossen Rats muss noch darüber beraten.

Zuerst läuft alles einwandfrei. Mitte September 2014 flattert Post in den Briefkasten. Die Nachrichten sind gut. Hilma, Jón und Sölvi sind eingebürgert. «Wir beglückwünschen Sie zur Einbürgerung und heissen Sie im Kreise der Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich willkommen», heisst es auch im Brief an Jökull.

Die Freude ist gross, bis einen Monat später der Traum vom Schweizer Pass wieder platzt: «Irrtümlicherweise wurde Ihnen mitgeteilt, dass Sie vom Grossen Rat eingebürgert worden sind», heisst es im Brief der Einbürgerungskommission. Die Entschuldigung: «Abklärungen haben ergeben, dass der erwähnte Brief aufgrund eines Fehlers bei der Dateneingabe an Sie verschickt wurde.»

«Wir waren am Ende»

Jón Adalsteinsson schüttelt den Kopf, wenn er sich an diesen Tag erinnert. «Wir waren am Ende. Es hat uns so viel Energie und Zeit gekostet, und dann das.» Er verstehe nicht, warum der Entscheid so ausgefallen ist. «Jökull und Adalsteinn haben ihren Lebensmittelpunkt hier», beteuert er. Die Familie meldete sich daraufhin auch bei SVP-Politiker Andreas Glarner.

Denn sämtliche Briefe der Einbürgerungskommission werden von ihm als Präsidenten unterschrieben. Er sagt: «Solche Fehler passieren. Sie sollten natürlich nicht, aber bei so vielen Briefen kann das mal vorkommen. In diesem Fall allerdings war es besonders ungünstig.» Glarner kann im Nachhinein selber nicht verstehen, warum man Jökull und Adalsteinn die Einbürgerung verweigerte. «In derselben Sitzung mussten wir eine Pakistanerin einbürgern, die sicher weniger integriert ist als diese zwei», poltert er. In der Folge nimmt er das Zepter in diesem Fall in die Hand.

Laut seiner Aussage dürfen sich Jökull und Adalsteinn berechtigte Hoffnungen machen, dass sie an einer der Sitzungen im kommenden März oder Juni nun doch noch eingebürgert werden. So recht glauben mag es in der Familie aber noch niemand. Zurück bleibt bei ihr vor allem der Ärger darüber, dass man das Einbürgerungsgesuch nicht schon viel früher eingereicht hat.

Und Jökull? Er ist mittlerweile zurück von seiner Weltreise und bereitet sich auf sein Architektur-Studium vor. Dieses will er an der ETH absolvieren. Und das nicht als Tourist, sondern als Schweizer.