Brugg
Der Streichelzoo für Jazzmusiker befindet sich im Hotel Gotthard

Von übervollen bis fast leeren Konzerten: Fritz Widmer organisiert seit 1975 die Brugger Konzertreihe «Jazz im Gotthard» und erzählt von verspäteten Künstlern und zurückgezahlten Eintritten.

Meret Radi (Text)und Emanuel Freudiger (Foto)
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Fritz Widmer organisiert seit fast 40 Jahren «Jazz im Gotthard». Sein Sohn Roger und dessen Frau Daniela führen das «Gotthard» in dritter Generation.

Fritz Widmer organisiert seit fast 40 Jahren «Jazz im Gotthard». Sein Sohn Roger und dessen Frau Daniela führen das «Gotthard» in dritter Generation.

Emanuel Freudiger

«Sie sässen jetzt auf dem Bierausschank», sagt Fritz Widmer zu der Besucherin. «Hier stand die Bar und da vorne hat die Band gespielt», fährt er fort und zeigt Richtung Fenster. Widmer beschreibt, wie der Saal des Hotel «Gotthard» vor dem Umbau ausgesehen hat. Seit 1975 organisiert Widmer die Konzertreihe «Jazz im Gotthard».

Bevor die Gaststube umgebaut wurde, erläutert er, hätten 130 Leute Platz gefunden, heute kommen ungefähr 60 Personen an die unregelmässig stattfindenden Konzerte. Widmer war früher Besitzer des Hotels Gotthard. 2001 machte er es seinem Vater gleich und übergab den Betrieb seinem Sohn. Auf die Frage, ob er die Zeit als Wirt vermisse, antwortet er nur: «Manchmal ist es einfach Zeit aufzuhören.»

Die Leidenschaft für Jazz entdeckte der ehemalige Hotelbetreiber 1966 in New York. Er arbeitete damals auf einem Schiff, das nach Amerika fuhr. War er an Land, besuchte er die Jazzkeller des «Big Apple». Er selber sei aber kein Musiker, erklärt er, früher spielte er in der Kadettenmusik.

«Für mehr hat es aber nicht gereicht», fügt er lachend hinzu. Auf dem Tisch liegt ein Sammelordner, Widmer blättert darin und gerät ins Schwärmen: «Das war als P S Corporation zum ersten Mal hier gespielt haben», sagt er auf einen der leicht verbleichten Artikel deutend, «180 Besucher hatten wir an diesem Abend.» Er zeigt auf einen weiteren Zeitungsausschnitt und erzählt weiter: «Als Rod Mason zum ersten Mal zu uns kam, trafen er und seine Band erst eine Viertelstunde vor Konzertbeginn ein.» Die Künstler aus England liessen das Publikum warten, weil sie eine Fähre verpasst hätten, beendet er die Geschichte.

Künstler zum Anfassen

Zwei Gäste treten in die Gaststube und wollen sich an einen Tisch setzen. Widmer unterbricht das Gespräch und ruft ihnen zu: «Hey, dort ist reserviert!» Die beiden erklären, dass ebendieser Tisch für sie reserviert sei. Widmer grinst und sagt: «Ja seht ihr, wie gut ich auf eure Plätze aufpasse.»

Der gebürtige Brugger nimmt seine Erzählungen wieder auf. Als Zuhörer könnte man meinen, Sammy, von dem er redet, sei ein alter Schulfreund. Aber dieser Sammy ist kein geringerer als Sammy Rimington, der Jazzklarinettist. Er tritt am 19. September im Rahmen des «Jazz im Gotthard» mit der Bogalusa New Orleans Jazzband auf. Rimington hat bereits mehrmals im «Gotthard» gespielt. «Er lädt sich manchmal auch selber ein», verrät Widmer. «Auch wenn das blöd tönen mag», meint er, «ist das ‹Jazz im Gotthard› wie ein Streichelzoo.» Er schildert die familiäre Atmosphäre so: «Die grossen Künstler sind so nahe, sie setzen sich auch einfach mal zu dir an den Tisch und plaudern.»

Ein Ordner voller Erinnerungen

Widmer stöbert weiter im Ordner und erzählt von einem Abend, an dem nur 35 Personen den Weg ins «Gotthard» gefunden hätten. «In der Pause habe ich angefangen, den Leuten den Eintritt zurückzuzahlen», beschreibt er den Verlauf des Konzerts. Die Aktion begründete er damit, dass die anderen hundert Leute, die nicht gekommen wären, ja auch keinen Eintritt bezahlt hätten. «So verliert man vielleicht Einnahmen, aber sichert sich die Sympathien der Zuschauer», meint der Jazz Liebhaber.

«Die Band war so beeindruckt», so Widmer weiter, «dass sie für die Hälfte der Gage spielte.» Er schafft es immer wieder, berühmte Jazzkünstler nach Brugg zu holen. Da er die Gruppen meist für den Donnerstag buche, zahle er «weniger Münz» als andere Lokale, die die Bands am Wochenende einladen. In der jahrzehntelangen Geschichte von «Jazz im Gotthard» gab es auch ruhigere Phasen. «Aber das Konzert zum Zapfenstreich fand immer statt», betont der Veranstalter.

«Es hat sich viel verändert», legt Widmer dar, «aber das Stammpublikum ist geblieben.» Früher stellte Widmer eine Bühne auf, und verräumte diese nach den Auftritten wieder im Estrich. «Heute bringen die Musiker ihr Equipment selber», beschreibt er. «Das Sousafon ist seit jeher unser Logo geblieben», sagt er und weist auf die schwarz-weissen Inserate im Sammelordner. Auch auf dem aktuellen Flyer zum 131. Jazzkonzert im Gotthard ist
dieses Blasinstrument abgebildet und wirbt mittlerweile in kräftigem Gelb für den Anlass.

«Jazz im Gotthard» Bogalusa New Orleans Jazzband und Klarinettist Sammy Rimington, 19. September im Hotel Gotthard.