Mehr als 100 Personen nahmen am letzten Referat der Reihe Siedlungsentwicklung teil, die von der Arbeitsgruppe Quartierentwicklung des Quartiervereins Klosterzelg-Reutenen in der Campusgalerie Brugg-Windisch veranstaltet wurde. Stadtplaner und Soziologe Christian Schmid, Professor an der Architektur-Abteilung der ETH Zürich, zeigte in seinem Vortrag auf, wie unsere Vorstellung von urbaner Entwicklung von Bildern geprägt wird, die nicht immer in einem realen Bezug zur Wirklichkeit stehen.

So sind Hochhäuser nach seiner Erfahrung keine Zeichen urbaner Qualitäten oder Verdichtung. In einer der am stärksten verdichteten Städte der Welt – Tokyo – gibt es beispielsweise nur wenige Hochhäuser. Nach verheerenden Erdbeben wurden keine mehr gebaut. Auch in Paris gibt es, abgesehen von dem ausserhalb gelegenen Quartier La Défense, nur ein einziges Hochhaus: den Tour Montparnasse.

Schmid, zusammen mit Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Marcel Meili und Roger Diener Autor der Studie «Die Schweiz – ein städtebauliches Porträt», hob die spezielle Rolle des Raums Brugg/Windisch hervor, der sich zwischen zwei Zentrumsregionen befindet. Einerseits ist das der boomende Grossraum Zürich (der bis Baden geht), andererseits die Städte Aarau/Olten. «Brugg und Windisch haben bis jetzt die Chance gehabt, sich im Schatten der grossen Wachstumszentren eine gewisse, weniger dem Wachstumsstress ausgesetzte Wohnlichkeit und einen entsprechenden Lebensraum erhalten zu haben. Dies ist eine Qualität dieser Region, die ihren eigenen Wert hat.» Er forderte die Anwesenden auf, sich für den Schutz dessen einzusetzen, was die Qualität dieser Region ausmacht. So bleibe der Region erhalten, was sie gegenüber den anderen Regionen unterscheide.

Bauen in Etappen ist vorteilhaft

In einem Nationalfonds-Projekt gingen Schmid und sein Team der Frage nach, was Urbanität ausmacht. Wichtiger Baustein der Studie waren Befragungen der Leute, die in den beforschten Gemeinden wohnten und sich dort bewegen. Sie fanden sechs Begriffe, die das Phänomen «Urbanität» beschreiben: Zentralität, Diversität, Interaktion, Zugänglichkeit, Adaptierbarkeit und Aneignung. Vor allem Diversität, das heisst möglichst unterschiedliche Nutzungen, vielfältige Eigentümer und Dienstleistungen charakterisieren dabei das bunte und quirlige Leben urbaner Zentren. Schmid sagte: «Wenn ein Eigentümer ein grosses Grundstück überbauen will, so soll er das Grundstück – wenn immer möglich – in verschiedenen Etappen überbauen. Das lässt die Möglichkeit offen, auf die mit der Zeit sich verändernden Bedürfnisse reagieren zu können.» Uniforme, standardisierte Lösungen verhinderten das Entstehen von Urbanität.

Entsprechend dem Postulat der Diversität wies der Soziologe auch auf die Adaptierbarkeit von Gebäuden hin. So müssten beispielsweise Geschäftsbauten, die vor 30 Jahren errichtet worden sind und damals hoch prämiert wurden, abgerissen werden. Sie werden nicht mehr als Büros gebraucht und es ist nicht möglich sie für andere Nutzungsformen (Wohnungen etc.) umzuwandeln. Alte Industriebauten wie Shedhallen hätten sich hingegen als ideale Gebäude für vielfältige Nutzungen erwiesen und sollten daher erhalten bleiben.

Auch die Aneignung der Gebäude und deren Umgebung durch die Nutzer sei von grosser Bedeutung für die Entwicklung eines urbanen Lebens. Sterile Gebäudekomplexe, die es nicht zulassen, dass Dienstleistungsbetriebe ihre Besonderheiten klar signalisieren können, verhindern die Identifikation mit dem Ort. Häufig sei es die Angst der Eigentümer, die Kontrolle über die Räume zu verlieren, die zu uniformen Lösungen führt. Das stehe dem Ideal urbanen Lebens entgegen, das dem Einzelnen auch Raum für eigenständige Gestaltbarkeit offenlässt. (AZ)