Donnerstag, 31. Mai. Heute fühlen wir uns nach einer Woche Rekonvaleszenz wieder fit fürs Velofahren. Und wir empfinden dies beide gleich: Als Befreiung. Sich endlich wieder frei bewegen können, das Tempo selber bestimmen können, den Fahrtwind und die Landschaft geniessen. Ein tolles Gefühl.

Den ersten Velotag der Schlussetappe wollen wir gemächlich angehen, da wir noch nicht so genau wissen, wie sich die diversen kleinen «Restleiden» bemerkbar machen. Und die Strecke passt bestens dazu. Die flache, weite Piana di Metaponto hält die spärlichen Höhenmeter ausschliesslich in Form von langen, kaum spürbaren Steigungen und ein paar Strassenüberführungen bereit. Und was die Landschaft an Spannendem vermissen lässt, kompensiert die Natur in reichlichem Ausmass: Gelb-orange blühende indische Feigen (Kaktusfeigen), rot und weiss leuchtende Oleanderhecken, Blumen aller Art am Wegrand und dahinter Reb-, Tomaten-, Melonen-, Fenchel-, Artischocken-, Zugetti- und Getreidefelder in bunter Folge - ein wahres Sommergemälde für Auge und Nase.

Schneller am Ziel als geplant

Wir geniessen eine lockere, entspannende Fahrt bei sehr angenehmen 28 Grad. Das einzige, was an dieser Küstenebene das vollkommene Velofahrerglück trübt, ist die etwas gar geringe «Beizendichte». Nicht ganz freiwillig fahren wir deshalb schon um 13 Uhr bei unserem Hotel in Lido Azurro, unmittelbar vor Taranto, ein. Wahrscheinlich musste das so sein, denn kaum sind die Velos versorgt und wir selbst auch wieder aufgefrischt, bricht schon das erste Sommergewitter los.

Auch die Drahtesel brauchen einen Stall

Apropos «Velos versorgen»: Unsere stete Bitte nach einem sicheren Platz für die Velos wurde uns bisher noch nie abgeschlagen. Sie sind meist sicher verwahrt in Autogaragen, Hotelhallen, Getränkekellern, Sitzungszimmern oder wo auch immer. In Rom standen unsere treuen Drahtesel zwei Tage lang im engen Schlafzimmerchen des Nachtportiers. Der einzige Haken dabei: Das Zimmerchen befand sich im vierten Stock und die Velos passten nicht in den Lift: Das gibt Kondition und Durst! Nur in Florenz hatte der sonst sehr, sehr liebe Hotelmanager - er brachte uns sogar das Frühstück ans Bett - zuerst weder Verständnis noch eine akzeptable Lösung für unser Problem. Schliesslich hatte er jedoch eine Idee, die man sich durchaus auch für andere «Zielstädte» merken kann: Ein bewachtes Parkhaus.

Und hier im «Best Western» im Lido Azurro? Hier haben unsere treuen Begleiter ihre bisher edelste Unterkunft bezogen: Das Büro des Hoteldirektors. Auch Hotelconcierges können manchmal durchaus Prioritäten setzen.

Der erste Velotag nach dem Unfall: Metaponto - Lido Azurro (Taranto), 52 km, 159 Hm.