Man reibt sich die Augen – was ist bloss passiert mit dem so genannten Säulenraum der Galerie Zimmermannhaus im ersten Stock? Galerieleiterin Drahu Kohout lächelt: «Ganz einfach: Die Wände sind gestrichen worden». Eine simple Massnahme, die bestrickende Wirkung zeigt. Denn nun wirkt dieser Raum mit seinen Säulen und seinen Fenstern noch heller, aber nicht greller. Ideal jedenfalls für Ursula Rutishausers filigrane, in grosszügigen Abständen an den Mauern platzierten Arbeiten. Für einige von ihnen muss das Auge wahre Sucharbeit leisten – etwa, wenn es sich um weisse Papierschnitte auf weissem Hintergrund handelt.

Dann muss man ganz nahe an die sichtbaren Objekte herantreten, um sie in ihrer zarten Schönheit zu erkennen. Wer nach einer Weile wieder zurücktritt, wird Erstaunliches feststellen: Die Farbe der Objekte hat sich verändert. Subtil. Und noch etwas hat sich verändert: der Schattenwurf. Anders als bei der Farbe, verhält es sich genau umgekehrt. Möglichst nahe ans Kunstwerk herantreten und schon sind die Schatten prägnant, dunkel – leben.

Schatten als Mitspieler

Beispielhaft hierfür sind die feinen Farbschnüre an der rechten Wand. Sie sind so gespannt, dass sich «Muster» ergeben, die (entfernt) an Bäume erinnern, deren Kronen sich ab und an berühren. Wer ihnen ganz nahe sein will, verliert zwar die Übersicht über die Form, dafür erschliessend sich ihm die Schattenwürfe als wichtige Mitspieler. Farben, Formen und Strukturen fesseln Ursula Rutishauser so sehr, dass einem dazu spontan das Wort «Klarheit» einfällt.

«Er weiss, was er zu tun hat»

Ursula Rutishausers unterm Überbegriff «Memory» stehende Werke wollen ihre Betrachter nicht überrumpeln. Sie wollen sie vielmehr einladen, um über sie zu reflektieren. Etwa darüber, wie sehr der Moment eine Rolle spielt bei der Wahrnehmung von Farbe, Licht und Raumatmosphäre. Rutishausers Werken ist der erste, «weisse» Raum gewidmet; das Dachgeschoss «gehört» dem in Barcelona lebenden Tessiner Gabriele Fettolini. Wie kontrastreich die Ausstellung wohl sein wird, kann die Besucherin nur erahnen.

Denn der Künstler und seine Werke befinden sich einige Tage vor der Vernissage auf der Reise; noch liegt nur die schön gestaltete Galerie-Karte vor. Da bildet eine Kugel, gleichsam eine bläulich schimmernde Perle, einen markanten Kontrast zu Rutishausers filigranen «Schnüren». Wie Fettolinis Bildwelt ist, wird man herausfinden. Vorläufig hält man sich an einen Satz der Kunstkritikerin Muriel Constantin: «Fettolinis Geist beherrscht und organisiert den Raum, seine Bewegungen sind sicher und kontrolliert – er weiss, was er zu tun hat, und wie er es zu tun hat.»