Kann man den Röstigraben schützen? Geht es nach dem Vindonissa-Museum Brugg, soll der Röstigraben nämlich in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen werden. Die Idee dazu hatte Georg Matter, Leiter der Kantonsarchäologie Aargau. Nun werden im Rahmen der Sonderausstellung «Röstigräben – Was die Schweiz zusammenhält …» Unterschriften für eine Petition gesammelt, um Matters Idee mehr Gewicht zu geben und diese nach dem Ausstellungsende am 27. September 2015 beim Bundesamt für Kultur zu deponieren. Unterschreiben können alle: Kinder, Erwachsene, Schweizer und Ausländer.

Erst im Oktober hat der Bundesrat eine Liste mit acht anderen Schweizer Kandidaturen für die Unesco-Liste gutgeheissen. Dazu gehören die Basler Fasnacht, das Winzerfest in Vevey, der Jodel und der Umgang mit der Lawinengefahr. Schrittweise werden die Kandidaturen beim Unesco-Komitee für das immaterielle Kulturerbe eingereicht. Die erste ist für 2015 geplant. Bis der Röstigraben an der Reihe wäre, würde es noch mehrere Jahre dauern. Dazu kommt, dass er zuerst in der Schweiz als immaterielles Kulturerbe geschützt werden müsste.

Wichtiger als der Schutz des Röstigrabens durch die Unesco ist dem Vindonissa-Museum Brugg die Auseinandersetzung mit dem Thema, wie Leiter René Hänggi betont. «Es geht um die Vielfalt in der Einheit – der Schweiz.» Was das konkret bedeutet, zeigt er der Besucherin auf einer Zeitreise, die durch 8000 Jahre führt. Die Kulturräume entlang der Rhone und der Donau haben sich in der Steinzeit bis ins Gebiet des schweizerischen Mittellands ausgebreitet. «Das ist erstaunlich», sagt Hänggi.

Veranschaulicht werden diese beiden Kulturströme mit archäologischen Fundstücken wie Tontöpfen. Aus der Bronzezeit zeigt die Sonderausstellung unterschiedliche Beile. «Die Technik verbreitet sich heutzutage – im Gegensatz zu früher – sehr schnell. Denken Sie nur ans Handy!», fährt René Hänggi fort. Obwohl die unterschiedlichen Kulturgruppen damals nicht weit voneinander entfernt lebten, hätten sie die Bauweise oder Werkzeuge nicht voneinander kopiert. «Wie ist das möglich?», fragt der 61-jährige Museumsleiter völlig fasziniert und verweist auf unterschiedliche Fibeln und Schmuckstücke aus der Eisenzeit.

In der Zwischenzeit sind 6000 Jahre verstrichen und wir sind in der Römerzeit angelangt. Hänggi erklärt: «Die Schweiz grenzt an sieben römische Provinzen. Das ist Weltrekord.» Kochtöpfe aus jener Zeit liessen sich in vier Gruppen einteilen, was den vier Stämmen der Helvetier entspreche. Ab 260 nach Christus mussten die Grenzen verteidigt werden. Hänggi spricht von romanisierten Germanen und germanisierten Romanen und spannt den Bogen zur Gegenwart: «Die Alemannen sind für den heutigen Röstigraben verantwortlich.»

Die Präsentation im Untergeschoss des Vindonissa-Museums ist eine deutschschweizerische Antwort auf eine Ausstellung im Musée Romain de Lausanne-Vidy zum gleichen Thema im Jahr 2005. Bemerkenswert ist, dass die aktuelle Sonderausstellung in der Romandie auf viel grösseres Medienecho als in der Deutschschweiz gestossen ist. Wie kann sich der Museumsleiter dieses Phänomen erklären? «Der Röstigraben ist ein Thema der Westschweizer. Und der kleine Bruder beobachtet in der Regel sehr aufmerksam, was der grössere macht.»

Den Röstigraben könne man dramatisieren, wie das praktisch an jedem Abstimmungswochenende geschehe, oder man könne ihn schätzen lernen, indem man sich mit den Kulturräumen rund um das Mittelmeer befasse, sagt Hänggi. In seinem Fazit schwingt viel Begeisterung mit: «Wir leben seit Jahrtausenden an Kulturgräben. Das muss die Leute geprägt haben. Der Ursprung dieses Nebeneinanderlebens liegt weit zurück in der Vergangenheit, und es funktioniert noch heute gut.»

Die Schweiz sei ein politisches Gebilde mit einer guten Grundlage. Ausländer verstünden nämlich oft nicht, warum das Zusammenleben verschiedener Kulturen hier so gut klappe. Und das Bewusstsein für diese Vielfalt in der Einheit erachte das Vindonissa-Museum als schützenswert, bilanziert Hänggi. «Mit der Aufnahme des Röstigrabens in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes könnte Brugg sogar nochmals Geschichte schreiben», fügt er augenzwinkernd an.

Das Vindonissa-Museum in Brugg dürfte übrigens das einzige Museum in der Schweiz sein, bei dem Besucher trotz regulären Öffnungszeiten an der Tür klingeln müssen, bevor sie eintreten können. «Das 102-jährige Haus steht unter Denkmalschutz, so auch die Türe», erklärt Hänggi. Man sei sich aber bewusst, dass das nicht sehr einladend wirke, und überlege sich, den Eingangsbereich zu modernisieren.

Diskussion «Der Röstigraben in die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz!» mit Museumsleiter René Hänggi am Sonntag, 25. Januar von 13.30 bis 16.30 Uhr im Vindonissa-Museum Brugg.