«Wie oft sind Sie schon als Schatz- oder Perlentaucher bezeichnet worden?» Bernhard Hangartner blickte sein Gegenüber auf diese Frage wohl erstaunt an. Der Musikwissenschaftler und Dirigent denkt nicht im Traum in solchen Begriffen. Dabei treffen sie zu auf einen wie ihn, der permanent auf Spurensuche im Musikuniversum ist – beispielsweise für den Klosterchor Wettingen, den Hangartner seit Herbst 2000 leitet.

Mit ihm hat der Riniker 2012 ein Werk aufgeführt, das ihn füglich als Schatzsucher ausweist: eine Messe von Ignaz Holzbauer. Wer diesen Namen noch nie gehört hat, muss den Kopf nicht beschämt senken – er hat keine Bildungslücke.

Holzbauer ist kein Berühmter; seine Missa in C ist für Bernhard Hangartner jedoch «ein Werk, das es mit den grossen kirchlichen Kompositionen von Mozart oder von Joseph und Michael Haydn spielend aufnehmen kann.»

Keine vollständige Originalpartitur

Die Holzbauer-Messe ist bloss eine unter vielen Raritäten, die Hangartner mit dem 35-köpfigen Klosterchor Wettingen einstudiert hat. Könnte es so nicht munter weitergehen?

Sicher, aber nicht nur. 2014 steht nun ein mächtiger Pfeiler der liturgischen Chorliteratur an: Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion. Ein Werk, geschaffen für Ostern – präziser: Karfreitag. Wer die bereits bekannten Osterprogramme der Konzertveranstalter landauf, landab durchgeht, merkt: Bachs Matthäus-Passion wird wesentlich mehr gespielt.

Weshalb setzt Hangartner denn die Johannes-Passion an? «Wegen der Besetzung. Für die Matthäus-Passion braucht es einen Doppelchor und ein Doppelorchester. Das können wir mit unserem 35-köpfigen Chor und der 25-köpfigen La Chappelle Ancienne nicht leisten.»

Nur die praktischen Gründe allein sind für Hangartner freilich nicht ausschlaggebend. «Der Klosterchor Wettingen hat dieses Bach-Werk letztmals vor 30 Jahren gesungen. Ich war damals übrigens dabei – als Chormitglied. Nach einer derart langen Zeit schien es mir an der Zeit, die Johannes-Passion wieder aufzuführen.»

Als Besonderheit, so der Dirigent, falle auf, dass es «keine vollständige Originalpartitur gibt». Gegenüber älteren Passionsvertonungen zeichne sich diese Bach-Komposition durch neuere Formen aus Oper und Oratorium aus, sagt Hangartner und doppelt nach:

«Dazu gehören insbesondere die Gemeindechoräle, liedartige Arien und Ariosi, teils sehr komplexe Chorteile sowie eine Orchester- und Generalbassbegleitung (Continuo).»

Den Mund wässrig machen kann man damit keinen Musikliebhaber, weil Töne nicht gegessen, sondern gehört werden müssen. Aber man kann den Bach-Fan im Hinblick auf das Continuo neugierig machen.

Die Generalbassbegleitung wird in dieser Aufführung sehr farbig wirken. Dem Evangelisten sind Cembalo und Cello zugeordnet; dem Jesus Orgel, Cello und Violone und dem Pilatus Cembalo, Cello sowie Fagott. Nach ausgefallenerem Repertoire die Johannes-Passion – eine Wunscherfüllung für den Klosterchor Wettingen und seinen Dirigenten Bernhard Hangartner.