Schinznach-Dorf
Der Pflanzendoktor kennt die Wehwehchen seiner Patienten

Pflanzendoktor Dr. Hermann Zulauf erzählt Episoden aus seinen Sprechstunden und davon, wie sehr ihn die Pflanzenwelt selbst nach Jahrzehnten noch immer begeistert und fasziniert.

Janine Müller
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Für seine Sprechstunden als Pflanzendoktor zieht Dr. Hermann Zulauf gerne einen weissen Arztkittel an.

Für seine Sprechstunden als Pflanzendoktor zieht Dr. Hermann Zulauf gerne einen weissen Arztkittel an.

Mario Heller

Hermann Zulauf kennt die meisten Wehwehchen und Bobochen, die eine Pflanze haben kann. Er kümmert sich seit 45 Jahren um kranke Pflanzen wie ein Humanmediziner um seine Patienten. Doch vor Überraschungen ist auch der mittlerweile 72-jährige Pflanzendoktor nicht gefeit. In den letzten Jahren seien immer mehr neue, unbekannte Krankheiten oder Befälle, wie es in der Gärtnersprache heisst, aufgetaucht.

Das stellt Hobbygärtner und Profis gleichermassen vor gewisse Probleme. Die Ursachen sind Hermann Zulauf klar.

«Einerseits ist da die globale Erwärmung, die ihren Teil dazu beiträgt, dass neue Befälle auftauchen. Andererseits finden viele Pilze, Bakterien oder Insekten den Weg via Touristen zu uns.»

Ein grosser Teil wird aber über die Verpackung der Holzindustrie eingeschleppt. Auch die Standorte der Pflanzen haben sich verlagert.

«Pflanzen werden aus dem natürlichen Erdreich im Garten an die unmöglichsten Orte wie den Balkon umplatziert», gibt Hermann Zulauf ein Beispiel. «Da gelangen sie kaum an Regenwasser, die Sonne brennt auf sie herunter oder die Leute vergessen, sie zu giessen.»

Er möge den Menschen ja den grünen Balkon gönnen und finde es auch schön, dass das Grün die Städte erobert. «Aber es braucht unbedingt die richtige Pflege und die richtigen Pflanzen.» Der Pflanzendoktor empfiehlt für die Balkone Pflanzen, die aus derselben Klimazone stammen, wie sie hier in der Schweiz anzutreffen ist.

Mittlerweile werden die Gärtner rund alle zwei Jahre mit einer neuen Pflanzenkrankheit oder einem Schädling konfrontiert. Früher war es vielleicht mal alle zehn Jahre. Der Pflanzendoktor seufzt. «Das ist eine bedenkliche Entwicklung», findet er. «Unsere Pflanzen sind nicht dagegen gewappnet.» Er kommt auf die Kirschessigfliege zu sprechen, auf den Buchsbaumzünsler oder den asiatischen Laubbockkäfer.

Studium half ihm im Betrieb

Bereits in seiner Dissertation setzte sich der damals Mittzwanziger Hermann Zulauf mit der Pflanzengesundheit auseinander. Er untersuchte den Einfluss von Unkraut auf das Pflanzenwachstum. Sein Studium zum Agraringenieur hatte ihm dabei geholfen, die chemischen Prozesse zu verstehen. Sein Wissen machte er sich natürlich dann auch zu Hause im elterlichen Betrieb zunutze. Bald war der junge Hermann Zulauf dafür bekannt, Krankheiten von Pflanzen identifizieren zu können. Ein Pflanzendoktor, der «tatsächlich auch einen Doktortitel hat», wie Hermann Zulauf schmunzelnd beifügt.

Das sprach sich herum und die Leute brachten in Scharen ihre Pflanzen vorbei. Das ist der Grund dafür, warum es noch heute im Gartencenter Zulauf in Schinznach-Dorf den Stand des Pflanzendoktors gibt. Hermann Zulauf zieht sich jeweils für die Sprechstunden einen blütenweissen Arztkittel über.

Vor eine besondere Herausforderung ist Hermann Zulauf jeweils gestellt, wenn man den Pflanzen nichts ansieht und sie trotzdem langsam eingehen. «Das hat dann häufig nicht mit einem Befall zu tun, sondern ist physiologisch bedingt», erklärt er. Heisst: Der Standort, die Erde oder die Bewässerung stimmen nicht. Keine einfache Sache, den Kunden zu erklären, dass sie etwas falsch gemacht haben. «Das ist eine eher unangenehme Sache. Man muss den Kunden manchmal etwas nahe treten und erklären, was Sache ist», sagt Hermann Zulauf. «Da muss man schon aufpassen, dass man nicht gleich eine Ehekrise bei einem Paar auslöst», sagt er mit einer wohltuenden Portion Schalk.

Mit Unverständnis reagieren die Leute dann, wenn es einer Pflanze fünf, zehn Jahre gut gegangen ist und sie plötzlich zu serbeln beginnt. Auch hierfür hat der Pflanzendoktor eine Erklärung parat. «Das passiert, wenn die Pflanze in undurchlässige Erde gepflanzt wurde. Das kann über Jahre gut gehen, aber irgendwann sammelt sich zu viel Wasser an den Wurzeln, die Pflanze bekommt keinen Sauerstoff mehr und stirbt langsam ab.» Ein Prozess, der nicht aufgehalten werden kann. Oft käme dies bei Gärten von neuen Einfamilienhäusern vor. Da wird jeweils nach Bauende nur eine flache Schicht sogenannter guter Erde aufgetragen. Das sieht dann einige Jahre wunderbar aus, bis die Bäume grösser werden, ihre Wurzeln tiefer in den Boden graben und dabei in die Schicht stossen, die weder Wasser noch Luft durchlässt.

Unberechenbare Geschöpfe

In all den Jahren hat der Pflanzendoktor so viel erlebt, dass er mit leuchtenden Augen unermüdlich aus seinem Fundus von Geschichten erzählen kann. Er spricht mit einer Begeisterung über Pflanzen, die ansteckend ist. Fast als wären sie Geschöpfe. «Pflanzen sind unberechenbar», erklärt Hermann Zulauf seine Faszination. «Sie sind nicht mechanisch, nicht computerisiert. Die Naturgesetze sind nicht vorhersehbar.» Diese Herausforderung mochte er sein ganzes Berufsleben lang. «Ich wusste am Morgen eigentlich nie, was als Nächstes kommt.» Das habe dann den Terminkalender das eine oder andere Mal auf den Kopf gestellt. Gestört hat ihn das nie. Eher Sorgen bereitete ihm die Führung des Betriebs. «Wissen Sie, Bäume sind geduldig und ehrlich. Das kann man von Menschen nicht immer behaupten.»

In früheren Jahren engagierte sich der heute 72-Jährige auch als Politiker im Grossen Rat des Kantons Aargau. Für die damalige Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) politisierte er zehn Jahre im Grossen Rat. Regelmässig musste er dafür seinen Betrieb verlassen und sich um andere Belange kümmern. Hermann Zulauf wird nachdenklich, wenn er an diese Zeit zurückdenkt. «Im Nachhinein würde ich das nicht mehr machen. Das hat einfach zu viel Zeit gefressen.»

Er produziert Videos

Nichtsdestotrotz hat sich die Zulauf AG stets weiterentwickelt, ist in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen. Mittlerweile ist die 4. Generation der Familie Zulauf am Werk. Hermann Zulauf ist eigentlich längst pensioniert, steht aber im Frühling an den Samstagen gerne am Stand des Pflanzendoktors und berät die Kunden mit seinem Wissen. Auch intern greift man gerne auf seinen Rat zurück. Gar Videos werden mit den Tipps von Hermann Zulauf produziert.

Und auch sonst ist der Pflanzendoktor ein umtriebiger Pensionär. Statt sich zu Hause in einem blühenden Garten auszuruhen, hegt und pflegt er seinen eigenen Rebberg. Weinreben, auch so Pflanzen, die Hermann Zulauf faszinieren und in den Bann ziehen.