Mülligen
Der neue Ammann war früher Gefängnisdirektor

Ueli Graf ist der neu gewählte Gemeindeammann von Mülligen. Mit der az spricht er über nordkoreanische Verhältnisse in der Region und seine neue Wahlheimat.

Matthias Hausherr
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Rund 15 Jahre lang war Ueli Graf Gefängnisdirektor der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf.Ham

Rund 15 Jahre lang war Ueli Graf Gefängnisdirektor der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf.Ham

Matthias Hausherr

Der neu gewählte Gemeindeammann von Mülligen ist ein dankbarer Gesprächspartner. Ausführlich gibt Ueli Graf Auskunft und bedankt sich gar über das Interesse, das ihm an seiner Person entgegengebracht wird.

Er, der am 14. Juni laut eigener Aussage «mit fast nordkoreanischen Verhältnissen» in sein neues Amt gewählt wurde, ist sich bewusst, dass er damit auch eine Bringschuld gegenüber der Bevölkerung hat. Nicht zuletzt, da er noch nicht einmal ein Jahr in Mülligen wohnt und mangels anderer Kandidaten bereits zum Gemeinderat und Ammann gewählt wurde.

Ueli Graf

Der parteilose Ueli Graf ist neuer Gemeindeammann von Mülligen. Er tritt sein Amt am 1. Juli an. Nach seiner Position als Direktor der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf wohnt der 67-Jährige seit September 2014 mit seiner Frau in Mülligen. Rund einen Viertel des Jahres verbringt er zudem in seinem Ferienhaus im Burgund. (ham)

Zwischen Mülligen und Burgund

Von seiner letzten Tätigkeit als Gefängnisdirektor in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf wurde er Ende 2012 altershalber pensioniert. «Anfangs bin ich nicht gerne pensioniert worden. Ich dachte, dass ich das noch gut machen könnte. Jetzt, mit etwas Distanz, bin ich froh, dass ich Zeit für anderes habe, das mich interessiert.»

Doch Kreuzworträtsel sind damit nicht gemeint. Nach seiner Pensionierung wollte er eigentlich als Hundeinstruktor arbeiten. Doch auch seine frühere Tätigkeit liess ihn nicht ganz in Ruhe und so steht er im Ruhestand mit seinem Fachwissen dem Kanton Graubünden beim Bau einer neuen Strafanstalt zur Seite.

Ausserdem bildet er mit seinen 67 Jahren noch immer Arbeitsagogen aus, die bei der Integration in die Arbeitswelt helfen. Auch auf die Herausforderungen in seiner neuen Position als Gemeindeammann freut er sich: «Ich fühle mich im Schuss und kann noch bis 75 arbeiten», sagt er.

«Ausserdem bringe ich mit meinem Alter viel Erfahrung in das Amt mit und kann mich gesellschaftlich nützlich machen, wo viele junge Leute eine solche Aufgabe nicht mit Beruf und Familie vereinbaren können.»

Am Mittwochabend fand die «Inpflichtnahme» der neugewählten Gemeinderäte durch Landammann Urs Hofmann statt. Am 1. Juli wird Ueli Graf seinen Dienst als Gemeindeammann dann offiziell antreten.

Doch nach dem Rücktritt von alt Ammann Patrick Bo und Vizeammann Daniel Dubouloz fehlt noch immer ein Gemeinderatsmitglied. Ueli Graf hofft nun, dass sich im besten Fall eine Frau für das Engagement, im bisher ausschliesslich von Männern besetzten Rat, motivieren lässt.

Gefangen im Glashaus

Zur Eigentumswohnung in Mülligen sind er und seine Frau, mit der er seit 41 Jahren verheiratet ist, eher zufällig gekommen. Ihre drei gemeinsamen Kinder sind bereits erwachsen und selber Eltern.

Nach der Pensionierung war für beide klar, dass sie die Wohnung gleich ausserhalb der Strafvollzugsanstalt und damit auch Regensdorf verlassen wollten. Als passionierte Hündeler hat den beiden die Ruhe und Idylle im Walddorf an der Reuss auf Anhieb gefallen. Durch die Spaziergänge mit seinem Hund ist er im Dorf schnell mit den Bewohnern ins Gespräch gekommen, sodass er bei seiner Wahl nicht mehr ein gänzlich Unbekannter war.

In zweiter Generation aus bäuerlichen Verhältnissen stammend und in Zürich aufgewachsen, schätzt Ueli das Ländliche. Auch das Wandern gehört zu seinen Leidenschaften. Seit 44 Jahren ist er Mitglied im Schweizerischen Alpen Club SAC. Viel Zeit verbringt er auch in seinem Ferienhaus auf dem Land im Burgund. Dort widmet er sich der Gartenarbeit und liest leidenschaftlich gerne Bücher.

Seine Laufbahn begann der ausgebildete Sozialpädagoge und Psychologe in den 70-er- Jahren in der Beobachtungsstation für straffällige Jugendliche in Dielsdorf. Dann zog es Ueli Graf mit seiner Familie für fast 20 Jahre ins Luzernische, wo er ein Jugendheim und später eine Stiftung für Schwerbehinderte leitete. In dieser Zeit sass er auch für die FDP im Grossen Rat des Kantons Luzern. Heute ist er parteilos.

Als Leiter in verschiedenen Institutionen sah er in der Berufung zum Direktor der Strafvollzugsanstalt Pöschwies die grösstmögliche Herausforderung bezüglich Komplexität und gesellschaftlicher Brisanz: «Für einen Institutionsleiter ist der Strafvollzug quasi die Champions League und Pöschwies – die grösste und modernste Anlage in der Schweiz – gewissermassen der FC Barcelona.»

15 Jahre lang vermittelt er im schwierigen Interessenausgleich zwischen Gefangenen, Mitarbeitern und Behörden. «In dieser Position sitzt man wie in einem Glashaus. Es ist wie bei einem Fussballtrainer: Alle rufen von aussen rein und glauben zu wissen, wie man es am besten macht.»

In der Bevölkerung konstatiert Graf momentan eine gewisse «voraufklärerische Stimmung von Brot und Wasser», die einem Rechtsstaat unwürdig sei. «Das Eingesperrtsein schadet dem Mensch grundsätzlich. Alle nötigen Interventionen, die eine Verbesserung herbeiführen könnten, wie etwa die Therapie, werden von einigen Kritikern völlig verkannt. Aus ihrer Sicht war ich immer ein ‹Kuschelvollzügler›».

Mord im Gefängnis

Aber auch seine eigenen Ansichten haben sich im Verlauf dieser Zeit geändert, und so glaubt er heute nicht mehr daran, dass jeder Häftling entlassen werden kann. «Trotzdem», betont er, «soll auch bei solchen Fällen die Unterbringung menschenwürdig sein.»

Ein Fall während seiner Amtszeit, der ihn besonders erschüttert hat, war der Mord eines Insassen an einem Mitgefangenen. Erst wollte Ueli Graf den Dienst quittieren, doch eine Therapie liess ihn auch diesen Schlag überstehen und krisenresistenter daraus hervorgehen: «Ich bin jemand, der sich nicht nur bürokratisch mit etwas befasst, sondern auch menschlich engagiert, sodass mir auch mal etwas persönlich nahe gehen kann».

Dadurch habe er gelernt, besser zu trennen zwischen dem Privatmenschen Ueli Graf und der Funktion, die er ausübe. Diese Krisenfähigkeit und die Kompromissfähigkeit will er nun in seine neue Tätigkeit miteinbringen.