Erfolgs-Geschichte

Der Millionär von Stilli: Biochemiker wurde mit Erfindung reich – erst interessierte sich kaum jemand für sie

Von der Ostschweiz über San Francisco nach Stilli: Theres und Bruno Oesch vor der im Umbau stehenden Schifflände, die heute dem Ehepaar gehört.

Von der Ostschweiz über San Francisco nach Stilli: Theres und Bruno Oesch vor der im Umbau stehenden Schifflände, die heute dem Ehepaar gehört.

Biochemiker Bruno Oesch erfand in den 90ern den Schnelltest für BSE und machte damit ein Vermögen. Er lebt in Stilli mit Ehefrau Theres. An die Pensionierung will er noch lange nicht denken.

Für das Foto posieren Theres und Bruno Oesch vor der Schifflände in Stilli. 2010 hat das Ehepaar den alten Gebäudekomplex an der Aare mit einem Geschäftspartner gekauft. Ziel war es eigentlich, das traditionsreiche Restaurant zu erhalten, welches nicht mehr in Betrieb war. Doch die Jahre zeigten auf, dass ein Gastronomiebetrieb weit mehr Kosten aufwerfen würde, als ursprünglich geplant war. Was aus der einstigen Traditionsbeiz wird, bleibt offen. Sicher ist, dass die Oeschs in das Wohnhaus nebenan ziehen werden, das zurzeit umgebaut wird.

Bruno Oesch ist ein Selfmade-Millionär, der wenig auf Äusseres gibt. Zwar bewohnt er mit seiner Frau eine riesige Patriziervilla in Stilli, die einst den Schwiegereltern gehörte. Aber die Räume sind ohne jeglichen Schnickschnack eingerichtet. Etwas Luxus sieht man nur in der Garage, wo zwei teure BMW stehen. Sie, 59, ist in St. Gallen aufgewachsen. Er, 62, in Warth TG, wo sein Vater Rebmeister in der Kartause Ittingen war. Kennen gelernt haben sich die zwei in Rom bei der Fontana di Trevi, als sie gleichzeitig eine Münze in den Brunnen hineinwarfen. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Nach Beendigung seines Biochemie-Studiums und der Geburt des ersten Sohnes Fabio zog es die Familie Oesch berufshalber nach San Francisco. Dort wurde Filius Nico geboren. Weil sich das Elternpaar einig war, dass die Kinder in der Schweiz aufwachsen sollten, zog es sie zurück in die Heimat. «Ich kam am 1. August 1990 in Stilli an und feierte gleich den Geburtstag der Schweiz», erinnert sich Oesch und lacht. Eines der Spezialgebiete des damaligen Oberassistenten in der Abteilung für Hirnforschung an der Universität Zürich waren Prionen und die dadurch verursachten Erkrankungen. Wie zum Beispiel BSE, im Volksmund Rinderseuche, die sich beim Fleischverzehr auch auf den Mensch übertragen kann und Auslöser der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit ist.

Mitte der Neunzigerjahre entwickelte Bruno Oesch gemeinsam mit anderen Experten an der Uni ein Verfahren, dank dem man BSE schnell und einfach in der Hirnsubstanz eines geschlachteten Tiers nachweisen kann. Das Interesse am BSE-Schnelltest war gering, die Behörden sahen keine Notwendigkeit dafür. Bruno Oesch, der seine Erfindung gerne auslizenziert hätte, gründete deshalb 1997 mit einem Doktoranden und einem Postdoc die eigene Firma Prionics. Ende der Neunziger und vor allem in den Jahren 2000 und 2001 mehrten sich BSE-Fälle bei Rindern. Der bekannteste Schnelltest, um BSE festzustellen und damit weitere Ansteckungen zu verhindern, war derjenige von Prionics. «Unsere Telefone klingelten Sturm, die Verkaufszahlen schossen durch die Decke», erzählt er.

Am Schluss arbeiteten 120 Angestellte für die mittlerweile in Schlieren domizilierte Firma. Ohne seine Frau Theres, die Buchhaltung und Administration für den florierenden Betrieb übernahm, wäre das alles nicht möglich gewesen, ist sich Bruno Oesch gewiss. Prionics entwickelte weitere diagnostische Tests für Maul- und Klauenseuche, Schweinepest oder Rindertuberkulose. Für seine überragenden Leistungen in der Tierdiagnostik wurde ihm der Ehrendoktortitel der Universität Zürich verliehen. Um seinen beruflichen Aufstieg macht Bruno Oesch nicht viel Aufhebens. «Ich bin ein Pragmatiker und immer positiv eingestellt. Natürlich gab es ab und zu auch Probleme. Aber die waren für mich da, um gelöst zu werden», sagt der Hardworker seelenruhig.

Nach dem Verkauf der Prionics an die US-Firma Thermo Fisher mit Sitz in der Schweiz gründete er 2010 die Neurotune AG. Mit seinem Team entwickelte er ein Molekül, dass die krankheitsbedingte Zerstörung der Synapsen beim Menschen verhindern soll, die für die Verbindung zwischen Nerven- und Muskelzellen sorgen. Zurzeit finden Tests in den USA statt. Ebenfalls ist Bruno Oesch CEO der Malcisbo AG, die Impfstoffe gegen bakterielle Krankheiten bei Hühnern herstellt. Dazu gehören Campylobacter-Bakterien, die beim Menschen schwere Durchfall-Erkrankungen verursachen können.

Theres Oesch hat sich mittlerweile aus den Geschäften ihres Mannes zurückgezogen. Die leidenschaftliche Sängerin ist Mitbegründerin des Projektes «Stimmsitz» von Musiker und Coach Marc B. Lay mit Kurslokal in der Brugger Altstadt, in dem verschiedene Trainings für Gesangs- und Sprechstimme angeboten werden. Zudem gehört sie zum Vorstand des Aargauischen Gemeinnützigen Frauenvereins.

Ein Aufhören kommt nicht infrage

Sich für die Gesellschaft und das kulturelle Leben einzusetzen, ist dem Ehepaar Oesch enorm wichtig. Deshalb wollte es 2013 das Bossarthaus in Windisch erwerben. Doch der Einwohnerrat beschloss, das Haus doch im Gemeindebesitz zu behalten. Theres und Bruno Oesch könnten sich mittlerweile alles leisten, was sie sich wünschen. Der grösste Luxus ist für die beiden aber nur eines: Zeit. Zum Beispiel, um gemeinsam Golf zu spielen. Oder an einem freien Tag in Ruhe zu frühstücken und zu lesen. An eine Pensionierung denkt Mittsechziger Bruno Oesch jedoch nicht im Entferntesten. Er möchte weiterhin arbeiten und neue Entdeckungen auf noch unbekannten Gebieten machen.

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