Kinderheim
Der Mann mit der Fliege wird persönlich

Gesamtleiter Rolf von Moos sagt, warum er bisher nur mit einer Mitarbeiterin per Du war, wie er sich vor vier Jahren seinen Bubentraum erfüllt und welchen richtungsweisenden Entscheid der Kinderdelegiertenrat vor einigen Wochen gefällt hat.

Claudia Meier
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Michael Hunziker

Als Gesamtleiter Rolf von Moos 1998 seine Stelle im Kinderheim Brugg antrat, musste er unter anderem auch die Goldfische füttern, die Radiatoren entlüften und Heizöl einkaufen. «Meine Mutter rief mich jeweils an, wenn der Ölpreis tief war», erzählt der 57-Jährige am runden Tisch in seinem etwas chaotisch wirkenden Büro und lacht herzhaft. Vieles hat sich seither in der Brugger Institution verändert, doch einiges ist geblieben. Zum Beispiel die Fliege.

Bei jeder besonderen Gelegenheit sowie bei offiziellen Medienterminen trägt Rolf von Moos eine Fliege. Etwa 15 Stück besitzt er. Die meisten davon erhielt er geschenkt. «Im Militär trug ich natürlich eine Krawatte», fährt von Moos fort. Für die Fliege gibt es aus seiner Sicht drei Gründe: Erstens hatte von Moos nach seiner Ausbildung zum Sozialpädagogen einen Chef, der ihn sehr beeindruckte und immer eine Fliege trug. Zweitens stellte er fest, dass sein Körperumfang so weniger betont wird als mit einer Krawatte. Und drittens lässt sich die Fliege im Stress schnell und unkompliziert anziehen. Im Alltag verzichtet von Moos aber gerne auf dieses elegante Outfit. Würde er einem Heimkind beispielsweise für das Jugendfest auch mal eine Fliege ausleihen? «Ja, das kam auch schon vor», sagt er. Amüsiert erzählt von Moos von einem Knaben, der, um besonders chic zu wirken, einmal gleichzeitig Fliege und Krawatte trug.

Vor zehn Jahren ausgezogen

Niemand im Kinderheim nennt Rolf von Moos beim Vornamen. Weder die Kinder noch die Mitarbeitenden. Auch daran hat sich in den letzten 18 Jahren nichts geändert. «Damit bin ich immer gut gefahren», sagt der Gesamtleiter. Einzige Ausnahme war seine Ehefrau Helene Marbet, die von 1998 bis 2010 seine Stellvertreterin und Assistentin war. «Wir sagten uns natürlich Du.» Das Paar wohnte von Anfang an in der Heimleiter-Wohnung. Um gemeinsam eine Institution führen zu können, war es bereit, mit viel Leidenschaft fast rund um die Uhr für das Kinderheim da zu sein und auf Privatsphäre zu verzichten.

Vor zehn Jahren war dann der Zeitpunkt für das Heimleiterpaar reif, für etwas Distanz zu sorgen und in eine eigene Wohnung zu zügeln – zuerst nach Gebenstorf, später nach Oberentfelden. Von Moos’ Ehefrau kündigte vor sechs Jahren, unmittelbar nach dem Kinderheim-Umzug in den Neubau und der Eröffnung der Tagessonderschule, um sich beruflich neu zu orientieren. Er selbst kann sich gut vorstellen, dem Kinderheim bis zur Pensionierung treu zu bleiben. An neuen Herausforderungen dürfte es nicht fehlen.

Postauto-Chauffeur als Traum

Der Wechsel von Heimvater Walther Günthard zu Rolf von Moos war ein Generationenwechsel verbunden mit einem enormen Wachstum. «Der Aufgabenbereich hat sich verändert. Dazu gekommen sind die Notfallgruppe, die Tagessonderschule und die Aussenwohngruppen», bilanziert der Gesamtleiter, der sich als Vizepräsident beim Aargauischen Verband der Unternehmen mit sozialen Auftrag (Avusa) engagiert. Für das Wohl von rund 100 Kindern sorgen insgesamt etwa 100 Angestellte.

Mittlerweile werden Mehrfachbehinderte in anderen Institutionen betreut. «In Zukunft wird es immer wichtiger, Synergien zu nutzen, denn das Geld wird knapper», betont Rolf von Moos. «Dem Kanton kommt es entgegen, wenn er mit weniger Institutionen zusammenarbeiten muss. Für die Kinder sollte es möglichst keine Einbussen geben.»

Im Alltag hat Rolf von Moos nur noch selten direkt mit den Kindern zu tun. Umso wichtiger ist es ihm deshalb, mit ihnen und den Angestellten am Mittag zu essen oder persönlich etwas bei der Wohngruppe vorbeizubringen. Manchmal gönnt er sich sogar eine kleine Auszeit, setzt sich mit den Kindern auf den Boden und spielt mit ihnen.

Während vieler Jahre blieb kaum Zeit für Hobbys. Er, der ursprünglich Postauto-Chauffeur werden wollte und sich dann zuerst für eine KV-Lehre entschied, hat sich vor vier Jahren seinen Bubentraum doch noch erfüllt. «Als sich meine Frau für die Handelsschule anmeldete, entschloss ich mich, die Lastwagenprüfung zu machen», sagt der 57-Jährige. Seit eineinhalb Jahren steht von Moos nun in einem kleinen Pensum regelmässig für Eurobus im Einsatz.

Polizei kommt wegen Eltern

Die Arbeit mit Kindern aus einem schwierigen familiären Umfeld ist anspruchsvoll. Wie gross ist die Gefahr, dass die Kinder abhauen? Rolf von Moos macht kein Geheimnis daraus, dass dies ab und zu vorkommt. «Wir sind keine geschlossene Institution. Wenn sich die Jugendlichen nicht an die Regeln halten und wiederholt verschwinden oder randalieren, muss zusammen mit der einweisenden Stelle eine Nachfolgelösung gesucht werden.» Allenfalls könne das eine geschlossene Einrichtung oder für eine Abklärung die Kinder- und Jugendpsychiatrie sein. Das werde den Kindern auch unmissverständlich klar gemacht. Grundsätzlich müssten sie im Heim häufiger wegen der Eltern, die sich vom Kinderheimpersonal nicht beruhigen lassen, die Polizei rufen als wegen der Kinder.

Derzeit leben keine Tiere mehr im Kinderheim. Die Goldfisch-Ära ist schon lange vorbei und das Büsi starb vor wenigen Jahren. Kürzlich hat sich der Kinderdelegiertenrat wieder für eine Katze entschieden. Laut von Moos wird nun von den Kindern evaluiert, welche Wohngruppe sich künftig um den neuen Vierbeiner kümmern kann.

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