Edler, roter Samtstoff überzieht die Bänke des alten Speisewagens. Werbeschilder aus Email erinnern an längst vergangene Zeiten.

Der Platz ist eng, zwei Menschen kommen im Gang knapp aneinander vorbei. Dieser Wagen könnte Geschichten erzählen – wenn man ihn nur liesse.

Denn in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts fand hier noch das Leben der Reisenden statt: Begegnungen, Gespräche, Blicke. Die Gäste verbanden der Hunger und die Freude am Essen.

Damals verkehrte der Wagen hauptsächlich zwischen Mailand und Rom, seinen letzten Arbeitstag hatte er bereits vor 47 Jahren.

Heute steht der italienische Bahnwaggon schon lange still, abseits des Treibens seiner Gefährten. Es ist der einzige Speisewagen in ganz Europa, der aus dieser Zeit noch erhalten ist. Ein neues Zuhause hat er vorläufig im Bahnpark in Brugg gefunden. Sein Besitzer, ein Zürcher Geschäftsmann, hat ihn dem Verein Dampfgruppe Zürich als Leihgabe übergeben. Hier in Brugg wird der Wagen von einem fünfköpfigen Team gehegt und gepflegt – und für Spezialfahrten zurechtgemacht.

Jörg Keller ist ein Mann mit Arbeiterhänden und dunklem Zwirbelschnauz. Er ist hauptberuflich Kundenmaurer, nebenbei unterhält er einen eigenen Partyservice.

Für diese Geschichte wichtig ist aber vielmehr, dass er sich mit unendlicher Hingabe um die historische Küche kümmert und als Koch auf Spezialfahrten die Gäste verwöhnt.

Der Wagen war zwar schon einige Male wieder in Betrieb, seit er vom offiziellen Schienennetz verbannt wurde. Jetzt steht aber eine besondere Tour an: In zwei Wochen geht die Reise im Rahmen einer Spezialfahrt ins Tessin. «Da bin ich gespannt, wie das wird mit den Kurven», sagt er mit einem kritischen Blick auf die Kupferpfannen, die an der Küchendecke über seinem Kopf hängen.

Wie der Kaiser im Tempel

Der 57-Jährige steht in seiner Küche wie der Kaiser in seinem Tempel. Es ist offensichtlich: Dieser enge Raum ist sein Reich. Bewegen kann man sich auf dieser Fläche praktisch nicht. Der Hobbykoch erklärt: «Umso wichtiger ist es, dass jeder weiss, was er zu tun hat – jeder Handgriff muss sitzen.» In seinem Team kann er auch auf einen Hilfskoch und zwei Mitglieder des Küchen- und Serviceteams zählen.

Keller führt die Besucherin im restlichen Wagen herum. Zeigt, wo früher und auch heute auf den Sonderfahrten die Lebensmittel gelagert werden, öffnet das Eisfach und weist auf den Platz hin, der für den Wein bestimmt ist. Es ist kaum zu glauben: In diesem alten Waggon gibt es keinen Ecken, der als Stauraum ungenutzt blieb. Im Speiseteil des Wagens hebt er später einen Tisch und sagt begeistert: «Sehen Sie, wie praktisch das ist – man kann den Tisch einfach hochheben und festmachen, wenn man putzen muss.» Die Samtbezüge sind alle erneuert worden, «aber originalgetreu», wie Teamleiterin Simone Ulrich einwirft.

Zurück zum Hauptschauplatz, der Küche. «Ich koche hier alles auf den alten Kupferpfannen, ausser das Fleisch, das bereite ich vor», erzählt Keller.

Mittlerweile habe er herausgefunden, in welcher Pfanne das Wasser während der Fahrt überschwappt und in welcher nicht.

In der Küche ist fast alles so geblieben wie vor 90 Jahren. «Das ist uns auch wichtig, es soll ja so aussehen wie im Original», so Keller. Er habe aber beinahe die gesamte Oberfläche abgeschliffen und neu gestrichen.

«Und die Arbeitsfläche haben wir auch ausgewechselt – wegen der Hygiene.» Da steckt eine Menge Arbeit drin, das erkennt sogar ein Laie.

«Insgesamt sind es wohl um die 80 Arbeitsstunden, die ich da aufgewendet habe», schätzt Keller. Der Lohn für die Schufterei und all die investierte Zeit ist nicht Geld. Was ihn antreibt, ist eine neue Liebe: «Wissen Sie, ich habe mich in diese Küche verliebt. Ich habe jetzt eine neue Freundin.»