«Latein ist auch die Sprache der Zauberei.» Im Stapferschulhaus bringt Professor Garrax S. Xandry – Träger des grossen Translator-Ordens – im Kurs «Harry Potter und das magische Latein» den Adepten der magischen Welt eben dieses magische Latein und seine Anwendungen näher. Der Singsaal mit seinem Kreuzgewölbe und der Holzvertäfelung der Wände strahlt dabei zumindest einen Hauch des Rowling-Potterschen Zauberinternats Hogwarts aus. «Latein ist magisch», stellt der Professor im schwarzen Talar fest: «Wir werden jetzt lernen, wie magisch Latein ist.» Und schon geht es – sozusagen in medias res – an die Entschlüsselung von Bezeichnungen von Begriffen und Figuren, denen in den Büchern um den Zaubererlehrling Harry Potter zentrale Bedeutung zukommt.

Vielfältiges Latein

Der Kurs «Harry Potter und das magische Latein» ist nur eines der insgesamt 24 Kursangebote des 3. Schweizerischen Lateintags, der an diesem Samstag zahlreiche Adepten des Lateins – um mit Professor Xandry zu sprechen – nach Brugg gelockt hat. Neben dem magischen Latein geht es zeitgleich in sieben weiteren Kursen um das Latein in der Juristerei, in der Didaktik, in der Literatur, in der Renaissance und in Inschriften an römischen Bauwerken. Es geht um das andauernde und um das beständige Latein und es geht um das Latein für Lateiner. In diesem letzteren Kurs, einem Workshop für junge Lateinkundige, wird ein original antikes Militärdiplom erforscht und der Bedeutung des Militärdienstes für Sklaven und Soldaten der römischen Hilfstruppen nachgegangen. Sogar die Mittagspause wird am Lateintag genutzt.

Im vollbesetzten Rathaussaal geht ein Podium unter der Leitung von az-Redaktor Christoph Bopp der Frage nach, was Latein- und Informatikunterricht zum Verständnis der modernen Welt leisten. Sehr viel, sind sich die Podiumsteilnehmer nach einer angeregten und vergnüglichen Diskussionsrunde einig. «Latein und Informatik als Unterrichtsfächer stecken zwar im Umbruch», sagt Martin Lehmann, Professor an der Pädagogischen Hochschule Bern. «Sie befassen sich aber mit Fragen, die über die Nützlichkeit hinausgehen.» Kurt Jakob, Lehrer an der Kantonsschule Solothurn, betont: «Die Chance der beiden Fächer besteht darin, dass man auf den ersten Blick Unnützliches machen kann.» Hanspeter Siegfried, Lehrer an der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon, stellt fest: «Latein ist ein grosser Teil unserer Tradition. Die kritische Aneignung dieser Tradition muss von jeder Generation geleistet werden.» Und Theo Wirth, emeritierter Dozent an der Universität Zürich, bringt die Sache auf den Punkt: «Überlegen Sie sich: Wie sähe denn unsere Welt ohne die römische und griechische Vergangenheit aus?»

Subversives Latein

Nicht nur das Publikum, das sich am Podiumsgespräch lustvoll beteiligt hat, ist begeistert. Auch Marie Louise Reinert ist es, die Präsidentin des Vereins Lateintag.ch und gleichzeitig Präsidentin des Lateintag-Organisationskomitees. «Ich bin sehr zufrieden», erklärt sie zwischen Tür und Angel, denn schon ruft der nächste Kurs. «Ich bin zwar anfänglich wie auf Nadeln gesessen. Aber das Publikum hat mitgemacht. Latein ist subversiv. Es bringt zum Vorschein, was unter der Oberfläche liegt. Das ist wie beim Pflügen.» Nütz oder unnütz. Im Singsaal des Stapferschulhauses werden Zaubersprüche entwickelt. «Zuerst sollte man sich überlegen was man will», mahnt Professor Xandry. «Dann überlegt man sich, welche Wörter man braucht. Wer keine Lust zum Putzen hat, sage: Purgio! Und die Wohnung ist geputzt.» Mal sehen. Am Freitag ist Putztag angesagt. Latein jedenfalls hat etwas Magisches.