«Gesundheitlich geht es mir wunderbar», stellt Günther Sandfuchs fest. «Erst kürzlich habe ich mich von einem Kollegen untersuchen lassen. Er hat nichts gefunden.»

Auf die Frage, wie er es denn schaffe, auch in hohem Alter gesund und munter zu bleiben, lacht er und sagt: «Passen Sie auf. Ich zeige Ihnen mein Geheimrezept.» Er verschwindet kurz und taucht dann mit einem etwas mitgenommenen Instrumentenkoffer wieder auf. «Diese Handorgel habe ich mit zehn Jahren erhalten - man sieht es der Kiste an», erklärt er, schlüpft in die Riemen, greift in die Knöpfe und intoniert eine Melodie.

Günther Sandfuchs spielt aber nicht bloss Handorgel. In seiner Stube - in der irgendwann die Zeit stehen geblieben scheint - befinden sich auch ein Klavier und ein Harmonium. Auf dem Notenständer des Harmoniums steht zwar eine «Synopsis der Rippen, Lungen und Bronchialäste».

Harmonium und Klavier dienen aber nicht etwa bloss als Ablageflächen. Günther Sandfuchs lässt es sich denn auch nicht nehmen, gleich ein paar Kostproben seines musikalischen Könnens zu geben. «Musik wirkt sich positiv auf den Menschen aus», betont er. «Das ist wissenschaftlich erwiesen. Das ist wie eine Pille.»

Faszination Fliegen

«Mich schätzt niemand auf 95», meint er leicht kokett und lacht.

Und doch: Er hat am 1. September 1918 in Saarbrücken das Licht der Welt erblickt. Damals war Deutschland ein Kaiserreich. Das Ende des Ersten Weltkrieges war zwar absehbar, aber noch hatte sich Kaiser Wilhelm II. nicht in die Niederlande abgesetzt. Später zog die Familie nach Braunschweig, wo Günther Sandfuchs ein humanistisches Gymnasium besuchte.

«Eigentlich habe ich ja zwei Berufe», erklärt er. «Ich habe ursprünglich Maschinenbau studiert.» Früh begann ihn die Fliegerei zu faszinieren. Er kramt ein Bild hervor, das ihn am Steuerknüppel eines höchst fragilen Segelflugzeugs zeigt - eines sogenannten «Zöglings», der mit einem Gummiseil gestartet wurde.

«Ich habe mich dann bei Ausbruch des Krieges freiwillig zur Fliegerei gemeldet», sagt er. «Ich wollte mich drücken. Das schien mir bei den Fliegern am ehesten möglich.» Günther Sandfuchs - «ich habe keinen einzigen Schuss abgefeuert und keine einzige Bombe abgeworfen» - flog als Pilot Transportflugzeuge und wurde zur Überführung von Flugzeugen eingesetzt.

Medizin aus Dankbarkeit

Nach dem Krieg nahm er seine Studien wieder auf. Statt dem Maschinenbau wandte er sich jedoch der Medizin zu. «Ich hatte so viel Glück gehabt», stellt er fest. «Ich sagte mir deshalb: Ich studiere Medizin aus Dankbarkeit.»

1953 schloss er in Göttingen seine Studien mit einer Dissertation über die «Symptomatologie und die pathologische Anatomie des malignen Melanoms» ab. Anfang der Fünfzigerjahre kam Günther Sandfuchs in die Schweiz, wo er in verschiedenen Kliniken tätig war.

1973 legte er in Zürich das schweizerische Staatsexamen ab. Und mit der Eröffnung einer eigenen Landarztpraxis auf dem Bözberg im Jahre 1974 fand er seine berufliche Erfüllung. Auch im hohen Alter hilft Günther Sandfuchs seinen Patienten immer noch mit Rat und Tat. Auch wenn er, wie er feststellt, seine ärztliche Tätigkeit inzwischen reduziert hat.

Im Laufe seines langen Lebens sind Günther Sandfuchs schwere Schicksalsschläge nicht erspart geblieben. 1974 starb sein Sohn Peter bei einer Bergtour und vor sieben Jahren verlor er seine Frau Erika, die er während seines Medizinstudiums kennen gelernt hatte und mit der 50 Jahre verheiratet war.

Trotzdem wirkt Günther Sandfuchs alles andere als verbittert. «Das Leben kann so bereichernd sein», stellt er auf die Frage nach dem Rezept für ein erfülltes Alter fest. «Ich glaube einfach an die Vorsehung. Schicksalsschläge muss man verkraften. Das muss man lernen. Und ich habe so viele Glücksfälle erleben dürfen.»