Windisch
Der kopflose Legionär von Vindonissa gibt Rätsel auf

Das Skelett eines römischen Soldaten ohne Kopf gibt den Archäologen Rätsel auf. Es lag quer in der Landschaft, das Skelett. Nicht in einer Hausecke, wie das für eine rituelle römische Bestattung normal gewesen wäre.

Katja Landolt-Schlegel
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Der kopflose Legionär von Vindonissa

Der kopflose Legionär von Vindonissa

Es lag einfach mittendrin im so genannten Forum, dem riesigen römischen Steingebäude auf der Fehlmannmatte. Die Beine wie ein Embryo eng an den Körper gepresst – aber ohne Kopf, ohne Schultern und Arme.

Als die Archäologen im Mai bei Baggerarbeiten auf dem ehemaligen Schrebergartenplatz auf die Knochen stiessen, standen sie vor einem Rätsel: Ein kopf- und armloses Skelett, angefressen von Pflanzendüngmittel, aber ohne Anzeichen von Gewalteinwirkung, in Embryo-Stellung bestattet – und das, obwohl die Römer ihre Toten doch erst verbrannten und später liegend begruben, wie wir heute.

Muskulöser, reitender Römer?

Heute wissen Grabungsleiter Beat Wigger und sein Team mehr. Fest steht, dass es sich beim Skelett um einen Mann handelt, rund 35 Jahre alt, 162 Zentimeter gross, muskulös und gut trainiert, ein römischer Legionär. Das beweist das Röntgenbild seines Fusses mitsamt der genagelten Schuhsohle. «Die Schuhnägel gehören zu einer ‹Caliga›, einem römischen Soldaten-Schuh», sagt Wigger. Abnutzungsspuren an den Oberschenkelknochen deuten darauf hin, dass er oft eine kauernde Haltung hatte, was für einen Reiter spricht.

Gestorben ist der Reiter im 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus. «Das erklärt, weshalb das Skelett nicht in einer Ecke des Gebäudes bestattet wurde», sagt Wigger. Denn nach heutigen Erkenntnissen wurde das Steingebäude in den Jahren um 50 nach Christus errichtet und Anfang des 2. Jahrhunderts verlassen. Als der kopflose Mann beerdigt wurde, waren die Mauern des Steingebäudes wohl bereits unter Erde begraben.

Todesursache unklar

Weshalb der Mann gestorben ist, ist unklar. «Er scheint nicht geköpft oder gevierteilt worden zu sein», sagt Wigger. Für eine Köpfung fehlen Schnittspuren in den Wirbelknochen und auch bei einer Vierteilung müssten die Knochen typische Merkmale aufweisen. Auch ein Tier scheint sich nicht am Skelett vergriffen zu haben, es fehlen Bissspuren. Ausserdem hätte kein Tier ausgerechnet diese Knochen gestohlen. Auch eine Verwesung von Armen und Kopf ist fraglich, dafür ist der Rest des Skeletts zu gut erhalten. «Wir haben schlichtweg keine Hinweise darauf, wie Kopf und Arme entfernt wurden», sagt Wigger.

Der Kopflose wurde wie ein Päckchen verschnürt begraben. Lederreste auf den Nagelköpfen der Schuhsohle deuten darauf hin, dass der Tote in einen Ledersack gesteckt oder mit Lederriemen zusammengebunden wurde. Diese spezielle Bestattung sei grundsätzlich nicht ungewöhnlich, sagt Wigger: «Aus dieser Zeit gibt es immer wieder Sonderbestattungen.» Aber der fehlende Schädel, die fehlenden Arme, die bereiten den Archäologen Kopfzerbrechen. Denn: «Wir haben das Zungenbein gefunden», sagt Wigger. Ein kleiner gebogener Knochen unterhalb der Zunge. «Der Kopf muss also irgendwann hier gewesen sein.»

Jetzt wird der kopflose Reiter stückchenweise in Plastiksäcke verpackt und eingelagert. Seine Daten werden mit anderen Funden verglichen, bis irgendwann jemand sein Geheimnis löst. Das Geheimnis vom kopflosen Legionär von Vindonissa.