Rüfenach
Der Gemeindeschreiber verlässt nach 42 Jahren den Paragrafen-Dschungel

Rüfenachs Gemeindeschreiber Rolf Meyer geht nach 42 Jahren in Pension. Die Einwohnerzahl hat sich in dieser Zeit fast verdoppelt. Sein Büro ist bereits geräumt, sein Engagement beim Metzgermeisterverband behält er weiterhin bei.

Claudia Meier
Drucken
Teilen
Gemeindeschreiber Rolf Meyer posiert mit seinem Cabriolet: «Am Schluss entdecken sie mich noch in Hollywood.»

Gemeindeschreiber Rolf Meyer posiert mit seinem Cabriolet: «Am Schluss entdecken sie mich noch in Hollywood.»

Mathias Marx

«Das hätte ich wirklich niemals gedacht», sagt Gemeindeschreiber Rolf Meyer auf die Frage, ob er beim Stellenantritt vor 42 Jahren damit gerechnet habe, dass er hier pensioniert würde. Die Zeit hat Spuren hinterlassen: In seinem Büro in der Gemeindeverwaltung Rüfenach dominieren stoffüberzogene Stühle und der dunkelbraune Schreibtisch den Raum.

Hinter seinem Bürostuhl steht die elektrische Schreibmaschine - jederzeit einsatzbereit. «Ja, ab und zu brauche ich sie noch», sagt Meyer. Er sei eben ein «Apparätli-Typ» und setze gerne verschiedene Geräte und Hilfsmittel ein.

Als es aber um die Anschaffung eines Computers auf der Gemeindekanzlei ging, habe er sich zuerst dagegen gewehrt, erzählt Meyer. Er konnte sich nicht vorstellen, dass diese umständlichen Maschinen die Arbeit erleichtern sollen. Aus der Abneigung wurde mit der Zeit Leidenschaft - heute bezeichnet er sich als Computer-Freak.

Einwohnerzahl verdoppelt

Meyer ist in Villigen aufgewachsen und hat im Brugger Advokatur- und Notariatsbüro Dr. Mühlebach eine Verwaltungslehre absolviert. Anschliessend war er auf dem Grundbuchamt in Baden tätig, bevor er in die Dienste der damaligen Volksbank trat. Als er am 1. August 1971 seine Stelle als Gemeindeschreiber in Rüfenach antrat, hatte das Dorf keine 500 Einwohner. Heute sind es knapp 900.

In den letzten Jahrzehnten entstanden neue Einfamilienhaus-Quartiere in Vorder- und Hinterrein. «Das Bauwesen habe ich immer sehr gerne betreut. Wir hatten nie einen Bauverwalter», sagt Meyer. Er hat sich stets als Allrounder verstanden, der auch in Streitfällen nach einer einvernehmlichen Lösung suchte und dafür keinen Aufwand scheute.
Ferien hatten nie Priorität.

«Mehr als eine Woche habe ich nie am Stück bezogen», so der scheidende Gemeindeschreiber. Für grosse Sprünge reichte es also nicht. Doch den Tag, an dem er bei einem Tandemsprung den Fallschirm aus 3000 Meter Höhe souverän auf den Schulhausplatz von Rüfenach steuerte, wird Meyer wohl nie mehr vergessen.

Engagement für Metzgermeister

Die Gemeindekanzlei ist nicht nur Ansprechpartner für die Bevölkerung von Rüfenach; sie ist auch Anlaufstelle für den Aargauer Metzgermeisterverband - die Telefonnummer ist identisch. «Mein Schwiegervater hatte eine Metzgerei. Als der Verband einen neuen Sekretär suchte, fragte er mich an», erzählt Meyer. Er sagte zu.

Das war vor 33 Jahren. «Bei meinem Amtsantritt 1980 gab es im Aargau noch 170 Metzgereien, heute sind es noch rund 90», sagt der Verbandssekretär. Zu den grossen Nachwuchssorgen der Metzger meint Meyer: «Ich empfehle allen Jugendlichen, mal einen Metzgerbetrieb zu besuchen. Denn es kursieren viele falsche Vorstellungen über diesen Beruf. So gehört das Schlachten nur noch bei der Fachrichtung Gewinnung zum Ausbildungsprogramm.» Der Gemeindeschreiber ist überzeugt, dass der Fleischkonsum nicht zurückgehen wird. Die Verbandstätigkeit, die er zu 90 Prozent von zu Hause aus erledigte, will er auch nach seiner Pensionierung weiterführen.

Am 27. August wird Meyer 65 Jahre alt; am 30. August hat er seinen letzten Arbeitstag. Das Büro hat er bereits geräumt. Wenn das Wetter mitspielt, wird er am Schluss seines letzten Arbeitstags mit dem elfjährigen weissen Chrysler-Cabriolet vom Gemeindehaus wegfahren. Er wird mit einem lachenden und einem weinenden Auge aufbrechen in einen neuen unbekannten Lebensabschnitt, weit weg vom Paragrafen-Dschungel, der ihn in den letzten Jahren zunehmend gestört hat und den er keine Sekunde missen wird.

Aktuelle Nachrichten