Ob ihr eigenes Gewicht oder das Wissen um ihr baldiges Ende ihnen den Kopf runterzieht? Wer weiss schon, was Sonnenblumen im Innern bewegt. Auf der Pauluswiese vor dem Paulushuus in Birr recken sie ihre Köpfe jedenfalls nicht mehr fröhlich der Sonne entgegen – traurig lassen auch benachbarte Pflanzen ihre Köpfe hängen und selbst das Treffpunkt-Zentrum mit den weissen, nun gekippten Stühlen macht einen matten Eindruck. Über allem liegt Abschied, und das ist nicht verwunderlich: Der temporäre Paulusgarten wird in den nächsten Tagen umgepflügt – und damit wieder zur gewohnten Pauluswiese. Damit ist ein Projekt beendet, das Iris Bäriswyl Igbeta (Sozialarbeiterin der Römisch-katholischen Kirchgemeinde Brugg) vor Monaten angestossen hatte.

«Vielleicht ein Garten?»

Die Pauluswiese hatte es Iris Bäriswyl schon seit langem angetan. «Damit sollte etwas gemacht werden. Vielleicht ein Garten?», ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Als dann die katholische Kirche im Aargau die Projektreihe Inbewegung2010 lancierte, gelangte Iris Bäriswyl mit ihrer Idee an den Pfarreirat Birrfeld und dieser fand sie «hervorragend».

Friedliche Koexistenz

Eilends wurde ein überkonfessionelles Projekt entwickelt, das alle – «gerade auch Migrantinnen und Migranten» – ansprechen sollte: die Verwandlung der Pauluswiese in einen temporären Garten.

Im April wurde die 12 Aren grosse, der Kirche gehörende Wiese umgepflügt. Und so entstand eine plane, in vier – je 3 bis 3,5 Aren grosse – Felder unterteilte Fläche mit 36 Beeten. Leise Zweifel, ob sich genügend Hobby-Gärtnerinnen und -gärtner für das Bepflanzen melden würden, waren im Nu zerstreut – die Nachfrage war gross, weshalb am 1. Mai 36 Beete «29 Parteien» zugeteilt werden konnten. Diese bepflanzten die Beete flugs mit allem, was ihnen lieb und teuer war. Sonnenblumen, Rosen, Bohnen, Klee, Salat, Radieschen oder Kartoffeln wuchsen so nebeneinander auf und erzielten damit auf der Ebene der Natur, was das Anliegen der Initianten war: friedliche Koexistenz. Um dieses Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft noch zusätzlich zu fördern, wurde in der Mitte des Gartens ein Treffpunkt mit Stühlen platziert.

Wie hatte Iris Bäriswyl doch gesagt: «Wer sich für ein Beet interessiert, zeigt damit, dass er Verantwortung übernehmen will.» Diese Verantwortung wurde am vergangenen Sonntag, beim Erntedankfest in der Pauluskirche, gewürdigt. An Brot mangelte es an diesem Anlass übrigens nicht: Dieses wurde aus biologischem Paulusgarten-Weizen gebacken. Wie geht es weiter? Wird die Pauluswiese ewig Pauluswiese bleiben? Iris Bäriswyl lächelt. Sie hat wohl schon eine Idee... (az)