Er ist jung, hatte bisher noch kein politisches Amt inne und ist entsprechend der Öffentlichkeit kaum bekannt. Dennoch kandidiert der 22-jährige Sandro Wächter aus Schinznach-Bad jetzt offiziell für die nächsten Gesamterneuerungswahlen am 24. September. Nach der Demission von Gemeindeammann Oliver Gerlinger tritt auch der Vizeammann René Fiechter nicht mehr an. Die restlichen drei Gemeinderäte stellen sich der Wiederwahl, zwei Sitze sind vakant.

Wir treffen den Jungpolitiker vor dem Gemeindehaus in Schinznach-Bad. Auf einem Bänkli im Schatten eines Baums sprechen wir über die Ambitionen und die Motivation des 22-Jährigen, ein politisches Amt zu besetzen. Er trägt ein hellblaues Hemd und graue Jeans. Etwas nervös ist er zu Beginn des Gesprächs, hin und wieder muss er nach den richtigen Worten suchen.

Doch geht es um die Fusion von Brugg und Schinznach-Bad, weiss er, was er sagen will. Mit Sandro Wächter versucht ein Gegner der aufgegleisten Fusion den Sprung in den Gemeinderat zu schaffen. Die Bekämpfung des Zusammenschlusses ist eines seiner Hauptthemen für den Wahlkampf. «Die Fusion ist eigentlich eine Übernahme von Schinznach-Bad», sagt der Jungpolitiker. Es werde alles nach Brugg verlegt, Behördengänge entsprechend schwieriger. «Für einen Behördengang müssten wir Geld für Benzin oder den öffentlichen Verkehr ausgeben. Das finde ich nicht richtig.»

Es stört Sandro Wächter auch, dass die Oberstufenschüler mit der Fusion gezwungen werden, in Brugg zur Schule zu gehen. «Der Schulweg ist weit, die Strasse nicht gerade sicher», findet er. Sorgen macht er sich zudem um die Feuerwehr. «In Schinznach-Bad fehlt es an Feuerwehrangehörigen. Es wird schwierig, die Einsatzzeit zu gewährleisten.» Störend findet Sandro Wächter den Umstand, dass bei einer Fusion keine Neuwahlen abgehalten werden und entsprechend ein zweijähriges Demokratieleck entsteht.

Gegner werden aktiv

Mit seiner Kandidatur will er zeigen, dass auch die Gegner der Fusion aktiv werden. Mit anderen Fusionsgegnern – auch aus der Stadt Brugg – will er nun Aktionen planen, voraussichtlich nach den Sommerferien wird konkreter werden, wie sich die Gruppe formieren will.

Sandro Wächter betont, dass er im Wahlkampf als Fusionsgegner auftreten wird. Und selbst bei einer Wahl in den Gemeinderat wird er seine Meinung diesbezüglich kundtun – Kollegialitätsprinzip in der Exekutive hin oder her. Der Gemeinderat von Schinznach-Bad stellt sich bereits jetzt klar hinter eine Fusion mit der Stadt Brugg. «Ich werde mich gegen die Fusion engagieren, bis die Urnenabstimmung durch ist», sagt Wächter.

Jugend soll sich engagieren

Weiter will sich der Jungfreisinnige, der allerdings als Parteiloser kandidiert, als Gemeinderat für die Jugend im Dorf engagieren. «Die Mitgestaltung an Themen im Dorf soll attraktiv sein, auch für die jungen Erwachsenen», sagt er. Mit seiner Kandidatur will er mit gutem Beispiel vorangehen und junge Menschen dazu motivieren, ebenfalls aktiv zu politisieren.

Wichtig ist Sandro Wächter zudem der Wirtschaftsstandort Schinznach-Bad. Dieser soll nach dem Wegzug der Amag gestärkt werden. Neue Firmen sollen beispielsweise mit einer attraktiven Steuerpolitik angezogen werden. Er spricht sich vehement gegen eine Steuerfusserhöhung aus, obwohl der Gemeinde in Zukunft Schulden drohen. «Wir müssen auch die Ausgaben genauer anschauen», sagt er.

Als einer, der sich dem Libertarismus verschrieben hat – eine politische Philosophie, deren Vertreter für möglichst wenig Staat und möglichst viel persönliche Freiheit plädieren – fordert Sandro Wächter auch für die Einwohner von Schinznach-Bad mehr persönliche Freiheit. So findet er beispielsweise die Hundesteuer nicht notwendig. Als gewählter Gemeinderat möchte Sandro Wächter unbedingt im Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern stehen. Der Austausch und die direkte Kritik seien wichtig, betont er.

Kritik kann Sandro Wächter auch austeilen. In den sozialen Medien ist der 22-Jährige sehr aktiv. Und da provoziert er gerne, um eine gewisse Aufmerksamkeit zu erreichen, wie er selber sagt.

«Feminismus gleicht Faschismus»

So schrieb er kürzlich unter einem Beitrag zu Feminismus von Michael Kaufmann, Präsident der Jungen CVP Aargau: «Der heutige Feminismus gleicht eher Faschismus.» Darauf angesprochen, wiegelt Sandro Wächter ab und meint, dass der Vergleich wohl etwas zu harsch ist. Dennoch empfindet er den heutigen Feminismus als bevormundend, als Geschlechterkampf oder auch als «Genderwahnzeugs». «Es geht im heutigen Feminismus nicht mehr um Gleichberechtigung», hält er im Gespräch mit der az fest. In der Schweiz sei die Gleichberechtigung längst erreicht, die 20 Prozent Lohnunterschied zwischen männlichen und weiblichen Angestellten würden nicht existieren. Er bemängelt auch, dass sich hiesige Feministinnen nicht für die echten Probleme engagieren würden. «Ich habe noch nie eine Feministin getroffen, die sich für Frauen in Saudi Arabien einsetzt, wo diese nicht einmal Auto fahren dürfen oder für eine Vergewaltigung gar eine Gefängnisstrafe erhalten», ergänzt er. In der gleichen Facebook-Diskussion benennt er den Stern zwischen der männlichen und weiblichen Bezeichnung – also beispielsweise Schüler*innen – als Judenstern. Er finde solche Markierungen übertrieben. «Warum muss man Geschlechter kennzeichnen?», fragt er.

Konfrontiert mit diesen Aussagen, sagt Sandro Wächter: «Provokation in den sozialen Medien gehört dazu. Da bedient man sich gerne den Klischees.» So habe er sich auch schon anhören müssen, dass er als Kapitalist Kinderarbeit unterstütze. Mit solchen Anfeindungen könne er leben, das politische Klima sei halt rau.

Inzwischen ist in Schinznach-Bad Schulpause. Die Kinder strömen aus dem Schulhaus neben dem Gemeindehaus. Als sich Sandro Wächter für das Fotoshooting mit der az bereit macht, werden die Kinder auf ihn aufmerksam und wollen wissen, ob er denn ein Promi sei. Sandro Wächter muss lachen, erklärt, dass er als Gemeinderat kandidiert. Die Kinder findens lustig, wollen auch mit aufs Foto. Der erste Kontakt mit den künftigen Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern hat Sandro Wächter damit schon mal geknüpft.