Bad-Schinznach
Der Engel im blassgelben Gewand

Seit über fünf Jahren betreut Valery Braun freiwillig Patienten in der Fachklinik aarReha.

Lukas Scherrer
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Die gute Seele der aarReha Schinznach-Bad: Valery Braun in den Räumlichkeiten der Fachklinik. Lukas Scherrer

Die gute Seele der aarReha Schinznach-Bad: Valery Braun in den Räumlichkeiten der Fachklinik. Lukas Scherrer

Lukas Scherrer

«Süüferli», ermahnt Valery Braun ihre Patientin. Behutsam, doch bestimmt hilft sie der betagten Dame aus dem Rollstuhl ins Bett. Sie streift ihr die Pantoffeln ab, legt ihr ein Kissen zwischen die Beine, deckt ihr die Füsse zu und scherzt nebenbei mit ihr. Es ist eine erstaunliche Routine und Vertrautheit, die Valery Braun im Umgang mit ihren Patienten an den Tag legt. Ganz so, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan.

Doch die 72-Jährige ist weder ausgebildete Krankenpflegerin, noch steht sie auf der Gehaltsliste der aarReha Schinznach-Bad. Sie ist eine der 13 freiwilligen Helferinnen und Helfer in der Fachklinik für Rehabilitation, Rheumatologie und Osteoporose. Und dies schon seit mehr als fünf Jahren.

Wichtige Pionierarbeit geleistet

Bereits vor ihrem Engagement in Schinznach-Bad leistete Valery Braun ehrenamtliche Einsätze und versorgte Patienten im Kantonsspital Aarau mit Zeitungen, Magazinen und Naschereien. Doch ganz glücklich war sie mit diesem Amt nie. Zuwenig nah am Patienten, wie sie erklärt. Umso mehr freute sich Valery Braun, als die aarReha mit einer Zeitungsanzeige erstmals nach freiwilligen Helfern suchte. Vor einigen Jahren war sie selbst Patientin dort und erinnert sich an eine ausgezeichnete Pflege und Therapie. «Ich war damals die erste Anruferin», erinnert sich Valery Braun. Gemeinsam mit der Klinikleitung erarbeitete sie ein Konzept für die Einsätze freiwilliger Helfer, leistete also Pionierarbeit. «Ich erzählte meinen Kolleginnen im Spital vom neuen Engagement. Drei von ihnen waren so begeistert, dass auch sie zur aarReha wechselten.»

Als dienstälteste Freiwillige hat Valery Braun heute ein grösseres Pflichtenheft als ihre Kollegen und die Zivildienstleistenden in der Klinik, was sie sehr schätzt. Sie bringt Patienten nicht nur von ihren Zimmern zur Therapie und wieder zurück, sondern betreut sie auch im Alltag. Strümpfe anziehen und Spazieren gehen sind dabei nur einige ihrer Aufgaben. Auch Botengänge übernimmt sie, bringt Blutproben ins Labor oder kümmert sich um die Pflanzen auf der Etage. Die Hilfe der freiwilligen Mitarbeiter in den blassgelben Gewändern ist auch bei den Zivildienstleistenden der aarReha sehr willkommen. Gerade am Vormittag sind diese nämlich immer stark ausgelastet. «Ohne freiwillige Helfer wie Valery Braun wäre unsere Arbeit viel schwieriger», so Michael Kaufmann, Zivildienstleistender in der Fachklinik am Aareufer.

Weltbürgerin mit Helfersyndrom

Sich um Menschen zu kümmern war für Valery Braun schon immer wichtig. Ein kleines «Helfersyndrom» habe sie, lacht die in Lagos geborene Rentnerin. Als ehemalige Flugbegleiterin betreute sie eine Vielzahl von Passagieren. Mit ihrem Mann, der Stationsleiter bei der Swissair war, lebte sie in New York, Buenos Aires, Singapur und vielen weiteren Städten und lernte Menschen aus den verschiedensten Kulturen kennen. Kein Wunder spricht die sympathische Dottikerin heute fünf Sprachen fliessend. Ihr perfektes Französisch wendet sie sogleich bei ihrer nächsten Patientin an, einer lieben alten Dame aus der Romandie, die sie in ihrem Zimmer abholt und – mit einem Schwätzchen begleitet – zur Therapie bringt.

«Es ist wahnsinnig schön, wenn Patienten nach einer Operation oder einem Knochenbruch in der Therapie Fortschritte machen und es ihnen wieder besser geht», erklärt Valery Braun. Natürlich gebe es auch Patienten, die meinen, zu schwach zu sein und resignieren. Doch auch für das Motivieren solch schwieriger Fälle hat die ehrenamtliche Helferin über die Jahre ein «Gspüri» entwickelt. Dabei leisten ihr nicht zuletzt ihre Sprachkenntnisse eine grosse Hilfe. Weil sich einige Patienten oft nur in ihrer Muttersprache mitteilen können, werden Valery Brauns Übersetzungskünste sehr geschätzt. Oft leistete sie damit schon einen wichtigen Teil für den Heilungsprozess.

Leider verläuft die Genesung nicht immer wie geplant. Wenn Schmerzen zu stark werden und Medikamente nicht mehr helfen, muss Valery Braun einsehen, dass ihre Kompetenzen erschöpft sind und die Patienten in die alleinige Obhut der Ärzte geben. «Man muss lernen, sich abzuschotten und nicht zu viele Emotionen zu zeigen», erklärt sie. «Einmal leer schlucken und weitermachen», sei dann die Devise.

Neben ihrem freiwilligen Einsatz in der Klinik gehört vor allem die Musik zu Valery Brauns Leben. Regelmässig singt sie in Chören, Operetten und Theatern und engagiert sich im Verein der Oper Schenkenberg. Auch die Zeit mit ihrem Hund Chili oder ihre Freundschaften mit Menschen aus der ganzen Welt geben ihr Kraft, um sich noch viele Jahre um die Menschen in der aarReha Schinznach-Bad zu kümmern. Ein lobenswertes Engagement, für das Valery Braun nicht Geld oder Prestige erhält, sondern etwas viel Wertvolleres: ein Lächeln tiefer Dankbarkeit auf den Gesichtern ihrer Patienten.

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