Stefan Baumann (39)

Der designierte Brugger Einwohnerratspräsident: «Albisgüetli-Tagung? Da muss ich Sie enttäuschen»

Im Café Papillon in Lauffohr sagt Stefan Baumann: «Das neue Amt ist eine grosse Ehre für mich.»

Im Café Papillon in Lauffohr sagt Stefan Baumann: «Das neue Amt ist eine grosse Ehre für mich.»

Stefan Baumann (39) dürfte der erst zweite Einwohnerratspräsident der SVP werden. Er übernimmt die Verantwortung gerne und freut sich darauf, als höchster Brugger eine andere Perspektive einzunehmen.

Draussen ist es an diesem Januarmorgen noch fast dunkel und kalt. Im Café Papillon im Brugger Stadtteil Lauffohr hingegen ist das Licht warm und das Ambiente sympathisch. Fast an jedem Tisch sitzen Gäste. Auf der Eckbank wartet bereits Stefan Baumann. Der 39-Jährige ist designierter Einwohnerratspräsident und bisheriger Vizepräsident des Einwohnerrats Brugg.

Wird er an der konstituierenden Sitzung am 26. Januar von der Mehrheit der Einwohnerräte gewählt, so ist Baumann für zwei Jahre der höchste Brugger. In der Geschichte des 51-jährigen Stadtparlaments wäre es erst das zweite Mal, dass ein Mitglied der SVP dieses ehrenvolle Amt innehat. 2006/07 präsidierte der damalige SVPler Valentin Meier den Rat.

Als die AZ Stefan Baumann für ein Gespräch anfragte, zögerte er zuerst. Der Bereichsleiter Infrastruktur bei einem grossen Telekommunikationsanbieter wollte sich nicht schon vor der Wahl als Einwohnerratspräsident porträtieren lassen. Hauptsächlich, weil er die demokratische Wahl abwarten will. Weiter geht er davon aus, dass er nicht mit einem Glanzresultat zum Präsidenten gewählt werden wird. Dafür gibt es einen bestimmten Grund. Im Mai 2016 liess sich Baumann als SVP-Ortsparteipräsident von der Lokalzeitung «Regional» zum Thema Sanierung und Erweiterung Schulhaus Stapfer interviewen.

«Feudaler Arbeitsplatz für die Lehrerschaft», lautete sein Fazit im Titel des Hauptartikels, der wenige Wochen vor der Urnenabstimmung über den 10-Millionen-Franken-Kredit erschien. Darin kritisierte Stefan Baumann, dass die Stadt «ihr Vermögen für überteuerte Prestigeprojekte verpulvert». Diese Haltung des Vizepräsidenten zu einem Einwohnerratsentscheid kam bei den anderen Fraktionen nicht gut an. Auch hat sich Baumann mit Stellungnahmen und Leserbriefen aktiv gegen den geplanten Zusammenschluss von Brugg und Schinznach-Bad ausgesprochen.

Parteien diskutierten die Vorbehalte

Anfang Jahr fand eine Vorbereitungssitzung zwischen den Ortsparteien und den Fraktionspräsidenten statt. Dabei wurden Vorbehalte zu Baumanns Rollenverständnis für das höchste Amt diskutiert.

Der SVP-Politiker machte jedoch klar, dass er eine erhöhte Aufmerksamkeit, die er allenfalls als Einwohnerratspräsident bekommt, nicht für persönliche politische Zwecke nutzen würde. Er wisse, dass seine Aufgabe in erster Linie darin bestehe, für einen einwandfreien Ratsbetrieb zu sorgen und die Stadt Brugg an repräsentativen Anlässen ehrenvoll zu vertreten. Baumann will zwar SVP-Ortsparteipräsident bleiben, die Arbeit werde aber während seiner Zeit als Einwohnerratspräsident auf mehrere Schultern verteilt. Das habe er mit seiner Partei so besprochen, betont er.

Unter anderem die CVP lässt sich vor der konstituierenden Sitzung nicht in die Karten blicken. «Die Wahl des Einwohnerratspräsidenten und des Vizepräsidenten ist Sache der Fraktionen und findet an der Einwohnerratssitzung in geheimer Abstimmung statt», teilen Fraktionspräsidentin Barbara Iten und Stadtparteipräsident Matthias Rüede mit. Die CVP akzeptiere selbstverständlich, dass jetzt turnusgemäss die SVP an der Reihe ist. Jedes Fraktionsmitglied werde an der Einwohnerratssitzung die für sich richtige Wahl vornehmen. Ähnlich tönt es bei der SP.

«Prinzipiell möchte die SP an der bisherigen Tradition festhalten, dass der Vizepräsident des Einwohnerrats nach zwei Jahren zum Präsidenten gewählt wird», sagt Co-Präsident Heini Kalt. Baumann habe am Treffen der Partei- und Fraktionspräsidenten glaubhaft versichert, dass er als Präsident des Rats dessen Entscheide mittragen werde. «Wie viele Stimmen Stefan Baumann von der SP erhalten wird, werden wir nicht kommunizieren», hält Kalt fest. Stadtschreiber Yvonne Brescianini kann sich nicht erinnern, dass in Brugg je ein Vize die Wahl zum Einwohnerratspräsidenten nicht geschafft hätte.

Stefan Baumann, der mit einer Zwillingsschwester und einem zwei Jahre älteren Bruder aufwuchs, verbrachte die ersten sechs Jahre seines Lebens in Rein. Anschliessend zogen die Kinder mit der Mutter nach Brugg, zuerst ins Westquartier und er selber vor elf Jahren nach Lauffohr Dorf. Alle obligatorischen Schulen besuchte Baumann in Brugg, wurde mit der Pfadi gross und engagierte sich dort auch als Leiter.

Beim damaligen Jugendcafé Easy der reformierten Kirche war er im Vorstand aktiv und sportlich betätigte er sich bei den Rettungsschwimmern sowie im Judoklub. Der Sport ist ihm immer noch sehr wichtig. Bei der ABB machte er die Lehre als Elektroniker und bildete sich an der Technikerschule zum Informationstechniker weiter. Vor acht Jahren schloss er ein Management-Studium ab.

Zusammenarbeit, wo es Sinn macht

Zur Politik kam Baumann eher zufällig über seinen Nachbar Valentin Meier. Die beiden kannten sich von der Feuerwehr. Weil ihn die Wertehaltung der SVP (Eigenverantwortung, Föderalismus, schlanker Staat) überzeugte, liess sich Baumann 2009 zum ersten Mal auf deren Einwohnerratsliste setzen. Mit der Wahl ins 50-köpfige Stadtparlament klappte es aber erst vier Jahre später. In der Folge übernahm er das Präsidium der zirka 80 Mitglieder zählenden Ortspartei. 2017 verlor die bisher elfköpfige SVP-Fraktion zwei Sitze. Baumann schaffte es mit 778 Stimmen auf Platz 4.

Dass sich viele Einwohner kaum für Lokalpolitik und die direkte Demokratie interessieren, bedauert Baumann. Für ihn ist die Gemeinde als kleinste politische Einheit ein wertvolles Gut, das es zu pflegen gilt. Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden soll es punktuell dort geben, wo es wirklich Sinn macht.

«Brugg liegt mir sehr am Herzen», sagt der 2007 eingebürgerte Ortsbürger. Dafür nimmt er täglich einen Arbeitsweg von einer bis eineinhalb Stunden pro Strecke nach Zürich auf sich. Beim Telekommunikationsanbieter leitet er das Infrastruktur-Team mit drei Festangestellten.

Das Amt als Einwohnerratspräsident wird einige zusätzliche Verpflichtungen mit sich bringen. «Für mich ist klar, dass ich dieses Amt richtig machen und den damit verbundenen Aufgaben gerecht werden will. Das habe ich auch mit meinem Arbeitgeber so besprochen», betont Baumann. Er freut sich darauf, als höchster Brugger eine andere Perspektive einzunehmen und neue Leute kennenzulernen. Gute Organisation ist deshalb etwas vom Wichtigsten für ihn, damit er in Zukunft neben seinem anspruchsvollen Beruf auch genügend Zeit für seine Frau, die Politik und seine Hobbies hat.

Die Feuerwehr bedeutet ihm viel

Stefan Baumann spricht erstaunlich leise und ist kein hemdsärmeliger SVP-Politiker, wie man sie vom Fernseher kennt. Obwohl er in der Limmatstadt arbeitet, war er noch nie an der legendären Albisgüetli-Tagung der SVP. «Da muss ich Sie enttäuschen», sagt er ganz ruhig und lächelt. Dass er aber in einem Saal voller Leute durchaus souverän auftreten kann, bewies er beispielsweise am letzten Samstag beim Ripplifrass im Salzhaus.

Als Beisitzer im Vorstand des Rettungskorps Brugg führte er zügig den Appell der über 100 anwesenden Feuerwehrangehörigen durch. Später wurde er als Vize-Fähnrich wiedergewählt. Diese schöne Tradition, um die Kameradschaft unter den Feuerwehrleuten zu pflegen, begleitet Baumann schon länger als sein halbes Leben.

Seit er 18 Jahre alt war, leistet er Feuerwehrdienst und übt als Offizier diverse Funktionen aus. Als Einwohnerratspräsident kann er voraussichtlich nicht mehr jede Übung besuchen. «Auch wenn ich dieses neue Amt nicht aktiv angestrebt habe, so ist es doch eine grosse Ehre für mich. Ich freue mich darauf und übernehme diese Verantwortung gerne», sagt der 39-Jährige zum Schluss, packt seine Tasche und macht sich auf den Arbeitsweg nach Zürich.

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